Woher kommen die Guggenmusiken? Die Basler haben's erfunden!
Die Hüttä-Rüttler Mauchen dürfen bei keinem Umzug fehlen. Der Ursprung der Guggenmusik liegt in Basel. Bild: Peter Rosa
Die Hüttä-Rüttler Mauchen dürfen bei keinem Umzug fehlen. Der Ursprung der Guggenmusik liegt in Basel. Bild: Peter Rosa | Bild: Peter Rosa
Kanton Aargau/Hochrhein
08.02.2018 12:29
Guggenmusik sind von der Fasnacht am Hochrhein nicht mehr wegzudenken. Aber wie sind sie eigentlich entstanden? Auch wenn sich Luzern und Basel um die Etablierung streiten, enstanden die Guggenmusiken in der Schweizer Fasnachts-Metropole Basel. Auch die Deutschen haben sich vom Trend anstecken lassen, die erste Guggenmusik auf deutscher Seite wurde 1953 in Lörrach gegründet.

Kreis Waldshut – Vom Schmutzigen Donnerstag an regiert auch im Kreis Waldshut die Kakophonie in Gestalt der Guggenmusiken. Die Basler haben sie erfunden, aber inzwischen gibt es über 800 Guggen in halb Europa.

Ja, die Basler haben die Guggenmusik Anfang des 20. Jahrhunderts erfunden. Der ewige Streit zwischen Basel und Luzern, wer die Guggen in der Fasnacht etabliert habe, lässt sich durch einen Abstand von etwa vier Jahrzehnten eindeutig entscheiden. Dafür hat Luzern heute Basel den Rang als Trendsetter abgelaufen. Inzwischen ist die Guggenmusik längst eine eigenständige Subkultur geworden, die sich nur kurz nach dem Guggen-Export von Basel nach Luzern 1948 entstanden auch in Deutschland die ersten Guggenmusiken, natürlich in den Nachbarstädten: In Lörrach die Gugge 53, die ihr Gründungsjahr im Namen trägt, sowie in Weil am Rhein 1965 die Zinke Waggis.

Ab den 80er Jahren breiteten sich die Guggen von Basel gleichmäßig im Kulturraum der schwäbisch-alemannischen Fasnacht aus, im Aargau, in der Zentral- und Ostschweiz bis nach Domat/Ems sowie im Süden von Baden-Württemberg, in Bayerisch-Schwaben und Vorarlberg. Auch die Welschen und Tessiner ließen sich anstecken und übernahmen sogar die Bezeichnung "la guggen(musik)".

Daneben gab es immer wieder "Exklaven", die weit weg von Basel gegründet wurden, wie 1983 die "Oschtalb-Ruassgugga" in Aalen, oder sogar außerhalb der schwäbisch-alemannischen Fasnacht, wie 1997 die "Rasselbande" im sächsischen Meerane oder 2005 die "Nodequetscher" in Mainz. Die dortigen Guggengründer hatten direkten Kontakt zu Basel, Luzern oder Lörrach und wurden selbst zu neuen Zentren, in deren Umland sich wieder neue Guggen gründeten. Inzwischen gibt es über 800 Guggenmusiken in der Schweiz, Deutschland, Österreich, Liechtenstein, Frankreich, Belgien, Holland, Tschechien, Großbritannien und Neuseeland. Vielfach hat sich die Guggenmusik von ihrem Ursprung so weit weg entwickelt, dass es zu eigenwilligen Neuinterpretationen kommt: So schreibt eine schwäbische Gugge auf ihrer Internet-Seite zum Beispiel zur Erklärung des Wortes Guggenmusik, es handle sich dabei um eine "Musik zum (Zu-)Gucken".

Auch wenn die Hintergründe oft verloren gingen, die Guggenmusik bleibt der Basler Exportschlager: In der ganzen Schweiz muss man heute niemandem mehr erklären, was eine Gugge ist; und wo in Deutschland der Karneval herrscht wie in Mainz oder Köln, werden die kakophonischen Klänge begeistert aufgenommen. Vor allem im Schwarzwald, wo bereits eine schwäbisch-alemannische Fasnachtstradition existiert, werden die Guggen allerdings nicht überall gerne gesehen. So wird von den Hütern des närrischen Brauchtums in den Fasnachtsverbänden teilweise moniert, dass die Guggenmusiken kein heimischer Bestandteil der jeweiligen Fasnachten seien und die traditionellen Musikformationen, die Katzenmusiken oder Lumpenkapellen, verdrängten.

Das war aber eigentlich schon von Anfang an so. Die erste Guggenmusik unter dieser Bezeichnung in der Basler Fasnacht, die kulturhistorisch zum Karneval zählt, wird 1906 erwähnt. Es sei eine Musik, die "Steine erweichen, Menschen rasend machen kann". Das passte schon damals den Traditionalisten nicht, die die Seele der Basler Fasnacht in den melancholischen Pfyffer und Drummler sahen. Als die ersten frühen Guggenmusiken Anfang des 20. Jahrhunderts in Basel auftauchten, persiflierten sie mit ihren Schlag- und Blechblasinstrumenten die Marschmusik des zunehmenden preußischen Militarismus, der damals auch in der Schweizer Armee herrschte. Diese Geburt aus der Marschmusik ist bis heute in der Instrumentenwahl und der Laufformation der Guggenmusiken sichtbar.

Doch bereits ab der Mitte des 19. Jahrhunderts sind in Basel "improvisierte Musiken", Katzenmusiken oder Charivari-Gruppen belegt. Als erste Gugge, wie man sie sich heute vorstellt, gilt die Jeisi-Migger-Guggemuusig, die 1926 gegründet wurde und noch heute aktiv ist. Der richtige Boom der Guggenmusiken setzte nach dem Zweiten Weltkrieg ein. 1946 waren schon sieben Musikgruppen unter dem Namen Guggenmusik beim Basler Fasnachts-Comité gemeldet, 20 Jahre später 24, Mitte der 80er 67, 1997 dann 78. Heute gibt es knapp 100 Guggenmusiken in der Basler Fasnacht, etwa ebenso viele wie in der Luzerner Fasnacht.

Das Engagement, das die Guggen von ihren Mitgliedern fordern, ist sowohl in musikalischer wie auch in finanzieller Hinsicht höchst unterschiedlich. Obwohl viele Musiker heute noch keine Noten lesen können, reicht das Niveau vieler Formationen inzwischen an jenes von Brass Bands heran. Vor allem die Luzerner Guggen mit ihren treibenden Samba-Rhythmen finden Nachahmer bei vielen jungen Guggen in Deutschland und der Schweiz, insbesondere im Aargau. Auch viele moderne Basler Guggen haben sich diesem Trend nicht verschlossen und erlauben vor allem dem Schlagwerk eine Kreativität, die über das übliche Repertoire von Marschmusik hinausgeht, während geschätzt die Hälfte der Basler Guggen den Rhythmus noch traditionell arrangieren und jedes Stück prinzipiell mit einem Trommelwirbel beginnen.

Die Musikgenres reichen heute von Rock, Pop, über Filmmusik bis zu Techno und Hip-Hop. Während sich die meisten Guggen in Basel und Luzern jährlich ein neues Sujet und damit neue Kostüme zulegen (müssen), gibt es vor allem in der restlichen Schweiz auch andere Formationen, die sich spärlich mit einem Überzugskostüm und etwas Farbe im Gesicht zufriedengeben.

.Wie die Guggenmusik an den Hochrhein kam, und warum die Töne immer professioneller werden: www.sk.de/exklusiv

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