Boris Palmer erweist sich als Zugpferd
Boris Palmer ist ein gewiefter Pragmatiker weitab von extremen Ansichten.
Boris Palmer ist ein gewiefter Pragmatiker weitab von extremen Ansichten. | Bild: Jürgen Witt
Sigmaringen
21.02.2018 18:14
Markanter Auftritt des Tübinger Rathauschefs in der Sigmaringer Stadthalle. 300 interessierte Gäste kommen zur Vorstellung seines Buches, indem er das Thema Flüchtlingsproblematik und Integration im persönlichen Blickwinkel pragmatisch aufzugreifen weiß. Veranstalter ist die Bürgerinitiative "Gemeinsam für Sigmaringen".

Der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer ist auf Einladung der Bürgerinitiative "Gemeinsam für Sigmaringen" in die Stadthalle gekommen, um über sein Buch "Wir können nicht allen helfen – Ein Grüner über Integration und die Grenzen der Belastbarkeit" zu sprechen. Das Flüchtlingsthema bewegt viele Menschen in der Kreisstadt und im Umland – die Halle ist mit über 300 Gästen bis zum Bersten gefüllt. Die Security steht bereit, weil sich über das Internet einige Störer verabredet hätten. Doch es bleibt alles friedfertig.

Bürgerinitiative-Sprecherin Annika Schaefer sagt, der Grüne würde als Exot gehandelt, und spielt damit auf dessen Vater an, Helmut Palmer, der provokant-offensive Einzelkämpfer, als "Remstal-Rebell" bekannt. Allerdings stellt sich dessen Sohn Boris als eigene Marke dar, sprachlich hochtalentiert mit flotten Ansagen, die Entertainmentqualitäten besitzen. Boris Palmer betont, wie wichtig es ihm ist, miteinander zu reden, Diskussionskultur zu pflegen. Dafür setzt er als ein Freund der klaren Sprache ebenso klare Maßstäbe bei den Mitdiskutierenden an.

Die Flüchtlingsproblematik durch die Erstaufnahme in der Kaserne beschäftigt viele Bürger aus Sigmaringen und dem Umland. Die Halle ist mit über 300 Gästen brechend voll beim Vortrag des Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer. Bilder: Jürgen Witt
Die Flüchtlingsproblematik durch die Erstaufnahme in der Kaserne beschäftigt viele Bürger aus Sigmaringen und dem Umland. Die Halle ist mit über 300 Gästen brechend voll beim Vortrag des Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer. Bilder: Jürgen Witt Bild: Jürgen Witt

Für düstere Stimmungsrituale sowie für Verschwörungstheorien jedweder Art ist der 45-Jährige partout nicht zu haben. Energisch tritt er einem Redner entgegen, der den Verdacht einer gleichgeschalteten Presse erhebt. Er geht vorab schon auf Distanz zur Identitären Bewegung, die unter anderem Mutmaßungen über einen planerischen Austausch des deutschen Volkes anstellt. Lauthals krakeelende AfD'ler, die behaupten, alle Flüchtlinge seien widerrechtlich hier, stellt er als "völlig unfähige Gauklertruppe" bloß. Ihn zeichnet ein sehr differenzierter Blick aus, der weit über den Tellerrand hinausgeht. Seine Kritiker formieren sich, rechts wie links, er gilt als Polarisierer.

In seinem Buch nimmt er die Kanzlerin ins Visier, die 2015 die einmalige Aufnahme von fast einer Million Flüchtlinge ermöglichte – mit ihrem legendären Spruch: "Wir schaffen das!" Seine Antwort damals: "Wir schaffen es nicht!" Boris Palmer schildert die Problematik in Tübingen, wo er als Stadtoberhaupt mit seiner Verwaltung den hochgerechneten Wohnungsbedarf für 1400 Flüchtlinge zu organisieren versuchte. Es wird ihm tatsächlich gelingen. Aber das Problem sei weniger der Hausbau als die Genehmigung dafür gewesen. Überhaupt ist es höchst amüsant, wenn er erzählt, welche bürokratischen Hürden sich dabei auftürmen. So hält ein Lärmgutachter die aufploppenden Tennisbälle eines nahe gelegenen Tennisplatzes für grenzwertig, der Verkehrslärm hingegen spiele die kleinere Rolle. Dann krabbelt der Juchtenkäfer hervor und will in einer Baumruine geschützt werden. Im ehemaligen Franzosenviertel sind es die Köttel grasender Schafe, die einen Geruchsgutachter auf den Plan bringen. Dieser müsste ein ganzes Jahr lang herumschnüffeln, um jede Wetterlage hinreichend beurteilen zu können. Bezogen auf die Genehmigungsprozedur bei Flüchtlingsunterkünften lautet Palmers Fazit: "Sollte mal ein Erdbeben kommen, ist Tübingen zwar ausradiert, aber die Container stehen!"

Viele Bücher hat Boris Palmer zu signieren, sein Vortrag weckt reges Interesse.
Viele Bücher hat Boris Palmer zu signieren, sein Vortrag weckt reges Interesse. Bild: Jürgen Witt

Gleichwohl: Die Sorgen wegen einer drastisch überhöhten Kriminalitätsquote unter Flüchtlingen bei Sexualdelikten redet er nicht klein. Er ist für härtere Sanktionierungen, für mehr Polizei. Er sagt aber auch, dass es keine Spezies von kriminellen Migranten gäbe, diese sich vielmehr in ihren Heimatländern bereits als Banden organisiert hätten. Er plädiert für eine Beschränkung auf Flüchtige, deren Not am größten sei und nennt die im Bürgerkrieg unter dem Bombenhagel leidenden Syrer. Seine Devise: "Wir müssen ein Stoppsignal setzen, uns nüchtern um die Probleme kümmern." Das heiße auch, Waffenexporte zu stoppen, den Verpflichtungen gegenüber Afrika endlich nachzukommen.

Als ein Redner beklagt, dass ein Syrer, dreifacher Vater seiner ersten Frau, nunmehr beantragt hätte, sich eine zweite zu nehmen, reagiert Palmer mit schlagfertigem Witz: "Mein Vater hatte Kinder von vier Frauen!" In Einzelfällen hinterfragt er stets, wo denn quantitativ das moralische Problem sei.

Palmer bekennt, unter gewisser Anspannung in die Hohenzollernstadt angereist zu sein. Auch der Sigmaringer Kreisverband der Grünen bangte, ihr grüner OB könnte womöglich rechten Kreisen Vorschub leisten. Das Gegenteil ist der Fall: "Es war ein Fehler, ihn nicht selber eingeladen zu haben", so der Kreisvorsitzende Klaus Harter, überglücklich über Palmers pragmatischen Auftritt.

Zur Person

Boris Palmer wurde am 28. Mai 1972 geboren. Er studierte nach dem Abitur Geschichte und Mathematik an der Uni Tübingen und in Sydney, abgeschlossen mit dem Ersten Staatsexamen. Seit 1996 ist er Mitglied der Grünen, arbeitete in Bundestagsausschüssen mit. Mit 50,4 Prozent wurde er im Oktober 2006 zum Oberbürgermeister von Tübingen gewählt, bei seiner Wiederwahl 2014 erhielt er 61,7 Prozent. Palmer beschäftigt sich in seinem Buch mit der Flüchtlingsintegration. (jüw)

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