Radikale Gedanken zum Geldwesen
In unkonventioneller Sitzordnung beteiligten sich die Gäste an der Veranstaltung der Grünen zum Bedingunglosen Grundeinkommen. Stehend: Wolfgang Ruff, Schatzmeister des Sigmaringer Kreisverbands, bei seiner Begrüßungsrede.
In unkonventioneller Sitzordnung beteiligten sich die Gäste an der Veranstaltung der Grünen zum Bedingunglosen Grundeinkommen. Stehend: Wolfgang Ruff, Schatzmeister des Sigmaringer Kreisverbands, bei seiner Begrüßungsrede. | Bild: Jürgen Witt
Pfullendorf
15.03.2018 17:05
Autor Stefan Mekiffer plädiert für das bedingungslose Grundeinkommen. Grüner Kreisverband Sigmaringen diskutiert im Gasthaus Lamm in Pfullendorf mit interessierten Gästen.

Eines muss man den Grünen lassen: An idealistischen Zukunftsideen mangelt es ihnen nicht. Über das so genannte "bedingunglose Grundeinkommen" haben Parteifreunde des Sigmaringener Kreisverbandes mit einer kleinen Schar an Interessierten eine intensive Debatte zur spannenden Thematik geführt.

Im Nebenraum des Gasthauses "Lamm" stellte sich ihnen unter dem Motto "Zukunft gestalten – Vision greifbar machen" der junge Ökonom Stefan Mekiffer vor. Mit seinem 300 Seiten umfassenden Buch "Warum genug Geld für alle da ist" hat der 30-Jährige nicht nur ein pointiertes Werk geschrieben, das für Aufsehen sorgt, es stellt auch eine radikal neue Geschichte des Geldes dar. Es dient gewissermaßen als Augen öffnende Lektüre, wie Wolfgang Ruff, Kreisverbandsschatzmeister, in seiner Begrüßungsrede als begeisterter Leser den Buchinhalt bewertete. Da passe es, dass die Grünen sich seit Jahren auf Bundes-, Landes- und Kreisebene mit Grundsicherungskonzeptionen zur Armutsbekämpfung und Bildungsverbesserung auseinandersetzen, um eine "solidarische und freiheitliche Zukunft" gestalten zu können.

Mekiffer zeigt in Anbetracht der aktuellen Lage einer nicht enden wollenden Schuldenkrise und dem Mythos von Wachstumswahn neue Denkmuster auf. In klarer Intention spricht er sich für das sozialpolitische Finanztransferkonzept eines bedingungslosen Grundeinkommens aus. Hierbei sollte jeder Bürger, unabhängig von seiner wirtschaftlichen Lage, eine gesetzlich festgelegte Zuwendung erhalten, ohne dafür eine Gegenleistung bringen zu müssen. Ob in Höhe von 1000 oder 1500 Euro zu taxieren sei, dazu wollte sich der Autor nicht festlegen. Jedenfalls helfe dieses Ansinnen, der unvermeidlichen Stigmatisierung Erwerbsloser in der Gesellschaft entgegenzuwirken. Es bedürfe eines größeren Vertrauens in den Mitmenschen, wie Testprojekte bestätigt hätten (siehe Nachgefragt). Mekiffer sieht aber nicht nur den humanitären Ansatz, er argumentiert auch ökologisch: "Die Braunkohle oder die Rüstung und die Waffenexporte sind doch der größte Wahnsinn!"

Interesse hat Buchautor Stefan Mekiffer mit seinem neuesten Buch geweckt, dass sich mit den visionslosen Kriterien des heutigen Wirtschaftens auseinandersetzt. Der Ökonom unterbreitete in Pfullendorf bei einer Veranstaltung der Kreisgrünen seine Vorschläge zur Transformation des Geldwesens und sprach sich für das bedingunglose Grundeinkommen aus. Bild: Jürgen Witt
Interesse hat Buchautor Stefan Mekiffer mit seinem neuesten Buch geweckt, dass sich mit den visionslosen Kriterien des heutigen Wirtschaftens auseinandersetzt. Der Ökonom unterbreitete in Pfullendorf bei einer Veranstaltung der Kreisgrünen seine Vorschläge zur Transformation des Geldwesens und sprach sich für das bedingunglose Grundeinkommen aus. Bild: Jürgen Witt Bild: Jürgen Witt

Hintergrund seines Grundgedankens ist der Tatbestand, dass die Schere zwischen Arm und Reich immer größer wird, die Mittelschicht zusehends zerbricht. Außerdem könne man sich nicht der Tatsache verschließen, dass Automatisierung und künstliche Intelligenz immer mehr Menschen von der Arbeit befreit.

Vor der Diskussionsrunde führten die Grünen ihren Gästen den Film "Free Lunch Society" zum "bedingungslosen Grundeinkommen" vor, bei dem Filmemacher Christian Tod weltweit Vertreter aus Politik, Wissenschaft und Wirtschaft auch zu etwaigen Lösungsansätzen in jener Thematik zu Wort kommen lässt.

Umsetzungsversuche gab und gibt es (neuerdings in Finnland) schon in zahlreichen Ländern rund um den Globus: So richtete US-Präsident Johnson 1967 eine Kommission zu einem garantierten Mindesteinkommen ein, was aber kaum Resonanz fand. Ein interessantes Fallbeispiel zeigte das Projekt für Namibia. Hier wurden mit einer armen Dorfbevölkerung positive Effekte erzielt, mit einem Rückgang der Kriminalität, abnehmender Unterernährung und Arbeitslosigkeit. Letztendlich scheiterte das Pilotprojekt des globalen Netzwerkes an der Ignoranz der zentralen Regierungsbehörde. "Es braucht eben alles ein bisschen Aufklärungsarbeit", so das Fazit des Autors.

Zur Person

Stefan Mekiffer ist Jahrgang 1988. Er hat Wirtschaft, Kulturwissenschaften, Politikwissenschaften und Philosophie in Masstricht, Paris und Berlin studiert. Neben seiner Tätigkeit als Autor tritt er auch als Klezmer-Musiker auf. Er lebt in Berlin und Waldeck/Nordhessen. In seinem aktuellen Buch "Warum eigentlich genug Geld für alle da ist" zeigt er Alternativen auf und präsentiert ein organisches Geldsystem, das ohne künstlichen und zwanghaftes Wachstum auskommt. (jüw)

"Idee wird positiv aufgenommen"

Stefan Mekiffer regt mit seinem Buch neue Denkmuster des Wirtschaftens an.

Sie halten ein Plädoyer für das bedingungslose Grundeinkommen. Es gibt aber das Vorurteil, dass sich viele dann auf die faule Haut legen würden...

Dieses Argument ist durchweg widerlegt. Die Leute arbeiten grundsätzlich gerne. Und es wird die Tätigkeit mit der Wertigkeit verknüpft. Aber es ist in der Tat ein revolutionärer Gedanke.

Für wie realistisch halten Sie diese Idee und wie soll das finanziert werden?

Es ist ein Entwurf für ein alternatives Geldsystem, das, so glaube ich, in den nächsten Jahren noch nicht eingeführt wird. Aber ein bisschen mehr Teilhabe – da käme man schon dahin. Die Finanztransaktionssteuer wäre sicherlich ein guter Punkt, damit anzufangen. Ich denke an Leute, die sehr viel Geld besitzen, die mit Aktien, Währung oder Devisen handeln. Warum versteuern wir Arbeit und nicht das Kapitalvermögen. Im Übrigen wird meine Idee parteiübergreifend positiv aufgenommen.

Fragen: Jürgen Witt

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