Die Geschichte wohnt gleich nebenan
In Singen werden weitere Stolpersteine verlegt. Die Initiative (im Bild von links Roswitha Besnecker, Klaus Mühlherr, Viktoria Hartmann, Heinz Kapp, Ingrid Hagenlocher-Riewe und Hans-Peter Storz) wird von der Stadtverwaltung (links im Bild Oberbürgermeister Bernd Häusler) unterstützt. <em>Bild: Achim </em><em>Eickhoff</em>
In Singen werden weitere Stolpersteine verlegt. Die Initiative (im Bild von links Roswitha Besnecker, Klaus Mühlherr, Viktoria Hartmann, Heinz Kapp, Ingrid Hagenlocher-Riewe und Hans-Peter Storz) wird von der Stadtverwaltung (links im Bild Oberbürgermeister Bernd Häusler) unterstützt. Bild: Achim Eickhoff
Singen
09.02.2018 17:37
In Singen werden Stolpersteine für Ernst Thälmann, seine Frau Rosa und deren Tochter Irma verlegt.

In Singen werden am Dienstag, 20. Februar, sieben weitere Stolpersteine verlegt. Ins Bewusstsein gerückt wird dabei auch die Verbindung von Ernst Thälmann zur Stadt und zum Hegau. Ernst Thälmann zählte in der Weimarer Republik zu den bedeutsamen Politikern, er hatte zeitweise den Vorsitz der KPD inne und gehörte zum Zeitpunkt seiner Verhaftung durch die Nationalsozialisten dem Reichstag an. Elf Jahre war er den Nazis ausgeliefert, die ihn am 18. August 1944 im KZ Buchenwald ermordeten.

Die Verbindung zur Stadt Singen ergibt sich über Ernst Thälmanns Tochter. Die 1919 geborene Irma Thälmann lebte ab Juni 1936 in der Haselstraße 1 bei ihrem Jugendfreund Heinrich Vester, den sie im Juni 1940 heiratete. Ab Dezember 1941 wohnte Irma Vester in der Rielasinger Straße 180, wo sie am 15. April 1944 verhaftet und ins KZ Ravensbrück gebracht wurde.

Auch Ernst Thälmanns Ehefrau und Mutter von Irma Thälmann/Vester verbrachte nach Recherchen der Bürgerinitiative einige Monate bei ihrer Tochter in Singen – und Rosa Thälmann wurde ebenfalls Opfer der Nationalsozialismus: Am 5. Mai 1944 verhaftet, kam auch sie ins KZ Ravensbrück. Mutter und Tochter überlebten mit knapper Not, nach dem Krieg nahmen sie bedeutsame Funktionen in der DDR ein. So war Rosa Thälmann Abgeordnete der SED in der Volkskammer, Irma Thälmann übernahm unter anderem repräsentative Aufgaben für die SED.

Neben Rosa Thälmann und ihrer Tochter Irma wird am 20. Februar auch für Ernst Thälmann ein Stolperstein in der Rielasinger Straße 180 gesetzt. Damit soll an das Schicksal der Familie erinnert werden, außerdem kommt die Initiative damit einem Wunsch von Gunter Demnig nach. Der Künstler aus Köln, auf den die europaweite Aktion der Stolpersteine zurückgeht, hat es sich die Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus zur Lebensaufgabe gemacht. Die Verlegung der Stolpersteine in Singen wird Gunter Demnig selbst vornehmen.

Vier weitere Stolpersteine werden in der Görresstraße 4, am Posthalterswäldle 55 sowie in der Scheffelstraße 15 verlegt. Damit wird an die letzten selbst gewählten Wohnorte von Julius Bader, Maximilian Seebacher sowie Hans und Johanna Kaiser erinnert. Julius Bader (geboren 1906) wurde als KPD-Mitglied und Widerstandskämpfer 1933 verhaftet und kam 1939 nach Zuchthaus- und Lageraufenthalten frei. Maximilian Seebacher (geboren 1907) war Mitglied der SPD, gehörte ebenfalls dem Widerstand an, wurde 1943 verhaftet und kam am 29. Juli 1944 beim Einsatz zur Beseitigung von Bomben ums Leben. Hans und Johanna Kaiser (geboren 1910 und 1909) wurden wegen ihres jüdischen Glaubens verfolgt, ihnen gelang 1938 die Flucht in die USA.

Lange Liste der Opfer

Die Stolperstein-Initiative gibt es in Singen seit 2009, sie wird von Stadtverwaltung und Gemeinderat sowie den Kirchen unterstützt. Seither wurden die Schicksale von ungefähr 70 Menschen so gut wie möglich recherchiert, die Opfer der Verfolgung durch die Nationalsozialisten wurden. Und es gibt noch viel zu tun: Nach Angaben von Hans-Peter Storz enthält die bestehende Opferliste rund 170 bis 190 Namen. Nicht zuletzt wegen des Alters der Mitglieder der Initiative gibt es inzwischen Bedenken, ob alle Opfer-Geschichten aufgearbeitet werden können – deshalb sei jeder willkommen, den die Aufgabe reizt.

Kontakt: www.stolpersteine-singen.de

 

Europa: Kontinent der Stolpersteine

  1. .Verlegung der Stolpersteine: Treffpunkt für die Verlegung der sieben Stolpersteine am Dienstag, 20. Februar, ist um 13 Uhr in der Görresstraße 4. Nach der offiziellen Übergabe der Steine an die Stadt Singen wird hier der Stolperstein für Julius Bader verlegt. Um 13.30 Uhr folgt die Stolperstein-Verlegung am Posthalterswäldle 55 für Maximilian Seebacher. Die Aktion wird fortgesetzt um 13.45 Uhr in der Scheffelstraße, wo ein Erinnerungsort für Hans und Johanna Kaiser entsteht. Um 14 Uhr trifft man sich dann in der Rielasinger Straße 180, wo für Irma Vester (geborene Thälmann) sowie für Rosa und Ernst Thälmann drei Stolpersteine verlegt werden.
  2. .Die Frauen von Ravensbrück: Im Zusammenhang mit der Stolperstein-Aktion wird am Mittwoch, 21. Februar, um 19.30 Uhr im Ratssaal des Rathauses der Film "Die Frauen von Ravensbrück" gezeigt – das nach dem Ort bezeichnete KZ überlebten Irma Vester und Rosa Thälmann. Der Dokumentarfilm von Loretta Walz fasst deren umfassenden Recherchen zu dem größten Frauen-Konzentrationslager der NS-Geschichte zusammen und wurde mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet. Loretta Walz wurde für diese Arbeit ferner mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet und wird nach dem Film mit den Besuchern diskutieren.
  3. .Stolperstein-Initiative: Das europaweite Projekt wurde von Gunter Demnig initiiert, bislang wurden zirka 60 000 Stolpersteine verlegt. Vor den Wohn- oder Wirkungsstätten der Opfer des Nationalsozialismus wie Juden, politisch oder religiös Verfolgten, Bibelforschern, Sozialisten und Kommunisten oder Jenischen, Sinti und Roma sollen die Steine an die Menschenwürde der Verfolgten erinnern. Die Initiative in Singen sieht darin die Chance für die Entwicklung des Geschichtsbewusstseins bei jungen Menschen, bei der Aufarbeitung der Lebensgeschichten können auch Laien mitmachen. Außerdem können Patenschaften übernommen werden oder die Finanzierung eines Stolpersteins (ein Stein kostet 120 Euro). Im Rahmen der Stolperstein-Verlegung am 20. Februar und der Filmvorführung am 21. Februar wird Loretta Walz auch zwei Schulklassen besuchen. (tol)
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