Blick in die Geschichte: Regierungsarbeit im Raucherzimmer
Ging 1986 als Leiter des Rechnungsprüfungsamtes in Pension: Wilhelm Graf hat viele Bürgermeister erlebt.
Ging 1986 als Leiter des Rechnungsprüfungsamtes in Pension: Wilhelm Graf hat viele Bürgermeister erlebt. | Bild: Georg Becker
Von Wilhelm Gohl gibt es kaum Fotografien, das Porträt hat Walter Waentig gezeichnet.
Von Wilhelm Gohl gibt es kaum Fotografien, das Porträt hat Walter Waentig gezeichnet. | Bild: Stadtarchiv Radolfzell
Radolfzell
13.09.2017 19:45
Bürgermeister und ihre Zeitzeugen: Nach dem Krieg holten die Franzosen den Kaufmann Wilhelm Gohl ins Rathaus Radolfzell

Wilhelm Graf hat eine besondere Erinnerung an Wilhelm Gohl: "Er hat mich 1950 mit meiner Frau Elfriede Hierholzer getraut." Es ist nicht die einzige Erinnerung, die Graf an den Bürgermeister hat, mit dem er sich den Vornamen teilt. Gohl war sein erster Dienstherr, als er im Oktober 1946 als junger Mann mit zwanzig Jahren seine Beschäftigung in der Stadtkasse bei Franz Weiser, dem Leiter des Rentamts, aufnahm.

Gohl kam nicht ganz freiwillig in den Dienst der Stadt. Der erste Nachkriegsbürgermeister Otto Blesch trat bereits im November 1945 zurück und die französische Militärverwaltung ernannte den Beigeordneten und selbstständigen Kaufmann Gohl zum Bürgermeister von Radolfzell. Erst 1946 wurde der Inhaber einer Lebensmittelgroßhandlung vom ersten frei gewählten Gemeinderat als Bürgermeister demokratisch bestätigt. Auch Graf betrat nicht aus freien Stücken das Rathaus. Er hatte bei der Sparkasse gelernt, durfte dort aber nicht bleiben, "weil alle Stellen den Kriegsheimkehrern vorbehalten waren". Direktor Susann, der große Stücke auf den jungen Graf hielt, besorgte ihm die Stelle bei der Stadt. "Ich musste Lebensmittelkarten ausgeben und Lohntüten abfüllen, meine Aufgabe als Mädchen für alles gefiel mir gar nicht."

Wenn Bürgermeister Gohl die Flure des Rentamts betrat, sei er ins Büro der Spitalverwaltung gegangen und habe sich dort am Schreibtisch von Spitalverwalter Kurt Möhrle niedergelassen. Dann habe der Mitarbeiter Helmut Bauer Zigaretten gereicht und die Bürotüre sei verschlossen worden. "Sie haben amerikanische Zigaretten geraucht, meistens Lucky Strike", erinnert sich Wilhelm Graf (91) an die Rathausjahre vor der Währungsreform. Wenn die drei Herren rauchten, saß auch eine Nichtraucherin mit im Zimmer: Paula Häusler machte die Abrechnungen für das Krankenhaus und das Altersheim. "Das war die Mutter von Bernd Häusler, dem jetzigen OB von Singen", weiß Graf.

Die Raucherrunden hatten natürlich einen dienstlichen Zweck. Kurt Möhrle war der Redenschreiber von Wilhelm Gohl. "Er hat sie dort an seiner Schreibmaschine getippt", berichtet Graf. Für den Spitalverwalter Gohl zahlten sich die Raucherrunden und das Redenschreiben aus, ihn beförderte Wilhelm Gohl dann später zum Ratsschreiber. Auch für Wilhelm Graf fanden sich neue, anspruchsvollere Aufgaben. Er wurde zur Vorbereitung auf die Währungsreform 1948 mit der Fertigstellung aller Jahresrechnungen seit dem Jahr 1939 beauftragt. "Die waren alle liegen geblieben, das war eine Fleißarbeit." Nach der Währungsreform kümmerte sich Graf um die Umstellung der Buchführung auf die D-Mark.

1955 trat Gohl gesundheitlich angeschlagen von seinem Amt als Bürgermeister zurück. Im gleichen Jahr bestand Graf seine Prüfung an der Gemeindeverwaltungsschule. Drei Jahre später starb Wilhelm Gohl mit 62. Im Nachruf des SÜDKURIER stand: "Er konnte verhandeln und verstand es, die Versorgung der Stadt zu organisieren." Eines seiner größten Projekte war der Waldfriedhof, dort liegt er begraben.

Stadtchronik und Serie

Heike Kempe.
Heike Kempe. Bild: Universität Stuttgart
  • Die Historikerin und Politikwissenschaftlerin Heike Kempe hat für die neue Chronik zum Jubiläumsjahr 750 Jahre Stadt Radolfzell die Geschichte nach 1945 aufgearbeitet. Darin befasst sie sich auch mit dem Wirken der Bürgermeister und Oberbürgermeister. Heike Kempe ist in Radolfzell geboren und hat in Konstanz studiert.
  • Einen persönlichen Blick auf die Nachkriegs- und neuere Geschichte von Radolfzell wollen wir mit unserer Serie "Bürgermeister und ihre Zeitzeugen" werfen.
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