Freifunker erobern den Bodensee
Das Logo der Freifunk-Bodensee-Community.
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Bodensee
20.05.2016 17:50
Bislang war es rund um den Bodensee eher ruhig beim Thema Freifunk. Anfang des Jahres hat sich eine lokale Gruppierung gegründet, die in der Region mithilfe Freiwilliger ein Netz an W-Lan-Knotenpunkten mit Internetanschluss aufbauen will.
Noch ist die Anzahl der grünen Punkte auf der Karte rund um den Bodensee recht übersichtlich. Zumindest im Vergleich zu anderen Regionen wie dem Dreiländereck am Hochrhein oder dem Großraum Stuttgart. Doch das könnte sich bald ändern, wenn es nach Jens Erat und seinen Mitstreitern von der Initiative Freifunk Bodensee geht. Ende Januar dieses Jahres riefen eine handvoll Leute die lokale Community, derer es bereits an die 200 im deutschsprachigen Raum gibt und die nichts mit den Amateurfunkern zu tun haben, ins Leben.

Ziel ist der Aufbau eines nicht-kommerziellen Netzwerks durch den Zusammenschluss von W-Lan-Routern. Diese sind auf der Karte, die die Freifunker vom Bodensee auf ihrer Homepage eingerichtet haben, durch grüne Punkte gekennzeichnet und stehen jeweils für einen Zugangsknoten ins Freifunk-Netz und damit in der Regel auch ins weltweite Internet. Aktuell gibt es rund 70 davon. Wer sich in der Nähe eines solchen Hotspots befindet, kann sich kostenlos und ohne Passwort mit einem mobilen Endgerät wie einem Smartphone einwählen.

"Jeder, der einen Teil seiner Internetverbindung für andere freigeben möchte, kann das mithilfe der Freifunk-Idee sicher, einfach und ohne größere Einschränkungen tun", sagt Erat, der gerade an der Konstanzer Uni an seiner Masterarbeit in Informatik schreibt. Selbst ohne eigene Internetverbindung kann man mitmachen und mit relativ wenig Aufwand und Hintergrundwissen einen eigenen Knotenpunkt einrichten. 

Die einzelnen Knoten, die aus speziellen W-Lan-Routern mit einer eigenen, freien Software bestehen, verbinden sich nämlich auch untereinander, sofern sie nicht zu weit voneinander entfernt stehen. So ist es möglich, dass auch Teilnehmer ohne Internetanschluss den Zugang in jenes bekommen und diesen wiederum weitergeben. Je mehr dieser Knoten bestehen, desto stabiler, dichter und unabhängiger wird das Freifunknetz. Die Unabhängigkeit ist neben der Nicht-Kommerzialität ein wichtiger Aspekt der Freifunk-Idee. Die Netzwerke kennen keine zentrale Einheit und sind so kaum abschaltbar, zum Beispiel durch autoritäre Regierungen.

Kosten entstehen dem einzelnen Teilnehmer nur geringe für den Kauf eines zusätzlichen W-Lan-Routers, die es bereits ab etwa 15 Euro zu erhalten gibt. Bei der Installation der Freifunk-Software helfen die Freifunker weiter. Teilweise gibt es auch fertig konfigurierte Geräte zu kaufen. Erat betreibt selbst einen Zugangsknoten im Konstanzer Stadtteil Allmanndorf und versorgt so eine nahe Flüchtlings-WG mit Internet. Im weiteren Stadtgebiet sind auf der Karte aktuell noch etwa zehn weitere Knoten zu sehen. Von einer flächendeckenden Versorgung ist man also noch weit entfernt. "Wir freuen uns über jeden neuen Mitstreiter, der dazu beiträgt, das Netzwerk zu vergrößern", erzählt Erat. Bei den heutzutage leistungsfähigen Internetanschlüssen falle eine Weitergabe von Bandbreite in der Regel kaum ins Gewicht. Darüber hinaus könne man im Router auch eine Obergrenze festlegen, um den Datenverkehr über das Freifunknetz, der technisch von der eigenen Nutzung abgetrennt ist, zu drosseln.

Freude über geplante Abschaffung der Störerhaftung

Erat und seine Mitstreiter von Freifunk Bodensee, die sich regelmäßig treffen und austauschen, hatten jüngst besonderen Grund zur Freude. Vor wenigen Tagen gab die Bundesregierung bekannt, die sogenannte Störerhaftung, der Freifunker meist skeptisch gegenüberstehen, abschaffen zu wollen. Diese nimmt die Betreiber privater W-Lans in die Haftung, wenn darüber Straftaten, zum Beispiel der Download von raubkopierten Filmen, begangen werden. Abmahnanwälte in Diensten der Inhaber von Urheberrechten haben nicht zuletzt aufgrund dieses Gesetzes viel zu tun. Diese Regelung führte bislang dazu, dass viele Betreiber privater oder nebengewerblicher W-Lans, darunter fallen zum Beispiel Cafés, ihre Netze nicht zur Nutzung durch Dritte geöffnet haben. „Ich kann mir gut vorstellen, dass durch die Abschaffung der Störerhaftung die Bereitschaft privater W-Lan-Betreiber steigt, ihr Netz für andere, zum Beispiel Nachbarn, freizugeben“, meint Erat.

Bislang konnte die Haftungsfrage durch die Nutzung verschlüsselter Verbindungen über sogenannte VPN-Server, wie sie auch die Freifunker vom Bodensee nutzen, umgangen werden. Der einzelne Nutzer ist so nicht mehr zu identifizieren, da der Datenverkehr häufig über ausländische Server, wo eine andere Rechtslage herrscht, umgeleitet wird. Betrieben werden die Server von aktiven Mitgliedern der Community. Derzeit wird ein vierter VPN-Server aufgesetzt. Durch den geplanten Wegfall der Störerhaftung werden diese auch nicht überflüssig werden. Sie dienen auch dazu, isolierte Knotenpunkte über das Internet ins Freifunknetz aufzunehmen.

In Rheinfelden am Hochrhein, wo die lokale Community "Freifunk Dreiländereck" bereits mit etwa 100 Knotenpunkten aktiv ist, unterstützen auch Unternehmen und Behörden mit eigenen Knoten den Freifunk. Auch eine Flüchtlingsunterkunft wird so bereits mit W-Lan versorgt. Ziel ist eine flächendeckende Versorgung mit Internet.

Momentan tüftelt Erat gerade an der Einrichtung von Richtfunkstrecken, mit deren Hilfe es möglich ist, räumlich weiter auseinanderliegende W-Lans ins Freifunknetzwerk (diese werden auch Mesh-Netzwerke genannt) einzubinden. Theoretisch könnten so auch die beiden Seeseiten unabhängig vom Internet miteinander verbunden werden, doch das ist noch Zukunftsmusik.

Neben den Freifunkern gibt es auch noch andere Anbieter öffentlicher Hotspots zur Versorgung mit Internet. Die Städte Konstanz und Radolfzell betreiben in ihren Innenstädten eigene Funknetzwerke, um Bürger und Touristen mit Internet zu versorgen. Auch viele Unternehmen wie Fastfoodketten bieten diesen Service ihren Kunden an. Der Kabelnetzbetreiber Unitymedia will ab diesem Sommer mithilfe der W-Lan-Router seiner Kunden ein eigenes Funknetz für diese aufbauen. Wer nicht mitmachen will, erhält nur eine geringere Bandbreite bei Nutzung der Hotspots.
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