Konstanz hat so viele Startups wie Berlin - pro Einwohner
<p>Beim Gründungstreffen der Startup Lounge Konstanz: Junge Unternehmer schauen voll Zuversicht auf ihre Geschäftsideen.</p>

Beim Gründungstreffen der Startup Lounge Konstanz: Junge Unternehmer schauen voll Zuversicht auf ihre Geschäftsideen.

| Bild: Oliver Hanser
Konstanz
17.04.2016 17:41
Kaum jemand kennt sie, aber sie könnten die Region verändern. Die Universitätsstadt Konstanz und ihr Umland haben eine echte Gründerszene. Wenn sich die Macher treffen, kann man ein wenig in die Zukunft schauen.
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An der noch nackten Wand hängt eine lange Wäscheleine. Mit Büroklammern sind Steckbriefe angeheftet, auf ihnen stellen sich junge Unternehmer vor oder solche, die es werden wollen. Namen von Firmen oder Leuten, die in neue Geschäftsideen investieren wollen, sind auf den ersten Blick nicht zu sehen - aber das macht nichts. Die Gespräche an diesem Abend sind dennoch gut, die Stimmung kündet von Mut und Aufbruchsgeist. Und es kursiert eine interessante Zahl: Pro Einwohner gibt es in Konstanz so viele Gründungen wie in Berlin. Sagt Franz Sauerstein, einer der Initiatoren des Abends, "und wir sind auch hier, um Visionen zu teilen." Auch die Vision von einem brummenden Startup-Standort Konstanz, wo die Gründerkultur noch nicht so weit ausgeprägt ist, wie es an diesem Abend mehrfach heißt.

Für das Neue, Aufregende, Unbekannte steht auch der Ort: Ein Raum am Ende einer ziemlich in die Jahre gekommenen Ladenpassage am Zähringerplatz, zuletzt gab es hier einen temporären An- und Verkauf von Fasnachtskostümen. Jetzt will eine junge Agentur einziehen, die auch Schreibtische zum Mieten anbietet. "Co-Working Spaces" nennt man das: Orte für die Zusammenarbeit, die gerade Existenzgründer aus dem Einzelkämpfer-Dasein befreien und ihnen Infrastruktur sowie Technik bieten sollen.

Versammelt ist eine kleine Welt, wie sie auf den klassischen Wirtschaftsterminen kaum vertreten ist. Man stellt sich nur mit dem Vornamen vor, erzählt begeistert von der eigenen Geschäftsidee, die Hoffnung auf Vernetzung ist weit größer als die Angst vor Konkurrenz. Da ist Konstanz dann auf einmal ziemlich großstädtisch - und ziemlich digital. Fast alle Projekte haben etwas mit dem digitalen Wandel zu tun, Smartphones sind allgegenwärtig, getrunken wird aus der Flasche. Entstehen könnten diese neuen Firmen wahrscheinlich überall, aber hier sind eben die Menschen dazu. Konstanz und die Regionen scheinen ein ganz gutes Pflaster für Innovationen zu sein, wenn man sich mit den Gästen dieses Netzwerktreffens unterhält.

Drei Ziele hat die noch junge Startup-Lounge Bodensee, sagen Philipp Kessler und Franz Sauerstein. Die beiden gehören zu einer kleinen Gruppe, die das neue Netzwerk aufbauen. Kessler baut von Singen aus eine neue App auf, "beseen!" (werde gesehen!) heißt sie. Wer sie installiert hat, bekommt auf dem Handy angezeigt, welche anderen Nutzer sich gerade im Umkreis von 100 bis 1000 Metern aufhalten. Es geht um Kontakt und Kommunikation, schlanker und sicherer als mit Facebook. Sauerstein, den viele in Konstanz noch als früheren Sprecher des Schülerparlaments kennen, hat inzwischen bei Gründerschiff angeheuert - das Unternehmen will beim Aufbau von Startups helfen, an diesem Abend aber will es laut Chef Moritz Meidert die Vernetzung in den Vordergrund stellen: "Ich bin nicht für die Kundenakquise hier", sagt er hinter dem Würstchengrill.

Es ist vor allem die Neugier, die viele an diesem Abend in die noch leere Werbeagentur mit Co-Working Space treibt. Thierry Laboureur arbeitet an Fedsy, einem Portal mit Freizeittipps. Er hofft auf Kontakte, sieht in den Abend aber auch eine Ermutigung, an neue Ideen zu glauben. Dominik Gerspacher und Meryem Mark, die Gastgeber und Betreiber der künftigen Werbeagentur, hoffen nicht nur auf Mieter für ihre Schreibtische, sondern auch auf neue Mitstreiter, die sich bei ihnen - auf selbstständiger Basis - in ihrem Projekt Freelancer Bodensee engagieren. Claus Dürke wiederum hält nach einem Geschäftspartner Ausschau, der seine geplante Internet-Suchseite für Ideen, Patente und Innovationen und damit verknüpfte Nachrichten, www.goinnovation.de, mit voranbringen will.

Die angeregten Gespräche zeigen, dass die Gäste genau dieses Treffen gesucht haben. Sie sind nicht allein, und über die Ankündigung weiterer Netzwerktreffen der Startup-Lounge freuen sie sich ehrlich. Sauerstein lädt sie ein, "von den erfahrenen Gründern zu profitieren" und die Chance zu nutzen "gemeinsam Probleme zu lösen." Eher zum Kapitel "Visionen teilen" gehört Sauersteins Idee, dass die Lounge auch Gründer und Investoren zusammenbringen woll. "Hier bekommt man Zugang zu den spannendsten Gründungen in der Bodenseeregion", verspricht er. Ein Anfang ist gemacht.

Gründer zusammenbringen und Aufmerksamkeit für neue Geschäftsideen schaffen: Das sind Ziele der neuen Startup-Lounge Bodensee.

  • Die Idee: Die Initiative will junge Unternehmen zusammenbringen. Sie selbst formuliert ihr Anliegen so: "Gründer von innovativen Unternehmen mit aussichtsreichem Wachstumspotential sind – unabhängig von ihrem Entwicklungsstadium – herzlich willkommen, sich unserem Netzwerk anzuschließen.Als grenzüberschreitendes Netzwerk sprechen wir auch ausdrücklich Startups aus der Schweiz, aus Österreich und Liechtenstein an. Außerdem sehen wir auch angehende Gründer, die gerade erst auf dem Weg zum Startup sind, als Bereicherung für unser Netzwerk an." Die Teilnahme an der Startup Lounge Bodensee ist kostenlos.
  • Die Macher: Hinter der Lounge stehen unter anderem Philipp Kessler, Franz Sauerstein und Moritz Meidert. Meidert, der seit Jahren in der Gründerszene aktiv ist, legt die Geburtsstunde der Idee auf das Go Business-Innovationscamp, das die Wirtschaftsjunioren im Herbst veranstaltet haben. Innerhalb weniger Monate suchten er und seine Mitstreiter nach möglichen Teilnehmern - die bestehenden Netzwerke in Stuttgart oder Zürich seien einfach zu weit weg.
  • Die Etablierten: Auch die Industrie- und Handelskammer oder das Technologiezentrum Konstanz (TZK) bieten Beratung von Vernetzung von Gründern an. Am TZK gibt es dafür eine eigene Veranstaltungsreihe, für die der SÜDKURIER Medienpartner ist, sie heißt Impulse. TZK-Geschäftsführer Stefan Stieglat sieht die neue Lounge nicht als Konkurrenz zu seinem eigenen Angebot. "Das ist eine sinnvolle Ergänzung", sagt er. Gründer seien gut darin, sich gegenseitig zu helfen. Auch die Wahrnehmung für neue Geschäftsideen könnte nach Stieglats Meinung besser sein: "Die Gründungskultur in Konstanz hat noch Luft nach oben", sagt er. Dafür brauche es nicht nur Zeit, sondern auch Anlässe.
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