Ist die Konstanzer Gams Gustav ein Vorbote für den Wolf am Bodensee?
Dieser herrliche Landstrich zwischen Überlinger See (links) und Gnadensee ist vielleicht die neue Heimat von Gams Gustav – zumindest wurde er hier ausgewildert. Vielleicht ist er auch weitergezogen. Bild: Achim Mende
Dieser herrliche Landstrich zwischen Überlinger See (links) und Gnadensee ist vielleicht die neue Heimat von Gams Gustav – zumindest wurde er hier ausgewildert. Vielleicht ist er auch weitergezogen. Bild: Achim Mende
Dieser Landstrich zwischen Überlinger See (vorne) und Gnadensee (hinten) ist vielleicht die neue Heimat von Gams Gustav. Vielleicht ist er auch weitergezogen. Bild: Achim Mende
Dieser Landstrich zwischen Überlinger See (vorne) und Gnadensee (hinten) ist vielleicht die neue Heimat von Gams Gustav. Vielleicht ist er auch weitergezogen. Bild: Achim Mende
Konstanz
14.05.2018 15:39
Zehn Tage nach der Auswilderung der Gams: Obwohl sich der Bock nicht blicken lässt, geht Tierarzt Heinrich Preiß davon aus, dass es ihm gut geht auf dem Bodanrück.
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Der Volksmund sagt: no news is good news, keine Neuigkeiten sind gute Neuigkeiten. Es ist nicht bekannt, wie es Gustav Gams geht. Jenem Tier, das vor zwei Wochen plötzlich im Konstanzer Industriegebiet auftauchte, sich in einem Zaun verfing und von Tierarzt Heinrich Preiß schließlich zwei Tage gepflegt wurde. Die Gams war entweder von der Schweiz gekommen oder stammt ursprünglich aus dem Donautal.

Auf der Suche nach seinesgleichen

Gustav erhielt eine antiparasitäre Behandlung, wurde am rechten Ohr markiert – und wieder ausgewildert. "In den Wäldern des gräflichen Hauses Bodman", wie Heinrich Preiß erzählt. Bei Langenrain wurde er sich selbst überlassen. "Hier lebt bereits Gamswild", sagte der Tierarzt damals und drückte damit Hoffnung aus, dass Gams Gustav sich seinen Artgenossen anschließt und womöglich für Nachwuchs sorgt.

Denn eigentlich ist das Gamswild ein Herdentier. "Nicht selten aber werden junge Tiere von älteren Männchen weggeschickt", erklärt Heinrich Preiß, der auch Jäger ist. Durch solche Fernwechsel würden neue Besiedlungen möglich. "Es gibt immer wieder Menschen und Tiere, die über den Hügel gehen, um zu schauen, ob das Gras auf der anderen Seite grüner ist."

Immerhin: nicht zum Abschuss freigegeben

Gustav Gams lässt sich beim Vor-Ort-Termin des SÜDKURIER auf dem Bodanrück erwartungsgemäß nicht blicken. Das Vorhaben, sich über das Wohlbefinden des rund zweijährigen Bocks zu informieren, ist aussichtslos. In den Wäldern gibt es steile, tief abfallende Felsen, die für Menschen nicht begehbar sind. Außerdem sind die Tiere extrem scheu und lassen sich nicht gerne sehen. Also gehen wir getreu dem Sprichwort davon aus, dass es Gustav gut geht, solange wir nichts anderes über ihn hören.

Zum Abschuss freigegeben wurde er übrigens nicht, das müsste das Jagdamt machen. Außerdem empfiehlt sich der Verzehr des Tieres für die nächsten Monate sowieso nicht, wie Heinrich Preiß erklärt: "Wegen der antiparasitären Behandlung ist das Fleisch eine gewisse Zeit ungenießbar." Der Tierarzt geht davon aus, "dass es Gustav gut geht. Es wäre doch toll, wenn er eine Gustavine finden und eine Familie gründen würde".

Lob für Tierarzt Heinrich Preiß

Ein kleines Häkchen hat die Geschichte jedoch. Der Besitzer des Waldes, in dem Gustav ausgesetzt wurde, wusste nichts von seinem Glück beziehungsweise dem Glück von Gustav Gams. "Wir haben erst durch den SÜDKURIER erfahren, dass die Gams hier ausgewildert wurde", sagt Förster Reiner Bickel, Betriebsleiter der Wälder der gräflichen Familie Bodman, die schon seit 25 Generationen diese Besitztümer bewirtschaftet. "Wir gehen davon aus, dass das Tier nicht lang hier bleiben, sondern weiter ziehen wird." Einen Vorwurf in Richtung Heinrich Preiß gibt es nicht: "Er hat ja etwas Gutes getan, in dem er das Tier gepflegt und aufgepäppelt hat. Wir sind ihm nicht böse."

Ist der Bodanrück gamsfreundlich?

Gleichwohl sagt er auch: "Wir wollen eigentlich keine Gamspopulation in unseren Wäldern." Auch widerspricht er dem Tierarzt, dass es bereits eine Gams-Population in seinen Wäldern gäbe. Der Bodanrück ist als Molasserücken eine 112 Quadratkilometer große Halbinsel. Molasse ist das Abtragungsmaterial eines Gebirges in der Spätphase seiner Entstehung. Der Begriff leitet sich von dem gleichlautenden französisch-schweizerischen Wort für sehr weich ab. "Das ist als Lebensraum für eine Gams ungeeignet", erklärt Reiner Bickel. "Eine Gams benötigt festen, felsigen Untergrund." Vor einigen Jahren hat er dort mal eine Gams beobachtet, "doch die ist seither nicht mehr gesehen worden. Ich denke, dass sie nicht mehr bei uns ist".

Auch der Wolf wird kommen

In einer Sache ist sich Heinrich Preiß indes sicher: Die Gams wird sich ihr Gebiet erschließen, wo auch immer das sein wird. "Das ist ja das Schöne an der Natur: Auch Wildtiere kommen wieder zurück, das ist klar und nachweislich. Auch der Wolf wird wieder kommen. Das erleben wir ja gerade." Die Tatsache, dass er die Auswilderung von Gustav Gams via SÜDKURIER bekannt machte und nicht offizielle Forststellen darüber informierte, entlockt ihm ein schelmisches Lächeln: "Glücklicherweise muss ich nur eines im Leben: sterben. Eine Gams, die nur sich selbst gehört, darf sich dort niederlassen, wo sie möchte. Und das macht sie jetzt und dabei habe ich ihr geholfen."

Der Baron freut sich über den Gast im Revier

Baron Johannes von Bodman gibt seinem "guten Bekannten Heinrich Preiß", wie er es ausdrückt, auf SÜDKURIER-Nachfrage ebenfalls die Absolution: "Ich mag ihn sehr und bin ihm nicht gram. Für uns ist das kein Problem. Er wollte, dass es der Gams gut und hat sie daher zu uns gebracht. Das spricht für ihn und das spricht für uns."

Das Tier

Die Gämse, vor der Rechtschreibreform Gemse und in der Jägersprache Gams oder Gamswild, bewohnt den gesamten Alpenraum und auch tiefe, felsige Wälder. Das Tier hält sich am liebsten im oberen Waldgürtel auf, steigt im Sommer weiter ins Gebirge empor. Wenn die Gämse unten zu sehr gestört wird, geht sie selbst in die unzugänglichsten Gebiete. Nach Auswilderungen existieren Populationen im Lausitzer Gebirge, im Schwarzwald, dem Naturpark Obere Donau, den Vogesen, dem Jura, auf der Fränkischen Alb – und auf dem Bodanrück, zumindest wenn wir davon ausgehen, dass Gustav sich dort, zumindest temporär, niedergelassen hat.