"Gewalt gegen Frauen gibt es überall. Auch in Konstanz" - Die Konstanzer Organisatorin der Tanzdemo "One Billion Rising" im Interview
Teilnehmer an der Tanz-Demo gegen Gewalt an Mädchen und Frauen stehen am 14.02.2017 in Berlin am Brandenburger Tor und bewegen sich unter Anleitung zur Musik. Die Veranstaltung unter dem Leitmotiv "One Billion Rising Revolution" findet weltweit statt. Foto: Paul Zinken/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++ | Verwendung weltweit
Die Demo "One Billion Rising" findet zur selben Zeit an vielen Orten auf der ganzen Welt statt - wie hier vergangenes Jahr in Berlin. | Bild: Paul Zinken (dpa)
Konstanz
13.02.2018 16:11
Jedes Jahr am 14. Februar tanzen Menschen auf der Straße, um ein Zeichen gegen Gewalt gegen Frauen zu setzen. Die Demo „One Billion Rising“ findet zum ersten Mal auch in Konstanz statt. Wir haben mit der Organisatorin Adrianne Waidelich gesprochen.
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Frau Waidelich, an der Tanzdemo „One Billion Rising“ nehmen jedes Jahr am 14. Februar tausende Städte in 190 Ländern teil. Warum gehen an diesem Tag so viele Menschen auf die Straße?

Jede dritte Frau weltweit wird laut einer UN-Statistik einmal in ihrem Leben vergewaltigt oder Opfer einer schweren Körperverletzung – das macht eine Milliarde Frauen. Mindestens genauso viele Frauen und Männer sollen an diesem einen Tag dagegen auf die Straße gehen, sich erheben – daher der Name „One billion rising“.

Warum machen Sie mit?

Weil ich selbst Gewalt erfahren habe und will, dass der Schmerz aufhört. Der Schwerpunkt der Aktion liegt auf dem Positiven, auf dem Bewältigen von Erlebtem. Etwas tun, etwas organisieren, Teil einer großen Bewegung zu sein – das ist etwas anderes, als nur Worte zu sprechen.

Zu dieser einen Milliarde sollen nun auch Frauen aus Konstanz dazugehören, aufstehen und tanzen.

Genau. Wir sind vier Frauen im Organisationsteam und waren schon vorher befreundet. Diana hatte von der weltweiten Aktion erfahren. Daraufhin fuhren wir vergangenes Jahr zu One Billion Rising nach Tübingen und Karlsruhe. Das hat uns so gutgetan und gefallen, dass wir spontan beschlossen haben, das auch in Konstanz zu organisieren.

Welche Veränderungen erhoffen Sie sich durch die Aktion?

Mir gibt dieser Tanz ein unglaubliches Gemeinschaftgefühl, weil die Aktion in so vielen Ländern gleichzeitig stattfindet. Gewalt gegen Frauen gibt es überall. Auch in Konstanz. Und trotzdem ist es noch ein Tabu-Thema, auf das wir aufmerksam machen wollen.

Aber die #MeToo-Debatte ist inzwischen auch in Deutschland angekommen und thematisiert strukturellen Machtmissbrauch und sexualisierte Gewalt.

Die #MeToo-Debatte ist gut und wichtig. Aber One Billion Rising setzt einen anderen Schwerpunkt. Es geht um das Bewältigen von Erfahrungen, um eine Problemlösung. Und nicht darum, Probleme zu zeigen, wie furchtbar doch alles ist. Das ist für mich ein Unterschied. One Billion Rising macht auf spielerische und leichte Weise auf ein trauriges, schweres Thema aufmerksam.

Und eine Tanzdemo soll das Gewalt-Problem lösen?

Der gemeinsame Tanz ist ein Werkzeug, das einem die Energie gibt, das Problem zu lösen.

Wen wollen Sie mit der Aktion ansprechen?

Alle, die es berührt. Im Besonderen Betroffene, aber auch andere Frauen, denen das noch nicht passiert ist. Um zu vermitteln: Passt auf, dass es euch nicht auch passiert. Wir erwarten sicher nicht, dass irgendein Gewalttäter die Aktion in der Konstanzer Innenstadt sieht und denkt: Ah ja, dann ändere ich mich jetzt. Das wäre überzogen.

An wen können sich Frauen vertrauensvoll wenden, wenn Sie betroffen sind?

Pauschal kann man das schlecht sagen. Es kommt darauf an, ob es gerade akut ist – dann ist der Weiße Ring sicher eine gute Adresse. Oder ob die Gewalterfahrung schon eine Weile her ist, wie sie verarbeitet wurde, und so weiter. Um es festzuhalten: Die Aktion One Billion Rising kann keine Therapie ersetzen.

Im Vergleich mit anderen Ländern, in denen die One-Billion-Rising-Aktion ebenfalls stattfindet, gibt es in Deutschland ein juristisch stabiles System. Wird eine Frau geschlagen oder sexuell missbraucht, kann sie Anzeige erstatten. Wo sind hier die tiefer liegenden Probleme?

Natürlich können wir froh sein, dass wir im Vergleich zu anderen Ländern da ein juristisch stabileres System haben. Trotzdem gibt es auch hier Gewalt gegen Frauen – subtiler, versteckter. Oftmals handelt es sich um häusliche Gewalt. Viele Frauen zeigen einen Missbrauch nicht an.

Wie viele Teilnehmer erhoffen Sie sich für die Demo am Samstag?

Da wir so etwas zum ersten Mal organisieren, können wir das nur schwer abschätzen. Ich wäre mit 100 Teilnehmern total zufrieden. Im Übrigen hatte ich bei der Anmeldung der Demo bei der Stadtverwaltung ein schönes Erlebnis. Ich habe die ganze Zeit meine Mütze aufbehalten, weil ich dachte: Oh je, was der sich jetzt wohl bei dem roten Irokesen-Schnitt denkt? Als ich ihm erklärte, was wir vorhaben, meinte er: „Sie bringen Licht ins Dunkel“. Das hat mich sehr gefreut.

Können denn auch Männer an der Aktion teilnehmen?

Ja, natürlich! Unsere Partner tanzen auch alle mit.

Fragen: Sandra Pfanner

Weltweite Demo

One Billion Rising (englisch für Eine Milliarde erhebt sich) ist eine weltweite Kampagne für ein Ende der Gewalt gegen Frauen und Mädchen und für Gleichstellung. In Deutschland haben sich dieses Jahr nach Angaben der Veranstalter über 170 Städte angemeldet. In Konstanz gibt es einen Tanz-Flashmob am Mittwoch um 16 und 19 Uhr auf der Marktstätte. Bei der Demo am Samstag, 17. Februar, um 12 Uhr mit Startpunkt Marktstätte kann jeder mitmachen – auch, wenn man den Tanz nicht kann.

Infos zu der Initiative im Internet: www.obr-konstanz.de

Daniela Kempf, Diana Kaptur, Adrianne Waidelich und Sandra Sättele proben schon mal die Tanzschritte für die Demo "One Billion Rising" in Konstanz am 14. und 17. Februar. <em>Bild: Gerald Jarausch</em>
Daniela Kempf, Diana Kaptur, Adrianne Waidelich und Sandra Sättele proben schon mal die Tanzschritte für die Demo "One Billion Rising" in Konstanz am 14. und 17. Februar. Bild: Gerald Jarausch Bild: Gerald Jarausch