Junge Wähler im Hegau sagen: "Große Koalition ist nie die beste Lösung"
Auch SPD-Mitglieder im Hegau haben nun eine wichtige Stimme bei der Frage, ob die Große Koalition zu Stande kommt. <em>Bild: Nikolai Sorokin/Adobestock, DPA</em>
Auch SPD-Mitglieder im Hegau haben nun eine wichtige Stimme bei der Frage, ob die Große Koalition zu Stande kommt. Bild: Nikolai Sorokin/Adobestock, DPA
Engen
09.02.2018 17:01
Thema "Groko" beschäftigt nicht nur SPD-Wähler. Der SÜDKURIER hat nachgefragt, was junge Menschen zum No-Groko der Jusos sagegn. Eine Umfrage reflektiert Meinungsbild und Wünsche.

Große Koalition – oder nicht? Diese Frage beschäftigt auch junge Menschen im Hegau. Eine Umfrage des SÜDKURIERS geht den Hintergründen nach. Zum Beispiel im Büro des Engener Gymnasiums-Direktors Thomas Umbscheiden. Dort sitzen drei Schülerinnen um einen Tisch und diskutieren das Für und Wider einer Großen Koalition. "Ich denke, das ist an sich kein schlechtes Konzept, da durch die Große Koalition der größte Teil der Bevölkerung vertreten wird. Nichtsdestotrotz zeigt das Konzept in dem Punkt Schwäche, dass durch mühsame Kompromisse keine Wählerschaft zu 100 Prozent zufriedengestellt werden kann", sagt Franziska Franz vom Wirtschaftskurs des Gymnasiums. Wie ihre Mitschülerinnen ist sie kritisch, sieht dies aber als sinnvollste Lösung für die momentane politische Situation. Auch wenn das Wahlergebnis nicht jedem gefällt, müsse man es akzeptieren – alles andere wäre undemokratisch. Darüber hinaus haben sie die Befürchtung, dass eine Neuwahl extremistische Parteien stärken würde. Nichtsdestotrotz bedeutet die Große Koalition für sie Stillstand und sie hätte sich eine andere Regierung gewünscht, die neuen Schwung und innovative Ideen bringt. Allgemein haben die Schülerinnen das Gefühl, dass die Jugend nicht im Fokus der Parteien steht, weil Union und SPD im Bereich der älteren Bevölkerung ihr Stammpotenzial sehen.

Tim Strobel ist 21, Vorsitzender der SPD in Engen und Mitglied der Jusos: "Eine Große Koalition ist für mich nie die beste Lösung, in diesen Fall gibt es nur leider wenig Alternativen", sagt er. Die Situation war seiner Meinung nach unvorhersehbar. Politisch gesehen könnten bei einer Großen Koalition natürlich auch ein paar gute Sachen entstehen. "Wichtig ist dabei jedoch, dass keine 'Blockpartei' entsteht. Die Parteien müssen sich immer noch klar voneinander abheben und auch Konfliktlinien hervorheben. Andernfalls könnte der Eindruck entstehen, eine große Partei entscheidet alles", warnt er und dies läge seiner demokratischen Vorstellung fern. Eine Alternative könnte eine Minderheitsregierung sein. Die stärke den Wettbewerb der Parteien und rücke die Debatte in den Vordergrund. Doch das Konzept könne Politik eben auch schwächen. "Der Minderheitsregierung stehe ich somit gespalten gegenüber, auch wenn ich sie anfangs für eine sehr gute Alternative gehalten habe." Eine Neuwahl könnte seiner Ansicht nach in viele Richtungen gehen. Zu befürchten sei, dass die SPD Stimmen verliert und die AfD stärker aus dem Rennen geht. Sicher ist für ihn jedoch keine dieser Ausgänge. "Ich sehe die SPD als pragmatische Partei, für die am Ende eine Verbesserung für die Bevölkerung im Vordergrund steht", erklärt sich Strobel die Unentschlossenheit seiner Partei. Erst in die Opposition gehen zu wollen und dann doch Koalitionsgespräche zu führen, findet er – wie viele Juso-Mitglieder, nicht gut. Er sieht aber auch die Problematik dahinter, dass SPD-Vertreter Martin Schulz sich in dieser Situation weder richtig noch falsch entscheiden konnte, beide Entscheidungen hätten Kritik mit sich gebracht.

"Die Parteien müssen sich klar voneinander abheben", entgegnet Tim Strobel von den Jusos. Der 21-Jährige ist auch Vorsitzender der SPDin Engen.
"Die Parteien müssen sich klar voneinander abheben", entgegnet Tim Strobel von den Jusos. Der 21-Jährige ist auch Vorsitzender der SPDin Engen. Bild: (privat)

"Das ganze Hin und Her kratzt natürlich an der Glaubwürdigkeit von Martin Schulz." Die Entscheidung der SPD-Mitglieder wird seiner Vermutung nach knapp ausfallen und doch der Großen Koalition zustimmen, da die Pflicht eine funktionierende Regierung zu schaffen größer ist als der Frust darüber viele Kompromisse eingehen zu müssen. "Für mich könnte die Groko auch eine Art Übergangslösung sein, über die man in zwei Jahren noch mal spricht." Erneuerung der SPD bedeutet für Strobel auch, dass sich mehr junge Menschen in Gremien der Partei einbringen, wodurch auch Bedürfnisse junger Bürger mehr Gehör bekommen würden. "Dadurch würde dann auch die Arbeit, die gerade viele junge Menschen für die SPD leisten, mehr honoriert werden. Wir sind schließlich diejenigen, die auf die Straßen gehen, die Partei vorstellen und bewerben oder auch einen Vorsitz in Gemeinden übernehmen."

Dominique Sigwart, Mitglied der Jungen Union, wägt ebenfalls zwischen Ideal und Vernunft. "Man muss ganz klar unterscheiden zwischen 'bester' Lösung einerseits und 'vernünftigster' Lösung unter den aktuellen Bedingungen andererseits." Damit spielt auch er darauf an, dass die bereits gefallene Entscheidung der Wähler geachtet werden muss und somit nach dem Scheitern der Jamaika-Koalition keine weiteren Möglichkeiten offen bleiben. Klar sei das Optimum subjektiv betrachtet immer die absolute Mehrheit. Aber auch innerhalb der CDU gebe es unterschiedliche Präferenzen: Manche tendieren zur Minderheitsregierung, andere hätten am liebsten eine funktionierende Jamaika-Koalition gesehen. Er selbst findet ein Bündnis von Union und SPD nicht generell schlecht.

"Demokratie erfordert Kompromisse", sagt Dominique Sigwart von der Jungen Union im Hegau.
"Demokratie erfordert Kompromisse", sagt Dominique Sigwart von der Jungen Union im Hegau. Bild: (privat)

"Eine Partei der linken Mitte und eine der rechten Mitte fahren eine zentristische Politik, die auf Interessensausgleich bedacht ist." Dennoch ist er enttäuscht, dass die Union zentrale Ministerposten aufgeben musste, obwohl die CDU/CSU zuvor mehr Wählerstimmen erhalten hatte. Seiner Meinung nach werde dadurch der Wählerwille missachtet. Sein Fazit: der Koalitions-Vertrag müsste noch einmal überarbeitet werden oder die Union sollte sich doch an eine Minderheitsregierung wagen.

Daran, dass eine Große Koalition auch gutes für junge Menschen bewirken kann, zweifelt er trotzdem nicht. Als Beispiel nennt er das Jahr 2013, in dem durch die Generationengerechtigkeit wieder eine sogenannte "schwarze Null" erreicht worden war. Aussagen der Jusos, welche sich teilweise strikt gegen die Groko äußern, stimmt er nicht zu. "Die Demokratie erfordert Kompromisse", so Sigwart und deshalb muss man sich seiner Meinung nach nun mit dem Wahlergebnis arrangieren und es vor allem akzeptieren. Des Weiteren plädiert er: "Wenn die Union wesentlich mehr Stimmen als die SPD bekommt, lässt sich dies nicht im Verhältnis 60 zu 40 zu ihren Gunsten im Regierungsprogramm niederschlagen."

Optimal ist also die Große Koalition für kaum jemanden, jedoch fragen sich politisch interessierte junge Menschen im Hegau, ob es für die aktuelle Situation überhaupt eine optimale Lösung geben kann.

So geht es weiter

  • 6. Februar: Am Dienstagmorgen stellten Union und SPD, nach mehreren Tagen und Nächten der Verhandlungen, den fertigen Koalitionsvertrag vor.
  • 20. Februar: Ab diesem Tag bis zum 2. März können SPD-Mitglieder abstimmen ob sie eine Koalition mit der CDU/CSU möchten oder nicht.
  • 3. März: An diesem oder dem folgenden Tag soll das Ergebnis vorgestellt werden.
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