Wehr wird nach den Weltkriegen Heimat für viele Vertriebene
<strong>Neue Heimat:</strong> Die Werrachstraße wurde in den fünfziger Jahren bis zum Forsthaus Schmidle verlängert. Hier entstanden 73 neue Wohnungen für die Flüchtlinge aus den ehemaligen Ostgebieten.
Neue Heimat: Die Werrachstraße wurde in den fünfziger Jahren bis zum Forsthaus Schmidle verlängert. Hier entstanden 73 neue Wohnungen für die Flüchtlinge aus den ehemaligen Ostgebieten. | Bild: Julia Becker
<strong>Alte Heimat:</strong> Die Erinnerung an die Heimat der Vertriebenen regte Bürgermeister Eugen Schmidle an. Im Auftrag der Stadt erstellte Ernst Krotzinger Stadtwappen auf Fensterglas für die Eingangstüren.
Alte Heimat: Die Erinnerung an die Heimat der Vertriebenen regte Bürgermeister Eugen Schmidle an. Im Auftrag der Stadt erstellte Ernst Krotzinger Stadtwappen auf Fensterglas für die Eingangstüren. | Bild: Julia Becker
Wehr
13.09.2017 19:00
Die Stadt Wehr wird in der Neuzeit ab Mitte des 19. Jahrhunderts stark von der Industrialisierung am Hochrhein geprägt. Auch zwei Weltkriege hinterlassen ihre tiefen Spuren.

Mit dem Beginn des Deutschen Reiches 1871 erreichte auch die Industrialisierung in Deutschland ihren Höhepunkt. Wehr konnte hier bereits auf eine lange Handwerksgeschichte zurückblicken. Glashütten aus der Herrschaft Wehr lieferten ihr "walt glas" bereits im 13. Jahrhundert bis nach Schaffhausen und Basel.

Dank der Wehra florierte auch früh das Schmiedehandwerk. Schon 1494 gründete sich der Eisen- und Hammerbund: Schmelzen und Hammerschmieden aus der ganzen Region schlossen sich für zu einer Art Kartell zusammen, um die gemeinsame Konkurrenz auszuschalten. Erst mit dem Aufkommen der freien Marktwirtschaft Mitte des 17. Jahrhunderts zerfiel dieses Monopol.

Mit dem Aufkommen neuer Produktionstechniken und Maschinen brachen dann Mitte des 19. Jahrhunderts neue Zeiten in Wehr an. Die Wehratalstraße nach Todtmoos vereinfachte nun den beschwerlichen Weg durch die enge Schlucht. Mit dem Bau der Eisenbahnstrecke Basel-Waldshut wird Brennet 1856 Bahnstation. Das Eisenwerk Wehr wird stillgelegt, neue Produktionsverfahren machen die Produktion hier unrentabel. Dafür kommt ab 1863 die Textilindustrie nach Wehr, 1864 wird die Papierfabrik Lenz erreichtet. Trotz wirtschaftlicher Weiterentwicklung muss die ehemals große Herrschaft Wehr in diesem Jahr einen empfindlichen Einschnitt erdulden: Wehr wird dem Amtsbereich Schopfheim angegliedert, während Öflingen beim Amt Säckingen bleibt.

Wirtschaftlich geht es aber weiter aufwärts, besonders die Textilindustrie floriert. Mit dem Bau der Eisenbahnstrecke Säckingen-Schopfheim erhält Wehr dann ab 1890 auch einen Bahnhof in der Innenstadt. Auch finanziell steht die Gemeinde gut da und kauft 1893 für die damals stattliche Summe von 108 000 Mark das Neue Schloss, welches zukünftig als Rathaus dient.

Der kleine Ort wächst und gedeiht: Leben 1893 noch 2910 Einwohner in Wehr, sind es 1910 bereits 3825 Bürger, zudem kommen viele Pendler aus der ländlichen Umgebung in das industrielle Zentrum im Wehratal. Der erste Weltkrieg bringt dann nicht nur für die Industrie einen harschen Einschnitt: 171 Gefallene gab es in Wehr zu verzeichnen, 53 in Öflingen. Zudem sind nach Kriegsende in ganz Deutschland die Folgen der Niederlage zu spüren. Auch in Wehr kommt es während der Wirtschaftskrise zu Entlassungen, es kam zu Streiks und vereinzelt sogar zu Schlägereien zwischen links- und rechtsextremen Gruppen.

1933 wird Hitler Reichskanzler, durch den Ausbau der Rüstungsindustrie werden Wehrer Bürger in die großen Rüstungszentren im Ruhrgebiet abberufen, auch die lokale Industrie muss nun Munition produzieren. Die Auswirkungen der Nürnberger Gesetze sind hier kaum zu spüren, sind doch keine jüdischen Bürger in Wehr bekannt. Doch als 1942 drei polnische Kriegsgefangene in Herrischried gehängt werden, sind Karten für dieses furchtbare "Ereignis" leider auch in Wehr begehrt.

Kurz vor Kriegsende verlegt die damalige Ciba AG (heute Novartis GmbH) ihren Sitz von Berlin nach Wehr, vorerst in die Räume der Wehra AG. Der Zweite Weltkrieg endet schließlich in Wehr mit dem Einmarsch französischer Truppen am 23. April 1945. Die Wehrmacht hatte den Ort bereits verlassen, und so widersetzten sich Volkssturm und Bürgermeister dem Befehl zur Verteidigung "bis zum letzten Mann": Um weiteres Blutvergießen zu vermeiden übergab Bürgermeister Meichelbeck die Stadt kampflos an die einrückenden französischen Truppen.

Doch auch so hatte Wehr viele Tote zu beklagen: Insgesamt 323 Gefallene in Wehr und 161 in Öflingen war die traurige Bilanz für das vordere Wehrtatal. Die kommenden Jahren waren dem Wiederaufbau das städtischen Lebens gewidmet. 8000 Flüchtlinge aus den Ostgebieten, 13 Prozent der damaligen Bevölkerung, kamen in den damaligen Kreis Säckingen. Neuer Wohnraum war dringend nötig, und so vergab Gemeinderat und Bürgermeister Eugen Schmidle 1950 das Siedlungsgebiet "Am Eisweiher" an der Werrachstraße zu günstigen Konditionen an die Baugenossenschaft Neue Heimat. Erstmals am 5. Dezember 1948 gewählt, prägte Schmidle die Entwicklung Wehrs in der Nachkriegszeit maßgeblich: Von der langfristigen Ansiedlung der Ciba AG über den Bau der Realschule bis hin zur Stadternennung 1950 und der Städtefreundschaft mit Bandol. 1972 finden Wehr und Öflingen nach gut 100 Jahren Trennung wieder zusammen. In den 80ern beginnt die Sanierung der Innenstadt, die ehemaligen Lehrerwohnungen auf dem Talschulplatz müssen ebenso weichen wie das alte Milchhüsle. Mit dem Schloss, der Sanierung des Ortszentrums Öflingen und der Umgehungsstraße nimmt Wehr bis in die 90er sein heutiges Gesicht an.

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