Franziska Restle: Anti-AfD-Song auf der närrischen Bühne
Franziska Restle trat mit ihrem Lied "87 Prozent" dreimal beim Schnabelgiere-Allerlei auf. Das Foto zeigt sie bei der Premiere.
Franziska Restle trat mit ihrem Lied "87 Prozent" dreimal beim Schnabelgiere-Allerlei auf. Das Foto zeigt sie bei der Premiere. | Bild: Sylvia Floetemeyer
Franzsika Restle, hier in ihrer Wohnung mit ihrer Hündin Hanni, unterrichtet in Meersburg als selbstständige Gesangslehrerin.
Franzsika Restle, hier in ihrer Wohnung mit ihrer Hündin Hanni, unterrichtet in Meersburg als selbstständige Gesangslehrerin. | Bild: Sylvia Floetemeyer
Franziska Restle (am Keyboard) übt mit ihrem Chor, den sie im Rahmen des offenen Angebots an der Sommertal-Gemeinschaftsschule leitet, das Lied "Only You" von den Flying Pickets.
Franziska Restle (am Keyboard) übt mit ihrem Chor, den sie im Rahmen des offenen Angebots an der Sommertal-Gemeinschaftsschule leitet, das Lied "Only You" von den Flying Pickets. | Bild: Sylvia Floetemeyer
Meersburg
09.02.2018 18:00
Als einen Weckruf für die Mehrheit versteht Franziska Restle ihren Song "87 Prozent". Die 29-jährige Sängerin aus Meersburg hat ihr Anti-AfD-Lied auch beim närrischen Schnabelgiere-Allerlei auf die Bühne gebracht. Das habe ihr viele positive Reaktionen eingebracht, auch von älteren Menschen.

Meersburg – Zwischen lustigen Meerjungfrauen und der tanzenden Zimmermannsgilde bot die junge Musikerin Franziska Restle beim jüngsten Schnabelgiere-Allerlei einen Programmpunkt, den man so vielleicht nicht bei einem Bunten Abend in der alemannischen Fasnet erwartet. Zur Melodie von "I'll survive" sang sie mit voluminöser Altstimme ihr Lied "87 Prozent", das gegen die Partei Alternative für Deutschland (AfD) gerichtet ist. Es solle gleichzeitig ein Weckruf für die Mehrheit sein, eben jene 87 Prozent, die die Rechtspopulisten nicht gewählt haben.

"Es war mir schnell klar, dass ich das machen möchte, auch wenn es vielleicht nicht überall ankommt." Doch sie habe nach ihren drei mit großem Beifall bedachten Auftritten "sehr viele positive Reaktionen bekommen, auch viele ältere Leute waren dabei. Das hat mich sehr gefreut." Negativ habe sich ihr gegenüber niemand geäußert. "Aber ich bekomme schon mit, dass manche meinten, das sei unpassend." Restle betont: "Ich finde die Fasnet aber schon hochpolitisch" und verweist auf Hochburgen wie etwa Mainz. "Es war ein Kontrapunkt", meint Restle zu ihrem Lied. Doch die Leute, denen sie es vorspielte, ermunterten sie, es vorzutragen. Darunter war auch Schnabelgiere-Zunftmeister Norbert Waßmer, "der voll hinter mir stand".

Zwei Jahre zuvor hatte Restle ihr Debüt auf der Narrenbühne gegeben: mit dem ironischen Song "Wir brauchen Helden" sowie einem Live-Medley der Narrenräte, denen sie zuvor Gesangsstunden gegeben hatte. Denn das ist Restles Metier: Seit 2009 unterrichtet sie in ihrem Elternhaus in Meersburg Gesang. Daneben tritt sie selbst als Sängerin und Keyboarderin auf, auch mit Eigenkompositionen. Werden die mal veröffentlicht? "Ich habe eine ganze Platte auf Eis", räumt sie ein. Sie habe ein Angebot aus Nürnberg, sie aufzunehmen. "Aber das ist derzeit gar nicht angesagt bei mir. Ich bin so glücklich mit dem Unterrichten." Sie betont: "Ich denke, das ist mein wahres Talent." Sie hat Schüler zwischen acht und 79 Jahren.

Kann denn wirklich jeder singen lernen? "Da ist sehr viel Handwerk dabei und sehr viel Übung, das unterschätzen viele. Die Qualität geht nur übers Handwerk." Und das könne man vermitteln. Ihre Erfahrung als Lehrerin: "In den ersten Monaten ist alles möglich." So habe sie eine Schülerin, die mit zwölf Jahren zu ihr kam. "Es stimmte nichts. Heute hat sie eine der interessantesten Stimmen und macht jetzt musisches Abitur." Restle lacht: "Natürlich kann man aus einer Gießkanne nicht Mariah Carey machen." Aber man könne es schaffen, "dass jemand, der das ernsthaft möchte, eine gute Figur abgibt" bei dem, was er anstrebe. Sie habe zum Beispiel eine Schülerin, die bei der Taufe ihrer Tochter singen wolle. Und es müsse auch nicht perfekt sein. Bescheiden meint Restle: "Ich bin Dorfgesangslehrerin, wir sind hier nicht in Hamburg.

" Wichtig sei, dass die Schüler wirklich Spaß hätten. Das Ergebnis "muss stimmig sein zur Person". Es gehe darum, "die Individualität rauszuholen, das Selbstbewusstsein zu fördern". Tatsächlich meldeten sich etliche Schüler weil sie über das Singen ihre Schüchternheit überwinden und lernen wollten, sich besser zu präsentieren. "Ist das nicht die Kunst im Leben, mit dem zu spielen, was man auf der Hand hat?", fragt Restle.

Das macht sie auch selbst vor: "Ich genieße im Moment mein Leben so, wie es ist" – mit ihrer Familie, ihrem Freund Luca, der sie unterstützt – obwohl, Restle lächelt verschmitzt, "ich, sagen wir mal, sehr willensstark bin" – und ihren Tieren. Restle hat Mischlingshündin Hanni, Kaninchen und Hühner, zieht verlassene Kätzchen auf. "Ich bin ein Landei", sagt sie und bescheinigt sich selbst "Gummistiefel-Charme". Sie liebt ihre Heimat. "Ich würde für kein Geld der Welt von hier weg." Sie sei keine "Karriere-Nudel". Und sie verdiene mit Musik ihr Geld, wer könne das schon? Die Entscheidung, sich selbstständig zu machen, sei ihr dank vieler Vorbilder in der Familie, etwa der Unterstützung ihres Vaters Robert, leicht gefallen. Restle fasst zusammen: "Ich hatte so viel Glück im Leben: mit meiner Familie, in Deutschland geboren zu sein und nicht in einem Land, wo Krieg und Armut herrschen." Und dann sagt sie, was sie auch in ihrem Lied "87 Prozent" betont: "Wir sind doch hier wirklich auf der Sonnenseite des Lebens. Man muss auch mal zufrieden sein."

Zur Person

Franziska Restle, 29, wuchs in Meersburg auf und besuchte dort die Sommertalschule. Sie singt und musiziert seit ihrer Kindheit, ab dem 12. Lebensjahr erhielt sie klassischen Gesangsunterricht. Doch bald zog es sie zu Rock und Pop. Beruflich konnte Restle ihre Liebe zur Musik erstmals während eines Freiwilligen Sozialen Jahrs in Freiburg ausleben, als sie bei der Caritas mit behinderten Erwachsenen arbeitete. Anschließend absolvierte sie die Berufsfachschule für Musik in Nürnberg und machte sich ab 2009 mit Gesangsunterricht in Meersburg selbstständig. Außerdem tritt Restle als gebuchte Sängerin auf, etwa bei Hochzeiten. Einer der meistgewünschten Titel sei dabei übrigens "Hallelujah" von Leonard Cohen. Bei vielen ihrer Auftritte begleitet Restle sich und andere am Keyboard. Sie organisiert zudem zweimal im Jahr Konzerte mit ihren Schülern und unterrichtet auch Kinder an der Sommertalschule im Rahmen des offenen Angebots. Sechs Jahre war sie mit dem Pianisten Florian Winkler als "Ziska & Piano" unterwegs. Neuerdings bildet sie mit Lena Schnirch das Gesangsduo "Singderellas". Im Repertoire haben die Zwei laut Restle "alles, was Mädels Spaß macht", von Cindy Laupers "Girls just wanna have fun" über Totos "Africa" bis hin zu Pur und den Backstreet Boys. Unter anderem geben die "Singderellas" am 26. Juli in Sipplingen ein Open-Air-Konzert.

Liedtext: "Wir sind viele. Wir sind 87 Prozent"

Jetzt sitz ich hier und gebe zu / Ja, es raubte mir so manches Mal des Nachts die Ruh' / Da hatten wir uns in Europa grad so herrlich arrangiert / Und schauen jetzt zu, wie die AfD ins Parlament marschiert / Nicht ohne Grund denk ich daran / Was so ein Wind von rechts alles anrichten kann / Und in mir windet es sich und es rumort herum / Nicht selten erntete, wer Wind sät, plötzlich Sturm.

Ja, und meine Hoffnung war bis fast zuletzt / Dass das doch nur ne Verarsche vom Böhmermann ist / Der ein paar Hanseln engagiert, um Deutschland vorzuführen / Erschreckend war: Das hat ganz ohne Satire funktioniert.

Ja, die AfD spielt: "Wer hat Angst vorm Schwarzen Mann" / Und steck mit dem Scheißgelaber ganze Fackelzüge an / Und ich erinner gern mal den, der da vergisst / Dass in Deutschland Asyl dann schon ein Menschenrecht ist / Und so viele heulen rum, dass früher alles besser war / In Wahrheit scheint uns doch in Deutschland die Sonne aus dem Arsch / Doch ich geb nicht auf und glaube vehement / Dass die AfD dann doch nur ne Geschmacksverirrung sind.

Refrain: Ja, und meine Hoffnung war bis fast zuletzt ...

Und für Frauke, das war echt der Hammer / Kam da gleich nach der Wahl der große Katzenjammer / Ja, mit der Zusammenfindung tat die AfD sich schwer / Es wär zum Lachen, wenns halt nicht so traurig wär'

Refrain: Und warum kann das funktionieren, die Frage hat mich stark geschlaucht / Ich frag mich: Wo ist der Böhmermann. wenn man ihn mal braucht. Und ich versteh schon, bevor ich das verpenn / Wir sind viele. Wir sind 87 Prozent.

Und heut so klare Worte an euch zu singen / Es ist mir klar, das wird mir sicher nicht nur Lob einbringen / Doch ich habe mich entschieden und ich zeig Gesicht / In meinem Namen passiert das sicher nicht / Nein, diesmal halt ich nicht den Mund, ich laufe Sturm / Und ich hoff', ich sprech im Namen meiner Generation / Die nicht zusieht, wie sich Fremdenhass durch Deutschland frisst / Weil das trügerische Leuchtfeuer ein Irrlicht ist.

Refrain: Und warum kann das funktionieren ...

Wir sind viele. Wir sind 87 Prozent.

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