Zukunft von Vereinen in Gefahr: Kaum einer will noch Chef sein
Der Männerchor Fischbach probt unter Leitung von Erich Hörmann für die anstehenden Konzerte. Vereinsvorsitzender Jürgen Dörge würde gerne seinen Posten abgeben, aber keiner will ihn übernehmen. Bilder: Corinna Raupach
Der Männerchor Fischbach probt unter Leitung von Erich Hörmann für die anstehenden Konzerte. Vereinsvorsitzender Jürgen Dörge würde gerne seinen Posten abgeben, aber keiner will ihn übernehmen. | Bild: Corinna Raupach
Friedrichshafen/Immenstaad
07.02.2018 19:44
Führungspositionen in Vereinen sind wenig beliebt. Viele Mitglieder engagieren sich lieber ohne Amt. Wie gehen die Verantwortlichen in Vereinen damit um? Ein Blick zum Männerchor Fischbach, Alpenverein Immenstaad und Ruderclub Friedrichshafen.

"Ba- ba- baa, Barbara Ann" – in vier Tonlagen, immer im Takt und die Augen fest bei Dirigent Erich Hörmann, singen die Männer in der alten Schule Fischbach. "Went to a dance, looking for romance", geht es weiter. Auch diejenigen, die kein Englisch sprechen, singen mit Hingabe. "Unser Dirigent kommt immer mit neuen Sachen, da sind die Sänger aufgeschlossen", sagt Vereinsvorsitzender Jürgen Dörge. Im vergangenen Jahr hat der Männerchor Fischbach drei Konzerte gegeben, 2018 steht eins mit einem norwegischen Partnerchor an. Die Finanzen stimmen, es kommen jüngere Mitglieder hinzu. Nur an einer Stelle hapert es: Dörge will nicht mehr Vorsitzender sein, aber er findet keinen Nachfolger. "Unsere Satzung aus dem Jahr 1913 sieht vor, dass der alte Vorstand im Amt bleibt, wenn sich kein neuer findet", sagt er.

Gründe für ein Nein gibt es viele

Jeder Sänger hat seine Gründe, nicht anzutreten. "Ich habe als Stimmführer der zweiten Bässe schon ein Amt. Außerdem organisiere ich privat eine Radfahr- und Eishockeygruppe, da bleibt nicht genug Zeit", sagt Reinhold Klaiber. Klaus Thieme ist seit 54 Jahren dabei und hilft bei Altpapier-Aktionen des Vereins. In den Vorstand will er nicht. "Ich reise viel, ich bin im Winter manchmal zwei Monate in Thailand, da hat das keinen Sinn", sagt er. Robert Ringer hat sechs Jahre als Schriftführer hinter sich. "Jetzt bin ich Kassenprüfer, das reicht", sagt er. Andere müssen Familie und Job unter einen Hut bringen, junge Rentner kümmern sich um ihre Enkel, ältere fühlen sich zu alt.

"Viele sind wohl nicht gewillt, die Verantwortung zu übernehmen", vermutet der Dirigent. "Aber für den Verein ist es nicht gut." Jetzt überlegen die Sänger, die Arbeit auf mehr Schultern zu verteilen. "Für die Reise nach Imperia hat Jürgen alles organisiert, Auftritt, Förderanträge, Verständigung mit dem dortigen Chor, das könnte man schon verteilen", sagt Beisitzer Felix Schiedner.

Manuel Strauch war 1998 Deutscher- und Weltmeister im Deutschland-Achter der Leichtgewichte und fuhr mit dem Deutschland-Achter zu den Olympischen Spielen in Sydney. Heute möchte er als Vorsitzender dem Ruderverein etwas zurückgeben.
Manuel Strauch war 1998 Deutscher- und Weltmeister im Deutschland-Achter der Leichtgewichte und fuhr mit dem Deutschland-Achter zu den Olympischen Spielen in Sydney. Heute möchte er als Vorsitzender dem Ruderverein etwas zurückgeben. Bild: Corinna Raupach

Arbeit auf mehreren Schultern verteilen

Diesen Schritt ist der Ruderverein Friedrichshafen bereits gegangen. Von fast 500 Mitgliedern rudern 100 aktiv im Leistungs- oder Breitensport. Der Verein betreibt auf dem Gelände am Hinteren Hafen ein Bootshaus mit Trainingsräumen. Vor vier Jahren erfand sich der Vorstand neu. Die anfallende Arbeit wurde von vier auf acht Vorstandsmitglieder verteilt: Einer ist etwa für Finanzen zuständig, einer für Jugend, einer für Sachanlagen. Vorsitzender Manuel Strauch ist der neunte. "Ich habe die wenigste Arbeit von allen Ressorts", sagt er. Dafür ist der ehemalige Olympiateilnehmer das Aushängeschild des Vereins. "Der Verein hat mir damals so viel gegeben, er hat mich immer gefördert. Jetzt möchte ich etwas zurückgeben", sagt er. Bei der im März anstehenden Jahresversammlung gilt es, drei Ämter neu zu besetzen. Nach langer Suche sieht es so aus, dass dies gelingen könnte.

"Einerseits ist es der Respekt vor Arbeit und Leistung des Vorstands", sagt Strauch. "Andererseits engagieren sich sehr viele auch ohne Amt ehrenamtlich: Sie trainieren die Jugend, sind in der Ausbildung tätig, mähen Rasen oder bewirten." Sollte es irgendwann gar nicht gelingen, ein oder mehrere Ämter im Vorstand zu besetzen, denken einige schon über weitere Reformen nach. Vielleicht müssen weitere Arbeitsteilungen im Vorstand her oder ein Festanstellung für die Verwaltung.

Immenstaader Alpenverein löst sich auf

Diese Überlegungen hat die Ortsgruppe Immenstaad des Alpenvereins hinter sich. "Wir werden uns auflösen", sagt die Vorsitzende Inge Polap. Das liegt nicht nur daran, dass sich für den Vorsitz niemand findet und sie nach 15 Jahren ihr Amt aufgibt. "Die Ortsgruppe hat sich überlebt", sagt sie. "Zu den Touren, die wir angeboten haben, sind viele aus der ganzen Sektion Friedrichshafen gekommen, aber nur wenige aus Immenstaad." Wer aus Immenstaad mit dem Alpenverein in die Berge wolle, könne das genauso gut mit der Sektion Friedrichshafen machen. Sie freut sich jetzt darauf, unbeschwert zu wandern.

Vereinslandschaft

In Friedrichshafen gibt es über 350 Vereine, in Immenstaad sind es fast 40. Sie engagieren sich in allen Bereichen der Gesellschaft. In diesen Tagen sind vor allem die Brauchtums- und Fasnetsgruppen aktiv. Andere widmen sich internationalen Beziehungen zu Partnerstädten oder pflegen die Kultur von Herkunftsländern. Sport-, Musik-, Theater- und Kunstbegeisterte organisieren sich, ebenso wie Selbsthilfegruppen, Naturschützer und Selbstständige. Eine Übersicht findet sich unter dem Stichwort "Vereine" auf www.friedrichshafen.de oder www. immenstaad.de

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