Schweißtreibende Filmmusik beim Kulturufer
Psycho, Star Wars, Pulp Fiction: Quattrocelli kennen keine Grenzen.
Psycho, Star Wars, Pulp Fiction: Quattrocelli kennen keine Grenzen. | Bild: Rüdiger Schall
Friedrichshafen
02.08.2017 18:05
Quattrocelli spielen sich im ausverkauften kleinen Zelt von "Psycho" bis zu "Pulp Fiction" durch Perlen der Filmmusik. Zum Dank gibt's Ovationen.

Auf der fast dunklen Bühne sind die Spieler von Quattrocelli kaum zu erkennen. "Times", eine einfühlsame Ballade aus der Feder von Tim Ströble und Matthias Sayer, strömt in ruhigem Quartettklang in das voll besetzte, seit Tagen ausverkaufte, kleine Zelt. Dann harte, metallisch klingende Rhythmen, volles Licht. Mit der Melodie zu "Mission Impossible" beginnt ein sprichwörtlich heißer Ritt durch die Geschichte der Filmmusik. Wohlweislich hatten die Cellisten ihr gestärktes Hemd, Fliege und Frack gegen ein T-Shirt ausgetauscht. Aus der Zeit als große Hollywood-Studios noch ein eigenes Filmorchester mit Hauskomponisten hatten, stammt der motorisch aufgewühlte Ausschnitt aus Hitchcocks "Psycho". Viel Vibrato bekommen die einschmeichelnden Duette mit dem Hauptthema des "Paten" von Altmeister Nina Rota. Und mit schnellem Tremolo-Plektron wird das Cello zur sizilianischen Mandoline. Von "Ghostbusters" über "Pink Panther", "James Bond" bis zum "Tatort" folgen Hits der Filmmusik mit hohem Erkennungswert. Das Publikum hat kein Programm in den Händen, nach den ersten Tönen wandert der Titel aber durch die Publikumsreihen. Der jeweilige Applaus und die gute Stimmung im Zelt steigern sich.

Lukas Dreyer, Tim Ströbele, Matthias Trück und Hartwig Christ stehen nicht das erste Mal auf der Bühne. Im September feiern sie 20 Jahre Quattrocelli. Das Erfolgsgeheimnis: Es gibt keine "Erste Geige" – alle vier sind gleichberechtigt. So werden auch die Arrangements von den Mitgliedern selbst geschrieben. Da jeder einen Beruf außerhalb des Quartetts als Orchestermusiker oder Dozent lebt, hat der Spaß an Auftritten wie in Friedrichshafen noch nicht nachgelassen.

In die neuere Zeit mit Einflüssen der Elektronik ging es zunächst mit "Hable con Ella", einem Film von Pedro Almodóvar, mit der Musik von Alberto Iglesias. Mit traumhafter Sicherheit wandert das spanische Liebeslied, raffiniert in verschiedenen Lagen arrangiert, durch alle Instrumente. Über einem Zupfbass entwickelt sich ein farbig koloriertes "Gitarrensolo". Natürlich darf jetzt Hans Zimmer mit "Pirates of the Caribbean" nicht fehlen. Nach gefühlvollen, satten Solo-Melodiebögen, rundem Gesamtklang stürmten die vier Cellisten mit überragender Technik in rasendem Tremolo und Läufen über das aufgepeitschte Meer.

In ihrem Programm, gewürzt mit kleinen schauspielerischen Einlagen, gehen die vier Musiker nie über die Grenze stupider Comedy: Eine Leiche wird beim "Paten" im Cellokasten zu Grabe getragen, das Laserschwert im "Star Wars"-Marsch durch Knicklichter und farbige Kunststoffröhren ersetzt, ein Cello landet bei Ennio Morricones Western pantomimisch am Galgen. Die Lichteffekte und kleinen Projektionen im Hintergrund von Nils Lauterbach stützen das musikalische Geschehen. Die nur leichte Verstärkung führt zu einem sehr angenehmen Raumklang.

Geschickt eingebaut sind neben der Filmmusik außergewöhnlich klangvolle Arrangements. Nate James' Hit "Message" bekommt durch den geerdeten Cello-Ton und die gefühlvollen Soli einen ganz eigenen Charakter. Der vierstimmige Chorsatz aus einer Vesper von S. Rachmaninow lebt von der innigen Verflechtung aller Stimmen und betörendem Pianissimo-Schlussakkord. In ruhiger Gelassenheit, aber innerer Ausdruckskraft, ist der Tango "Soledad" (Einsamkeit) von Astor Piazzolla ein besonderes, nachwirkendes Hörerlebnis.

"Misirlou", das letzte Tanzlied über ein ägyptisches Mädchen, führt im halsbrecherischen Tempo zum Thema zurück: zu John Travolta und "Pulp Fiction". Begeisterungsstürme mit Ovationen für die schweißtreibende Arbeit des Quartetts!

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