Berufliche Auszeit unter Palmen
Sonne, Sand, Meer und Palmen: Für zehn Monate lebte Familie Habermaas auf einer zu Mikronesien gehörenden Insel in paradiesischer Umgebung. <em>Bilder: Familie Habermaas</em>
Sonne, Sand, Meer und Palmen: Für zehn Monate lebte Familie Habermaas auf einer zu Mikronesien gehörenden Insel in paradiesischer Umgebung. Bilder: Familie Habermaas | Bild: Jörg Habermaas
Jörg Habermaas unterrichtete während seines Aufenthaltes auf Tol an einer staatlichen Schule Mathematik.
Jörg Habermaas unterrichtete während seines Aufenthaltes auf Tol an einer staatlichen Schule Mathematik. | Bild: Jörg Habermaas
Freizeit am Strand: Für mehrere Monate kehrte Jörg Habermaas dem Alltag den Rücken.
Freizeit am Strand: Für mehrere Monate kehrte Jörg Habermaas dem Alltag den Rücken. | Bild: Jörg Habermaas
Friedrichshafen
02.02.2018 05:29
Für zehn Monate haben Jörg Habermaas, Anwendungsmechaniker für Marine und Offshore bei MTU, und seine Familie ein Bildungsprojekt in Mikronesien unterstützt.

An der Wäscheleine haben Männer nichts zu suchen. Zumindest auf Tol, einer zu Mikronesien gehörenden Insel, ist das den Schilderungen von Jörg Habermaas zufolge so. Dass er von einem einheimischen Jungen darauf auch prompt hingewiesen wurde, ist nur eine kleine Anekdote. Habermaas weiß noch viel mehr vom Leben auf Tol zu berichten. Schließlich haben er und seine Familie zehn Monate dort verbracht. Um seine Stelle bei MTU Friedrichshafen musste sich der Anwendungsmechaniker für Marine und Offshore in dieser Zeit nicht sorgen. Zu der beruflichen Auszeit, die er nahm, gehört zwar eine einvernehmliche Kündigung – zugleich aber auch eine Wiedereinstellungszusage.

Wer sich einige der auf Tol entstandenen Fotos anschaut, dem gehen unweigerlich Begriffe wie "Paradies" durch den Kopf. Wer Jörg Habermaas lauscht, der gerät unweigerlich ins Träumen. Meistens zumindest, schließlich berichtet er auch von ganz und gar nicht paradiesischen Aspekten. Von Gewalt, von Angst vor Gewalt und von Sicherheitsvorkehrungen, die vor Ausflügen getroffen wurden. Da sind aber auch all die schönen Erinnerungen, die die Familie mit zurück an den Bodensee gebracht hat. Von der guten Zusammenarbeit in einem tollen Team zum Beispiel. Oder von der Bevölkerung, die "zu 95 Prozent supernett ist". Und von der Umgebung. "Schon ein bisschen Paradies." Ausschließlich um eine Auszeit unter Palmen ging es dabei aber nicht. Jörg Habermaas und seine Frau unterrichteten Mathe und Englisch, organisierten Andachten, Fußballspiele, Freizeiten für Kinder und Jugendliche. Gemeinsam mit ihren fünf Kindern brachen sie nach Mikronesien auf, um ein Missionsprojekt zu unterstützen.

Den Wunsch, auf diese Art mit anzupacken, gab es bereits, da wusste Habermaas nach eigenen Angaben noch gar nicht, dass er mit einem Punkt in den MTU-Betriebsvereinbarungen zusammenpassen würde. Mit der Standort- und Beschäftigungssicherung entstanden im April 2016 für unbefristet beschäftigte Mitarbeiter von Rolls-Royce Power Systems (RRPS), unter anderem am Standort Friedrichshafen, verschiedene Auszeit-Möglichkeiten. Als Jörg Habermaas im Oktober 2016 mit seiner Familie aufbrach, war er einer der Ersten, die die "Berufliche Auszeit" nutzten. Bislang sind es nach Auskunft von RRPS-Sprecher Wolfgang Boller insgesamt sieben Mitarbeiter.

Kein Internet, keine Autos, keine Klimaanlage, Moskitonetze statt Fenstern: "Einfacher, aber auch entspannter", beschreibt Jörg Habermaas das Leben auf Tol. Die Gemeinschaft und die Familie spielen eine größere Rolle als das Herausstechen eines Einzelnen. "Abschreiben konnten sie richtig gut und das war für sie auch in Ordnung", erinnert sich Habermaas schmunzelnd an einige Schüler. Die kulturelle Umstellung war es, die Habermaas einige Monate nach seiner Rückkehr als den schwierigsten Teil des Ankommens auf Tol beschreibt. "Man kommt in eine Gesellschaft, in der ganz andere Vorstellungen herrschen", sagt Habermaas. Welche Aufgaben haben Frauen? Wie werden Kinder erzogen? Wie wichtig ist Pünktlichkeit – oder eben auch nicht? "Zeit spielt eine ganz andere Rolle", sagt Habermaas. Da gewöhne man sich schnell dran, werde aber zurück in Deutschland auch schnell wieder von der Realität hier eingeholt. Entspanntheit habe die Familie trotzdem mitgenommen. Seit August arbeitet Jörg Habermaas wieder bei MTU. "Ich bin dankbar, dass sich alles gut ergeben hat", sagt er. "Da kann man ein Stück weit Gottes Fügung erkennen." Die Wäsche hat Habermaas am Ende der Anekdote übrigens doch noch abgehängt.

Wenn die Urlaubstage nicht ausreichen

Einen gesetzlichen Anspruch auf Sabbatjahre oder vergleichbare Auszeiten gibt es nicht. Die Möglichkeit können Arbeitgeber aber einräumen. Dafür gibt es unterschiedliche Regelungen.

  • Rolls-Royce Power Systems/MTU: Die "berufliche Auszeit", wie sie Jörg Habermaas nutzte, ist für Mitarbeiter unter anderem am Standort Friedrichshafen eine von mehreren Möglichkeiten, dem beruflichen Alltag vorübergehend den Rücken zu kehren. Vor einer bis zu zwölfmonatigen, unbezahlten Abwesenheit wird dabei das Arbeitsverhältnis einvernehmlich gekündigt, der Mitarbeiter bekommt eine Wiedereinstellungszusage.
  • ZF: Mitarbeiter haben hier nach Auskunft eines Sprechers mehrere Möglichkeiten, ihre Arbeitszeiten zu reduzieren oder sich eine Auszeit zu nehmen. Beispielsweise kann ein Mitarbeiter über eine Sabbatical-Vereinbarung Zeit oder Geld ansparen, um später eine Auszeit zu nehmen.
  • Airbus bietet einem Sprecher zufolge ein Sabbatical (komplette Freistellung) und eine Familienpflegezeit (Reduzierung der Arbeitszeit) auf Basis eines Wertkontensystems an, mit teilweisem Entgeltausgleich. Die Freistellung werde dann „nachgearbeitet“. Ein Lebensarbeitszeitkonto ermögliche eine Freistellung unmittelbar vor der Rente.
  • Sparkasse Bodensee: Hier können Mitarbeiter unter anderem zusätzliche Urlaubstage kaufen, erklärt Sprecher Wolfgang Aich eine der Möglichkeiten. Der Wert werde mit einem Jahresgehalt verrechnet.
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