Wenn Jugendliche sich radikalisieren
Bodenseekreis
09.02.2018 19:08
Viele Zuhörer kamen zum Vortrag "Auf dem Weg ins Paradies? Radikalisierungsverläufe in islamistischen Kontexten und mögliche Ursachen" ins Landratsamt. Asli Kücük sprach dort über Ursachen, Anzeichen und Prävention.

Der Fall der minderjährigen Sarah O. aus Konstanz hatte vor einigen Jahren für Aufsehen gesorgt. Die damals 16-jährige Gymnasiastin hatte sich nach Syrien abgesetzt, um sich dort einer Terrormiliz anzuschließen. Auch Silvio K. wollte in Syrien für seine islamistischen Überzeugungen kämpfen. Seine Kindheit und Jugend hat Silvio K. ebenfalls am Bodensee verbracht. Bis heute liegen dem Landeskriminalamt und dem Landesamt für Verfassungsschutz Hinweise zu rund 50 Islamisten aus Baden-Württemberg vor, die in Richtung Syrien oder Irak ausgereist sind, um dort für dschihadistische Gruppen zu kämpfen oder diese zu unterstützen.

Doch wie werden junge Menschen von Extremisten geködert? Was sind Ursachen und Anzeichen einer Radikalisierung? Diese Fragen stellten sich auch die Teilnehmer, die am Donnerstagabend zum Vortrag "Auf dem Weg ins Paradies? Radikalisierungsverläufe in islamistischen Kontexten und mögliche Ursachen" ins Landratsamt gekommen waren. Asli Kücük von der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg sprach dort vor zahlreichen Ehrenamtlichen und Mitarbeitern von sozialen Einrichtungen und Helferkreisen, vor Integrationsmanagern und Interessierten aus dem gesamten Landkreis. Ihren Angaben zufolge werden 1,1 Prozent der Muslime in Deutschland zu den Islamisten gezählt. 68 Menschen in Baden-Württemberg würden der dschihadistisch-salafistischen Szene zugeordnet, erläuterte sie. Die Zahl sei relativ stabil.

Es gibt nicht die eine Ursache oder das eine Anzeichen für eine Radikalisierung, machte Asli Kücük deutlich: "Radikalisierung ist kein Zeitpunkt, sondern ein Prozess." Jeder Fall müsse differenziert betrachtet werden. Anfällig könnten beispielsweise Menschen sein, die sich als Opfer einer globalen Unterdrückung sehen, viel Diskriminierung erfahren und eine geringe Bildung haben. "Ein Viertel hat aber auch ein Gymnasium besucht und kommt aus bürgerlichen Verhältnissen", betonte Kücük. Für die Betroffenen passe Muslimsein und Deutschsein häufig nicht mehr zusammen. Hier müsse die Prävention ansetzen, denn diese gefühlte oder erlebte Diskriminierung würden Salafisten für ihre Zwecke nutzen. Die meisten ausgereisten Salafisten waren ihren Angaben zufolge zwischen 21 und 25 Jahre alt.

"Man muss dabei bedenken, dass junge Muslime zur Generation 9/11 gehören und sie über das Feindbild Islam häufig Ablehnung erfahren. Sie sind orientierungslos, wollen sich zugehörig fühlen und sind frustriert." Die Anwerbung junger Menschen durch islamistische Extremisten habe sich in den vergangenen Jahren verändert. "Bei der inzwischen verbotenen Lies-Aktion war nicht das Problem, dass auf der Straße ein Koran überreicht wurde, sondern dass die Aktion als Erstkontakt genutzt wurde", so Asli Kücük. Neben Kundgebungen und medienwirksamen Aktionen würden auch hochprofessionelle Internetpräsenzen und Islamseminare genutzt. Auch Soziale Netzwerke spielen bei der Kommunikation und Instrumentalisierung eine große Rolle.

Die Anzeichen einer Radikalisierung könnten von extrem religiösen Positionen über die Abwendung von Eltern, Freunden und dem sozialen Umfeld bis zur Verschlossenheit oder dem Rückzug ins Internet reichen. Auch die Veränderung des Äußeren könnte darauf hindeuten. "Wenn sich eine Frau plötzlich verschleiert, heißt das aber noch nicht, dass sie sich radikalisiert hat", betonte die Expertin der Landeszentrale für politische Bildung. Aber: "Wenn mehrere Anzeichen zusammenkommen, empfehlen wir, eine Beratungsstelle hinzuzuziehen und die Anzeichen überprüfen zu lassen." All diese Faktoren könnten auf eine Radikalisierung hindeuten, müssen es aber nicht zwangsläufig. "Viele Jugendliche gehen auch wieder den Weg zurück. Wäre das nicht so, hätten wir viel größere Probleme."

Doch wie können wir reagieren? "Eine impulsorienterte Jugendarbeit", empfiehlt Kücük. Junge Menschen wollen Dinge gestalten, mitwirken, sich einbringen. "Voraussetzung dabei ist natürlich, dass man an die Jugendlichen auch rankommt." Jo Schober engagiert sich in Tettnang für Flüchtlinge. "Ich bin mit dem Thema islamistische Radikalisierung selbst noch nicht in Berührung gekommen", sagte er nach dem Vortrag. Natürlich höre man in den Medien von solchen Fällen. Ihn beschäftige es, dass Flüchtlinge beim Thema Radikalisierung häufig vorverurteilt würden. Und wie geht die Kreisbehörde mit Hinweisen um? "Wenn wir einen Verdacht haben oder Hinweise von Dritten bekommen, geben wir das an die Polizei weiter. Das gilt beispielsweise auch, wenn es Hinweise auf Kriegsverbrechen gibt. Das passiert zum Glück nicht sehr häufig, aber es ist schon vorgekommen", sagte Pressesprecher Robert Schwarz.

Verfassungsschutz und Beratungsstellen

  • Ein Teil der nach Syrien oder in den Irak ausgereisten Islamisten ist laut dem Landesamt für Verfassungsschutz wieder nach Baden-Württemberg zurückgekehrt. Bei einigen wenigen gebe es Hinweise, dass sie an Kampfhandlungen teilgenommen haben. Etwa ein Dutzend dieser Dschihadisten sei bei Kampfhandlungen oder Selbstmordattentaten ums Leben gekommen. Bei etwa einem Dutzend der ausgereisten Islamisten handelt es sich um Frauen. Das Landesamt geht eigenen Angaben zufolge von rund 3500 Islamisten im Land aus, davon rund 750 Salafisten. Grundsätzlich sei festzustellen, dass es in Baden-Württemberg zwar keine islamistischen Hochburgen wie etwa in Nordrhein-Westfalen gibt. Islamisten würden sich aber auch in ländlichen Regionen finden.
  • Anlaufstellen zum Thema Radikalisierung sind das Violence Prevention Network, das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Beratungsstelle Radikalisierung), das Landesamt für Verfassungsschutz und das "Team Mex. Mit Zivilcourage gegen Extremismus".
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