Missbrauchsfall im Raum Freiburg: Der Kindheit entrissen
Symbol einer zerstörten Kindheit: Ein Teddybär mit vielen Wunden. <em>Bild: by-studio-stock.adobe.com</em>
Symbol einer zerstörten Kindheit: Ein Teddybär mit vielen Wunden. Bild: by-studio-stock.adobe.com
Freiburg
12.01.2018 19:32
Ein neunjähriger Junge wurde von seiner Mutter bereits seit 2015 für Missbrauch europaweit angeboten. Die Polizei berichtete dem Jugendamt des Kreises Breisgau-Hochschwarzwald schon im vergangenen März von einer möglichen sexuellen Gefährdung des Kindes. Nun hat die Staatsanwaltschaft Freiburg gegen einen der Verdächtigen Anklage erhoben.

Das sagte Oberstaatsanwalt Michael Mächtel am Samstag. Nun müsse das Landgericht Freiburg entscheiden, ob es zum Prozess komme. Um wen es sich bei dem Angeklagten handelt, wollte Mächtel nicht sagen. Die Anklage laute auf schweren sexuellen Missbrauch von Kindern und Vergewaltigung. „In diesem Fall konnten wir die Ermittlungen schon abschließen.“

Ob einer der sechs Verdächtigen, die in Freiburg in Untersuchungshaft sitzen - darunter die Mutter des Kindes und deren Partner -, die Vorwürfe eingeräumt hat, sagte Mächtel nicht. „Es gibt Angaben von einzelnen Personen“, sagte er lediglich. Zwei weitere Verdächtige sind auf Betreiben der Staatsanwaltschaften in Karlsruhe und Kiel in U-Haft.

Wie eine Ware soll der kleiner Junge von seiner Mutter im Internet angeboten worden sein: für perverse Spiele, für jeden, der zahlt. Immer wieder reisten pädophile Männer dafür in den Raum Freiburg. Was sie dem Neunjährigen seit 2015 angetan haben sollen, macht selbst erfahrene Ermittler sprachlos. Schier endlos müssen dem Opfer seine Qualen vorgekommen sein. Niemand hilft zunächst, niemand will das Leid des Schülers mitbekommen haben. Erst nach einem anonymen Hinweis kann das Martyrium des Jungen im vergangenen Herbst beendet werden.

Junge wurde bereits vom Jugendamt betreut

Neue Informationen geben dem Fall eine weitere tragische Wende: Der wohl jahrelang vergewaltigte Neunjährige wurde schon als kleiner Junge vom Jugendamt betreut. „Dabei ging es um Hilfen zur Förderung der persönlichen Entwicklung des Kindes“, wie das Landratsamt Breisgau-Hochschwarzwald mitteilte. Im vergangenen März berichtete die Polizei dem Jugendamt des Kreises Breisgau-Hochschwarzwald von einer möglichen sexuellen Gefährdung des Kindes. Daraufhin sei es aus seiner Familie genommen worden, sagte der Sprecher des Landratsamtes, Matthias Fetterer. Die Polizei hatte einen Hinweis gegeben, dass der Lebensgefährte der 47-jährigen Mutter, ein 39 Jahre alter wegen Kindesmissbrauch vorbestrafter Mann sei.

Die Inobhutnahme des Jungen durch das Jugendamt wurde jedoch durch zwei Entscheidungen des Familiengerichts wieder aufgehoben – der Neunjährige musste zu seiner Mutter zurück und damit zu einer Frau, die nicht davor zurückschreckte, ihn seit 2015 mehreren Männern für Missbrauchshandlungen und Vergewaltigungen zu überantworten. Die Mutter und ihr Lebensgefährte sollen sich auch selbst an dem Schulkind vergangen haben. Nach Informationen der „Stuttgarter Zeitung“ und der „Stuttgarter Nachrichten“ hätte der Lebensgefährte der Mutter mit dem Opfer gar keinen Umgang haben dürfen. 



Jugendamt betreute auch Alessio

Das Jugendamt des Kreises Breisgau – Hochschwarzwald hatte in jüngerer Vergangenheit schon im Fall Alessio und im Fall Hussein K. scharfe Kritik auf sich gezogen. Der dreijährige Alessio war von seinem Vater, einem Landwirt im Hochschwarzwald, zu Tode geprügelt worden. Trotz zahlreicher Hinweise auf Misshandlungen des Kindes unter anderem durch die Freiburger Universitäts-Kinderklinik hatte das Jugendamt ihn nicht aus der prekären familiären Situation befreit. Im Fall Hussein K., der sich wegen Mordes und Vergewaltigung der 19-jährigen Studentin Maria L. derzeit vor dem Landgericht Freiburg verantworten muss, war das Jugendamt Breisgau-Hochschwarzwald auch zuständig und hatte sich Versäumnisse geleistet.

Für den sexuellen Missbrauch ihres neunjährigen Sohnes hat die Mutter je Vergewaltigung von mehreren inzwischen inhaftierten und teils einschlägig vorbestraften Männern mehrere hundert Euro kassiert. Das bestätigte Laura Riske, Pressesprecherin des Polizeipräsidiums Freiburg dem SÜDKURIER. Nach Auskunft von Oberstaatsanwalt Michael Mächtel summierten sich die Beträge pro Vergewaltiger auf mehrere tausend Euro. Die Mutter und ihr Lebensgefährte, der nicht der Vater des Kindes ist, organisierten von ihrem Wohnort aus den seit 2015 andauernden Missbrauch des Schulkindes. „Die Täter reisten teilweise über mehrere Hundert Kilometer an, um die Verbrechen zu begehen“, sagt Staatsanwalt Mächtel.

Fünf Tage, nachdem beim Landeskriminalamt in Stuttgart eine anonyme Anzeige einging, wurde der Junge vom Jugendamt des Landkreises Breisgau-Hochschwarzwald im September endgültig in Obhut genommen. Das Paar sitzt seit Mitte September in Haft, es war bei einem Supermarkt im Heimatort in einer spektakulären Polizeiaktion festgenommen worden. Im Zuge der Ermittlungen wurden sechs weitere Männer im Alter zwischen 32 und 49 Jahren inhaftiert. Die Verhaftungen erfolgten in Spanien, Österreich und Frankreich.

Laut Polizeisprecherin Laura Riske wurden Filmaufnahmen beim Missbrauch des Jungen gemacht, die den Ermittlern vorliegen. Sie ermöglichten es, weitere Täter über die Mutter und ihren Freund hinaus zu identifizieren und festzusetzen. Horst Haug, Sprecher des Landeskriminalamts in Stuttgart bestätigte auf Anfrage, dass der Junge im Darknet, einem versteckten Bereich des Internets, als Missbrauchsopfer europaweit angeboten worden ist. Die Vernehmungen des inhaftierten Paares und der anderen Beschuldigten gehen weiter, ob es bereits Geständnisse gibt, wurde nicht mitgeteilt. Anklage wird, wenn es so weit ist, laut Oberstaatsanwalt Mächtel für alle Beschuldigten vor dem Landgericht Freiburg erhoben.
 

Was den Tätern droht

Der schwere sexuelle Missbrauch von Kindern ist in Paragraf 176a des Strafgesetzbuches definiert. Im Fall der mutmaßlichen Vergewaltigungen eines Neunjährigen droht den Peinigern eine Mindeststrafe von drei Jahren Gefängnis für jeden Einzelfall, sagt die Staatsanwaltschaft Freiburg. Die Höchststrafe betrage 15 Jahre Haft. Wird ein Täter wegen mehrerer Fälle verurteilt, muss das Gericht eine Gesamtfreiheitsstrafe bilden. (dpa)

Ihre Meinung ist uns wichtig
3 Kommentare