Gymnasiale Oberstufe neu geregelt: So will Grün-Schwarz das Abitur reformieren
Unterricht in einer 13. Klasse am Friedrich-Schiller-Gymnasium in Marbach: Der Physiklehrer führt einen Versuchsaufbau zum Thema Elektrizität vor. Die Naturwissenschaften werden in der Oberstufenreform aufgewertet. <em>Bild: dpa</em>
Unterricht in einer 13. Klasse am Friedrich-Schiller-Gymnasium in Marbach: Der Physiklehrer führt einen Versuchsaufbau zum Thema Elektrizität vor. Die Naturwissenschaften werden in der Oberstufenreform aufgewertet. Bild: dpa
Baden-Württemberg
06.10.2017 08:13
Die Neuregelung der gymnasialen Oberstufe in Baden-Württemberg sieht vor, dass Schüler zukünftig mehr Freiheiten bei Wahl der Fächer haben sollen. Auch Änderungen bei der Abiturprüfung gehen damit einher.

Die grün-schwarze Landesregierung baut die gymnasiale Oberstufe in Baden-Württemberg um. Im Kern gibt es weniger Leistungsfächer, in denen die Abiturprüfung abgelegt werden muss. Zudem wird die Wahlfreiheit für die Oberstufenschüler an Gymnasien und Gemeinschaftsschulen im Südwesten größer und die klassische mündliche Prüfung von früher wird wieder eingeführt. Dies geht aus der Kabinettsvorlage aus dem Haus von Baden-Württembergs Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) hervor, die dieser Zeitung vorliegt. Insgesamt sind laut Eisenmann 65 Deputate zusätzlich nötig. Die Umgestaltung der gymnasialen Oberstufe kostet das Land zwischen 2019 und 2021 knapp elf Millionen Euro. Die Reform soll ab dem Schuljahr 2019/2020 umgesetzt werden.

Abiturprüfung effektiver

„Die Struktur der Abiturprüfung wird konzentrierter und effektiver gestaltet. Zukünftig wird es statt vier schriftlichen und einer mündlichen Prüfung drei schriftliche und zwei mündliche Prüfungen geben“, schreibt Eisenmann in der Kabinettsvorlage. Bei den mündlichen Prüfungen soll die Präsentationsprüfung abgeschafft werden. Hier wird gemutmaßt, dass viele Schüler die Präsentation einfach aus dem Internet abschreiben würden. Diese wird durch die klassische mündliche Präsentation ersetzt werden – also 20 Minuten Vorbereitung und 20 Minuten Prüfung. Letztere wird unterteilt in jeweils zehn Minuten Vortrag und zehn Minuten Colloqium. Weiter gilt im Gegensatz zu bisher eine Abiturprüfung als nicht bestanden, wenn eine der Prüfungen mit null Punkten bewertet wurde. Dann bleibt dem Schüler nur noch die Möglichkeit, eine freiwillige zusätzliche mündliche Prüfung in diesem Fach erfolgreich abzulegen.

Anknüpfend daran haben die Oberstufenschüler ab 2019 drei Leistungsfächer mit jeweils fünf Wochenstunden zu belegen. Bisher sind es fünf vierstündige Leistungsfächer. In der Fächerkombination müssen hier alle Schüler mindestens zwei unterschiedliche Fächer aus Deutsch, Mathematik, Fremdsprache und Naturwissenschaft auf erhöhtem Anforderungsniveau auswählen. Sie haben aber im Gegensatz zur bisherigen Regelung auch die Möglichkeit, Deutsch, Mathematik und Fremdsprache als dreistündiges Basisfach zu wählen. Neu ist auch: Die Naturwissenschaften müssen als Basisfach dreistündig angeboten werden. Alle anderen Basisfächer bleiben wie bislang zweistündig.

Kultusministerin Eisenmann betont, mit der Weiterentwicklung würde der „immer wieder geforderten äußeren Differenzierung in den Fächern Deutsch, Mathematik und Fremdsprachen“ Rechnung getragen. Durch die Konzentration auf drei Leistungsfächer solle der Spitzenbereich besser gefördert werden. Zudem habe die Kultusministerkonferenz im Juni dieses Jahres beschlossen, dass die Länder im Sinne einer besseren Vergleichbarkeit höchstens vier Kernfächer, also Leistungskurse, anbieten dürfen.

Karl-Wilhelm Röhm, CDU-Bildungsexperte im Landtag von Baden-Württemberg, erklärte auf Anfrage, mit der Reform würde die Qualität des Unterrichts verbessert: „Wir schaffen mehr Wahlmöglichkeiten, damit die persönlichen Interessen und Ziele jedes einzelnen Schülers stärker berücksichtigt werden können.“

Fremdsprachen später

Das grün-schwarze Kabinett wird in seiner nächsten Sitzung vermutlich auch beschließen, dass der Fremdsprachenunterricht an den Grundschulen in Baden-Württemberg ab dem Schuljahr 2018/2019 erst ab Klasse drei angeboten wird. Derzeit beginnt der Fremdsprachenunterricht im Südwesten ab Klasse eins. Vorgesehen hierfür sind bislang pro Klassenstufe zwei Wochenstunden. Laut dem Kabinettsentwurf verbleiben diese beiden Stunden nach der Neureglung an den Schulen, die dann über den Einsatz der freien Ressourcen entscheiden können. Vorrangig sollten so aber die Basiskompetenzen in Deutsch und Mathe abgedeckt werden.

Was die Reform für Schüler bedeutet

  1. Wie war es bislang? Die Kursstufe in der gymnasialen Oberstufe (K1 und K2) löste 2004 in Baden-Württemberg das System der bisherigen Grund- und Leistungskurse ab. Seitdem waren für alle Schüler fünf vierstündige Fächer, darunter zwingend Mathematik, Deutsch und eine Fremdsprache (Kernkompetenzfächer), sowie eine weitere Naturwissenschaft oder Fremdsprache Pflicht. Die Kernkompetenzfächer wurden auch im Abitur geprüft.
  2. Was waren die Nachteile dieser Regelung? Erstens fiel im Vergleich zum vorherigen Leistungskurssystem eine Stunde weg – dort wurden Leistungskurse noch fünfstündig unterrichtet. Bemängelt wurde dann in den vergangenen Jahren beim Übergang zur Hochschule, dass Abiturienten durch diese fehlende Stunde in manchen Fächern nicht ausreichend auf das Studium vorbereitet seien. Zweitens fiel die Differenzierungsmöglichkeit für die Schüler weg: Unabhängig von persönlicher Neigung mussten alle Schüler auf dem gleichen Niveau etwa in Deutsch, Mathematik oder Fremdsprache Abiturprüfungen ablegen, statt wie zuvor entweder auf Grundkurs- oder auf Leistungskursniveau. In der Praxis hatte das die Auswirkung, dass auch jemand, der etwa Sozialwissenschaftler werden wollte, die gleiche Matheprüfung absolvieren musste wie jemand, der später Mathematik oder Ingenieurwissenschaft studieren wollte.
  3. Was bedeutete das für die Abiturienten? Im Prinzip benachteiligte das System die baden-württembergischen Abiturienten im Vergleich zu anderen Ländern. Einerseits hatten sie mehr Pflichtfächer, dafür in diesen aber weniger Zeit für den Lehrstoff – was sich auf das Leistungsniveau auswirkte. Andererseits konnten sie ihre Leistungsfächer nicht nach Neigung differenzieren (im Gegensatz zu den meisten anderen Bundesländern). Das heißt, sie mussten auch in ihren potenziell schwächeren Fächern Abitur auf oberstem Leistungsniveau ablegen – was ihren Abischnitt im Vergleich eher schlechter machte.
  4. Was bedeutet die Änderung für die Schulen? Auf die Gymnasien kommt nun erneut eine große organisatorische Herausforderung und Umstellung zu. Vor allem kleinere Schulen könnten sich schwertun, nun wieder Leistungs- und Basiskurse anzubieten, wenn die Schüler künftig zwischen drei- und fünfstündigen Kernkompetenzfächern wählen können. Gibt es nicht mehr Lehrer, könnte die Wahlmöglichkeit bei den Kursen – die vor allem in kleineren Gymnasien im ländlichen Raum oft eingeschränkt ist – leiden.
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