Völlig von der Rolle: Warum drucken Menschen Motive ausgerechnet auf Klopapier?
Rollen Klopapier mit verschiedenen Mustern liegen am 04.07.2017 in einem Badezimmer in München (Bayern).
Rollen Klopapier mit verschiedenen Mustern liegen am 04.07.2017 in einem Badezimmer in München (Bayern). | Bild: Foto: Fabian Nitschmann/dpa
München
20.07.2017 08:18
Klopapier geht den meisten am Allerwertesten vorbei und fristet ein kaum debattiertes Dasein. Vielleicht, weil es so alltäglich ist. Oder weil der Toilettengang noch immer ein Tabuthema ist. Nichtsdestotrotz legen sich manche Kreative bei der Gestaltung mächtig ins Zeug.

Ein leises Rrrrp, kaum zu vernehmen. Ein routinierter Handgriff in die Niederungen menschlicher Intimität. Und zack rauscht das Toilettenpapier mit der Klospülung in Richtung Kanalisation. Das schnöde weiße mit eingeprägtem Muster wird inzwischen vielfach durch farbenfrohe, teils duftende Varianten ersetzt: rosa und gelb, mit aufgedruckten Flamingos, Eiffeltürmen, Marienkäfern, Blumen. Natürlich sind auch schon Einhorn-Kollektionen auf dem Markt und längst gibt es Anbieter für ausgefallene, individuelle Wünsche.

Warum drucken Menschen Motive ausgerechnet auf Klopapier? Und warum sind Kunden bei dem Anblick offenbar völlig aus dem (Klo)häuschen? Dass Wölkchen- und Feder-Prints für Weichheit stehen und schon vor dem Kauf ein angenehmes Gefühl für den Po vermitteln sollen, leuchtet ja selbst Lokus-Laien ein. Aber welche Assoziationen lösen bitte die hölzernen Schalen einer Ananas oder Kakteen aus?!

Fangen wir bei den großen Herstellern an: Bei Hakle gibt es bedrucktes Klopapier seit etwa Ende der 1970er/Anfang der 1980er Jahre. „Bei der Motivwahl orientieren wir uns grundsätzlich am Verbraucher“, sagt eine Sprecherin. Man schaue nach Trends, entwickele Motive, stimme diese im internen Kreis ab und stelle sie dann den Handelspartnern vor. Das gilt beispielsweise für saisonale Sondereditionen, bei denen das Design zwei- bis viermal im Jahr gewechselt wird. Mehr als 90 Millionen Rollen Toilettenpapier bringt Hakle jährlich an die Kunden – ein Viertel davon sei bedruckt.

Rollen Klopapier mit verschiedenen Mustern
Rollen Klopapier mit verschiedenen Mustern Bild: Fabian Nitschmann/dpa

Platzhirsch Zewa erarbeitet Trends oder Themen für Motive und testet sie in einer Marktforschung, „um sicherzustellen dass diese attraktiv für die zielgruppenrelevanten Konsumenten sind“. Zewa nutze häufig farbigen Leim, der die Prägung des Papiers hervorheben lässt, erklärt eine Sprecherin. Ein Druck auf dem Papier werde nur für spezielle Limited Editions umgesetzt. Die Vereinigung DWA, in der die Betreiber von Abwasseranlagen organisiert sind, sieht übrigens keine Probleme mit bedrucktem Toilettenpapier.

Branchenexperten schätzen den jährlichen Verbrauch an Toilettenpapier in der Bundesrepublik auf 600 000 bis 700 000 Tonnen. Dabei werde etwa zur Hälfte Altpapier eingesetzt. Nachhaltigkeit sei ein Trend, dem auch Hakle sich verschrieben hat, sagt die Sprecherin. Am begehrtesten ist auf dem deutschen Markt laut Zewa dreilagiges Klopapier mit einem Anteil von 65 Prozent. Knapp drei Viertel der verkauften Packungen sind mit acht oder zehn Rollen befüllt.

Die Konsumforscher der GfK haben errechnet, dass die privaten Haushalte in Deutschland im Schnitt pro Jahr 93 Rollen trockenes Toilettenpapier kaufen – für 25,48 Euro. Dabei greift nicht mal jeder Achte (13 Prozent) zu farbigem Papier – Tendenz steigend. Deutlich beliebter ist solches mit Dekor: Hier haben vier von zehn Kunden (42 Prozent) zugeschlagen. Die Nachfrage sinkt aber leicht.

Völlig von der Rolle: Klopapier in bunt oder mit Flamingo
Völlig von der Rolle: Klopapier in bunt oder mit Flamingo Bild: Fabian Nitschmann/dpa

Warum kauft man farbiges Klopapier?

 

Was Kunden zum Kauf farbigen Klopapiers oder solchem mit Motiven anregt, wissen die Verkäufer: Hans-Jürgen Collatz vertreibt über die Firma Desgin-Tissue einfarbiges Toilettenpapier – unter anderem in pink und Terrakotta. Schwarz sei aber die gefragteste Farbe und komme etwa in Szenekneipen aufs WC, die alles in schwarz-weiß halten. „Es gibt auch Hotels, die jede Etage in einer anderen Farbe gestalten“, sagt er. Badausstatter nutzten farbiges Klopapier als Hingucker. Und auch Hakle hat festgestellt: „Viele Verbraucher legen Wert auf ein modernes, harmonisches Baddesign, so dass sich auch das Dekor des Toilettenpapiers optimal einfügen soll.“

Ähnlich äußert sich Fritz Loibl von Tissuedesign, der die Blätter mit Gold und Silber verziert. Zwar sagt er, dass das Interesse daran „quer durch alle Schichten“ geht. Wer sein Klopapier aber mit 24-Karat Echtgold prägen lässt, das will er lieber nicht verraten.

Einer der Hauptanlässe für Motivklopapier – so erzählen Collatz und Loibl – ist die Hochzeit. Dahinter vermuten beide aber nicht die Aussage, dass die Partnerwahl der Beschenkten ein Griff ins Klo war. Vielmehr dienten die Rollen als Verpackung für Geldgeschenke, sagt Loibl. Als zweitstärkstes Thema nennt Collatz Weihnachten. Hier diene Papier etwa mit Weihnachtsmännern, Rentieren oder Tannenbäumen sowohl zum Verschenken als auch für die Innenausstattung. „Weihnachten wird ja heute dekoriert bis ins letzte Örtchen“, sagt Collatz.

Dazu passt die Einschätzung von Design-Professor Markus Frenzl von der Hochschule München: „Es geht um Ästhetisierung, Durchgestaltung – aber auch um Verkaufsförderung.“ Das Produkt Klopapier verliere sein Branding, sobald es aus der Verpackung ist. Mithilfe einheitlicher Motive kann sich der Kunde besser merken, welches Papier er beim nächsten Mal wieder kaufen will. Außerdem diene Klopapier wie auch Küchenrolle als Werbeplattform für andere Marken, etwa als zum Start des dritten Teils der Kinoreihe „Ich – einfach unverbesserlich“ wieder Editionen mit den kleinen gelben Minions herausgebracht wurden.

Klopapier als individuelle „gute Momente“

Zwei andere Aspekte: „Der Toilettengang ist eines der letzten Tabus in unserer Gesellschaft“, sagt Frenzl. Buntes Klopapier sei eine Form von Verniedlichung und Infantilisierung. Zum anderen gehe es generell heutzutage bei Produkten immer weniger darum, monothematisch nur deren Funktion zu verkaufen. Sondern Kunden wollten ein Erlebnis: „Die Zeit, dass Duschgel saubermacht und erfrischt, ist passé. Heute steht „sinnliche Momente“ drauf. Man kauft sich keinen Joghurt mehr, der nach Erdbeere schmeckt, sondern „eine Auszeit“.“ So könne man sich auch mit bedrucktem Toilettenpapier „gute Momente“ kaufen.

Wer das besonders individuell machen will – auch das ein Trend – ist bei Karsten Ley richtig. Der Geschäftsführer der Internetseite Mach-Mich.de bietet für zehn Euro 120 Blätter Platz für alles Mögliche. So habe eine Kundin mal eine Bewerbung für eine Werbeagentur aufs Klopapier drucken lassen, ein anderer Kunde seine Doktorarbeit. Eine Kommune habe auf den öffentlichen Toiletten Rollen verteilt mit der Aufschrift „Haltet unsere Stadt sauber“ und Fans der Fußballmannschaften Borussia Dortmund und Schalke 04 würden regelmäßig bedrucktes Toilettenpapier durchs Stadion werfen – warum auch immer.

Atomkraftgegner hätten ebenfalls schon Protest von der Rolle bei ihm bestellt. Eine Enkelin ihrer Großmutter Klopapier mit dem Foto der Oma geschenkt, erzählt Ley. „Die Gegensätze sind das Interessante: Der eine sagt so, was er scheiße findet. Der andere meint es lieb.“

Vom bunten Klopapier leben können die kleinen Anbieter nicht. Es sei eher ein Randprodukt, sagt Collatz. Ihm zufolge könnten Menschen mit besonders feinem Gespür übrigens selbst im Dunkeln merken, ob sie es mit handelsüblichem weißen oder bedrucktem Papier zu tun haben: Weil der Cellulosestoff schwer zu bedrucken sei, müsse mit etwas dickerem Papier gearbeitet werden. „Deswegen ist Motivpapier nicht so flauschig“, sagt er. „Aber es geht ja um den Gag, nicht um Komfort.“

Fünf kuriose Fakten über Klopapier

Warum immer nur über Wetter oder Essen plaudern, wenn es noch andere ebenso alltägliche Themen zum Klönen gibt?! Klopapier beispielsweise. Das überrascht fast jeden Gesprächspartner und garantiert in der Regel ein Schmunzeln beim Gegenüber. Um für den nächsten Smalltalk gewappnet zu sein, fünf kuriose Fakten:

1. „Bist du Falter oder Knüller?“ Mit dieser Einstiegsfrage ist Ihnen die Aufmerksamkeit gewiss! Der Hintergrund: In Deutschland werde Klopapier eher gefaltet, erklärt eine Hakle-Sprecherin. Vor allem in anglo-amerikanischen Ländern werde eher geknüllt. Daher unterscheiden sich die Anforderungen in Sachen Lagigkeit und Qualität des Papiers. „Bei den Faltern in Deutschland ist die Nachfrage nach mehrlagigem Toilettenpapier und mit attraktivem Design deutlich größer.“

2. Im Ausland werden den Angaben nach auch eher einfache Klopapiere produziert und nachgefragt, die maximal zweilagig sind. Daher finde man dort auch deutlich weniger bedrucktes Toilettenpapier.

3. Die Firma Design-Tissue vertreibt buntes Toilettenpapier der portugiesischen Marke Renova. Unternehmer Hans-Jürgen Collatz verrät: In Deutschland sei das Papier etwas breiter als in Südeuropa: 102 statt 95 Millimeter. Ob es an unterschiedlichen Größen von Händen und/oder Hintern liegt, weiß er nicht. Lang sind die Blätter jedenfalls in beiden Fällen 115 Millimeter.

4. Neun Farben hatte Collatz mal im Angebot. Heute sind es nur noch acht. Eine habe bei den Kunden nicht gezogen: Braun. Auch hier kann über die Gründe nur spekuliert werden.

5. Im Internet finden sich vereinzelt Hinweise auf den 26. August als Internationaler Toilettenpapier-Tag. Wirklich durchgesetzt hat er sich nicht, die Hintergründe sind auch unklar. Deutlich geläufiger ist dagegen das Datum 19. November: der Welt-Toilettentag. Er hat einen ernsten Anlass und soll darauf aufmerksam machen, dass Milliarden Menschen keinen Zugang zu richtigen Toiletten haben.

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