Was das Ausscheiden der deutschen Clubs in der Champions League bedeutet
Die beiden Trainer Carlo Ancelotti und Thomas Tuchel
Die beiden Trainer Carlo Ancelotti und Thomas Tuchel | Bild: dpa, afp - Montage SK
Fußball
20.04.2017 15:08
Das Champions-League-Halbfinale findet dieses Jahr ohne deutsche Clubs statt. Dafür wartet viel Arbeit auf die Trainer Thomas Tuchel und Carlo Ancelotti.

Stell Dir vor, es ist Halbfinale in der Champions League und keine deutsche Mannschaft mehr dabei. Gibt’s nicht? Gibt’s doch! Nach den Viertelfinalpleiten von Bayern München und Borussia Dortmund ist der deutsche Fußball erstmals seit acht Jahren Zuschauer, wenn die Vorschlussrunde der Königsklasse gespielt wird. Die Bundesliga gibt im Vergleich der europäischen Top-Nationen also kein gutes Bild ab.

Das Champions-League-Halbfinale ohne deutsche Beteiligung – eine unglückliche Ausnahme oder ein Grund zur Sorge?

Sokratis und seine Dortmunder Mitspieler verlassen nach dem Spiel das Stadion.
Sokratis und seine Dortmunder Mitspieler verlassen nach dem Spiel das Stadion. Bild: Bernd Thissen

Ganz klar ersteres. Auch in Zukunft bleibt vor allem der FC Bayern eine große Nummer im europäischen Fußballgeschäft. Auch Borussia Dortmund gehört sicher zu den europäischen Topclubs. Dahinter wird es hierzulande eher eng. Natürlich ist RB Leipzig und 1899 Hoffenheim der Europacuplohn für eine tolle Bundesligasaison zu gönnen, Husarenstücke sollte sich der deutsche Fan freilich nicht erwarten. Deshalb auch täte ein bisschen Bescheidenheit all jenen gut, die die Bundesliga gerne Weltmeisterliga oder beste Liga der Welt nennen. In der Champions League ist nämlich eindeutig die spanische Primera Division tonangebend.
Die Spieler von Real Madrid bejubeln den Sieg gegen Bayern München.
Die Spieler von Real Madrid bejubeln den Sieg gegen Bayern München. Bild: Andreas Gebert
Seit 2011 haben ununterbrochen jeweils zwei Teams von der Iberischen Halbinsel das Halbfinale der Königsklasse erreicht, Real Madrid immer, also siebenmal, der FC Barcelona fünfmal und Atlético Madrid dreimal.
Real und Barcelona holten den Henkelpott je zweimal, je einmal triumphierten der FC Bayern (2013), der FC Chelsea (2012) und Inter Mailand (2010). Die englische Premier League und die italienische Serie A waren zuletzt wenig erfolgreich. Ob die gigantische Fernsehgeldflut, die sich inzwischen auf den englischen Vereinsfußball ergießt, auch wieder zu europäischen Erfolgen der Clubs von der Insel führt, ist eine der großen Fragen der nahen Zukunft.

Wie ist das Ausscheiden von Dortmund einzuordnen?

Nuri Sahin, Sokratis Papastathopoulos und Shinji Kagawa von Borussia Dortmund gehen nach dem 1:0 für Monaco über den Platz.
Nuri Sahin, Sokratis Papastathopoulos und Shinji Kagawa von Borussia Dortmund gehen nach dem 1:0 für Monaco über den Platz. Bild: Bernd Thissen

Der Dortmunder Knockout gegen den AS Monaco ist wegen des Bombenanschlags auf den Mannschaftsbus vor dem ersten Viertelfinale sowieso nicht nach rein sportlichen Gesichtspunkten zu bewerten. Es ist deshalb vollkommen in Ordnung, dass BVB-Trainer Thomas Tuchel auch nach dem wenig erbaulichen 1:3 im Rückspiel auf Kritik an seinen Spielern verzichtete. „Wir haben uns bis vor acht Tagen komplett bereit gefühlt, dieses Viertelfinale zu gewinnen“, erklärte er in Monaco, „die Vorzeichen haben sich aber auf dramatische Weise geändert.“ Hinzu kam noch, dass im Fürstentum die Fahrt zum Stadion bei allen Beteiligten unangenehme Erinnerung weckte. Auf Geheiß der Gendamerie durfte der mit den Dortmundern Profis besetzte Bus 17 Minuten lang nicht vom Hotel abfahren. „Nach dem, was uns passiert ist, gibt es kaum eine schlechtere Situation, als dass du wieder gemeinsam im Bus sitzt und es geht nicht los. Es war ein etwas beklemmendes Gefühl“, schilderte Tuchel diese total unangenehme Zeitspanne, die zumindest bei einigen seiner Spieler tiefes Unbehagen auslöste.

Dortmunds Trainer Thomas Tuchel auf der Pressekonferenz.
Dortmunds Trainer Thomas Tuchel auf der Pressekonferenz. Bild: Guido Kirchner (dpa)

„Wir waren nicht wirklich bereit“, gab Roman Bürki zu. Der Torhüter war auch schon im Vorfeld einer der BVB-Akteure, die offen aussprachen, wie belastend das schlimme Ereignis nachwirkt. „Ich habe seither keine Nacht durchgeschlafen“, sagte Bürki. Fazit: Es gibt im Zweifel auch für einen Profifußballer Wichtigeres im Leben, als das Halbfinale der Champions League.

Und was bedeutet der frühe K.o. der Münchner?

Thomas Müller (l) und Philipp Lahm (M) aus München gehen nach dem Spiel vom Platz.
Thomas Müller (l) und Philipp Lahm (M) aus München gehen nach dem Spiel vom Platz. Bild: Andreas Gebert (dpa)

Die Bayern hatten mit Real Madrid den Titelverteidiger, die teuerste Mannschaft der Welt und auch den besten Torjäger der Königsklasse gegen sich. Schuld am Ausscheiden waren mehrere Faktoren: Verletzungspech, eine klägliche Schiedsrichterleistung in Madrid, aber auch taktische Fehlgriffe von Trainer Ancelotti im Rückspiel, unerklärliche Defizite bei Leistungsträgern, ein vergebener Elfmeter im ersten Viertelfinale und – vor allem – eine desolate zweite Halbzeit in München. So etwas sollte nicht, kann aber vorkommen. Kein Grund für Weltuntergangsstimmung.

Bayern Münchens Arturo Vidal liegt auf dem Rasen und ärgert sich über eine vergebene Torchance im Spiel gegen Real Madrid.
Bayern Münchens Arturo Vidal liegt auf dem Rasen und ärgert sich über eine vergebene Torchance im Spiel gegen Real Madrid. Bild: Matthias Balk

Welche Lehren gibt es mit dem Blick nach vorne zu ziehen?

Für Borussia Dortmund muss oberste Prämisse sein, wieder Konstanz in die eigenen Leistungen zu bringen. Diese Saison ist schon seit Beginn eine sportliche Achterbahnfahrt, die sich ja auch dadurch ausdrückt, dass der Ballspielverein Borussia um den neuerlichen Einzug in die Königsklasse bis zuletzt kämpfen muss und es durchaus so kommen kann, dass er in der Bundesliga nur Vierter wird und dann eine internationale Qualifikation zu bestreiten ist. Was die Qualität betrifft, ist klar: Torjäger Pierre-Emerick Aubameyang sollte gehalten werden und Marco Reus endlich mal von Verletzungen verschont bleiben.

Der FC Bayern München feierte das 4:1 gegen Dortmund ausgelassen.
Der FC Bayern München feierte das 4:1 gegen Dortmund ausgelassen. Bild: Sven Hoppe


Die Bayern verfolgen zweifelsfrei höhere Ziele. Seit dem Titelgewinn in der Königsklasse 2013 haben sie sechs von 21 K.o.-Spielen verloren, davon fünf gegen spanische Teams. Also kann das neuerliche Aus gegen Real Madrid nur bedeuten, dass die Münchner auf dem internationalen Transfermarkt tätig werden. Abgänge von Philipp Lahm und Xabi Alonso kann man nicht mit Neuzugängen aus Hoffenheim kompensieren, auch wenn Niklas Süle und Sebastian Rudy ja ordentliche Fußballer sind. Auf den Außenbahnen ist Bedarf, und auch ein zweiter Stoßstürmer von gehobener Güte wäre nicht schlecht. Da darf man mit Blick auf die europäische Konkurrenzfähigkeit der Bayern gespannt sein, was passiert, für die Bundesliga bedeutet das freilich nur eines: An der Spitze wird es weiter langweilig bleiben.

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