Immer Haltung, immer Respekt, immer Christian Streich
Hat Trainer Christian Streich schon Spieler im Blick?
Hat Trainer Christian Streich schon Spieler im Blick?
Fußball
22.05.2017 17:52
Der Trainer des SC Freiburg ist ein Fußballfachmann, aber nicht nur das: Er genießt Wertschätzung weit über den Sport hinaus

Nein, auf den Zaun klettert er dann doch nicht. Oft genug haben ihn die Fans auf der Nordtribüne des Schwarzwaldstadions dazu aufgefordert nach souveränen Heimspielen des SC Freiburg, erst mit Sprechchören „wir woll’n den Trainer sehen“, und dann, wenn er sich zeigt, auch persönlich mit vehementen „Christian, Christian“-Rufen. Der Begehrte reiht sich dann unter seinen Spielern ein, wirft mit ihnen die Arme hoch, um die Anhänger zu dirigieren, aber damit ist es genug. Und wenn er gefragt wird, ob das nicht etwas besonderes sei, dann sagt er im kleinen Kreis auf gut Badisch schon mal, „ja, schön isch es scho“, um öffentlich die Bedeutung des Fanlobes sofort kleiner zu machen: „Aber dass sie mich beim Namen rufen, ist nichts Ungewöhnliches. Ich bin ja schon seit 22 Jahren da, die kennen mich.“

Die Wahrheit ist: Bei Christian Streich gibt es nichts kleiner zu machen. Der Trainer des SC Freiburg ist ein Großer, und die Tatsache, dass er ein solches Urteil kategorisch ablehnen würde, so man ihm es sagte, lässt ihn nun auch nicht gerade schrumpfen. Für Streich gibt es nur ein Miteinander. Haltung, Respekt, Anerkennung, reden, erklären, Vertrauen schaffen – das sind seine Worte und seine Werte. „Das ist unsere Kultur im Verein“, sagt Streich, „da wird nicht ausgegrenzt oder gemobbt.“

Wenn der 51-jährige studierte Pädagoge von „Verein“ spricht, dann ist das auch so gemeint. Alle führenden Personen beim Sportclub ziehen am gleichen Strang, vertreten dieselbe Auffassung von Zusammenarbeit, die gleichzeitig zielstrebig und harmonisch, anstrengend und gerne gemacht wird. Die Grundphilosophie ist das funktionierende Kollektiv, mit dem Fuß am Ball und mit dem Schmalz im Hirn. Der Rest ist gezielte Förderung der individuellen Fähigkeiten. Streich bringt das auf einen Nenner: Ein starkes Kollektiv helfe jedem dabei, individuelle Fortschritte zu machen. Und individuelle Verbesserungen kämen auch gleich wieder dem Kollektiv zugute.

Alle arbeiten so beim SC Freiburg, vom Präsidenten und dem Vorstand bis zum Platzwart und den Stadiontechnikern, von Streich und seinem Trainerteam bis zur Mannschaft auf der Geschäftsstelle. Und doch befindet sich der Cheftrainer, ob er nun will oder nicht, in exponierter Position. Also steht er für die Freiburger Überzeugungen ein und streitet auch für sie, wenn nötig. Sei es bei Fußballproblematiken oder bei gesellschaftlich relevanten Themen. Christian Streich kann sich aufregen über die Medien, wenn sie aus einer Niederlage in der Schlagzeile eine „Pleite“ machen, „ich finde das unmöglich“, sagt er, „alles zu dramatisieren, alles in Gut und Böse zu unterteilen“. Das gilt aber auch für Politiker oder Personen, die sich für solche halten, Christian Streich kann sich deshalb aufregen, wenn in diesem Land die sogenannte Flüchtlingskrise in-strumentalisiert wird, um Abschottung und Ausgrenzung zu fordern. Christian Streich macht sich zum Fürsprecher für Kollegen, die – aus seiner Sicht – trotz guter Arbeit unter Druck geraten, den Arbeitsplatz zu verlieren. Und er freut sich öffentlich, dass der neue Präsident Frankreichs Emmanuel Macron heißt und die Wahl bei den Nachbarn nicht dazu geführt hat, dass dort eine Präsidentin Marine Le Pen regieren darf. „Stell dir vor, du müsstest dann dort spielen, das wär ja eine Katastrophe.“

Knapp fünfeinhalb Jahre ist Christian Streich nun Cheftrainer beim SC Freiburg, seit er den Posten im Dezember 2011 von Marcus Sorg übernommen hat, der kein Fortune hatte und keinen Plan mehr. Abgeschlagenes Schlusslicht war der Sportclub damals, eine Herkulesaufgabe oder gar ein Himmelfahrtskommando schien da vor dem damaligen Trainer der SC-Junioren zu liegen. Streich sah das fundamental anders. Es könne nicht um den Klassenerhalt gehen, sondern nur darum, bis zum Saisonende richtige Strukturen aufzubauen, die gerade auch nach einem Abstieg taugen würden. Er nahm den Posten nur an, weil seine Sicht der Dinge von der Clubführung akzeptiert wurde. Fünf Monate später war beim SC Freiburg alles im Lot, der Ligaverbleib geschafft und der etwas andere Trainer, der an der Seitenlinie den Derwisch geben kann und sich nicht scheut, badischen Dialekt in Mikrofone zu sprechen, bundesweit in aller Munde. „Ihr habt da ja einen echten Kauz“, sagte seinerzeit ein Journalistenkollege aus dem Westfälischen – es klang harmloser, als es gemeint war. Wenn Christian Streich in seinen ersten Monaten keinen Erfolg gehabt hätte, es wäre ihm womöglich mancherorts sogar Häme zuteil geworden in dieser ebenso knallharten wie oberflächlichen Berufswelt.

Längst kein Thema mehr. Christian Streich ist anerkannter Fußballfachmann, Trainer mit Kultpotenzial, das Gewissen der Liga, Respektsperson weit über die Kalklinien des Fußballfeldes hinaus. Gut 50 Interviewanfragen sind in den vergangenen Tagen bei Pressesprecher Sascha Glunk eingegangen, zu viel des Guten. „Immer geradeaus, knochentrocken und unverstellt“, wie ihn Präsident Fritz Keller charakterisiert, hat der Trainer keine Zeit und ist erst mal eine Woche weg. Völlig korrekt, Christian Streich ist auch Mensch.

Ihre Meinung ist uns wichtig
0 Kommentare