Loni Ströhle hört nach 53 Jahren als Trikotwäscherin auf
Loni Ströhle hängt die Trikots des SV Deggenhausertal an der Wäschespinne auf. Mehr als ein halbes Jahrhundert war sie im Verein für saubere Sportkleidung zuständig. <em>Bild: privat</em>
Loni Ströhle hängt die Trikots des SV Deggenhausertal an der Wäschespinne auf. Mehr als ein halbes Jahrhundert war sie im Verein für saubere Sportkleidung zuständig. Bild: privat
Fußball
11.08.2017 15:27
Die fleißige Helferin hat seit 1965 bei den Fußballern des SV Deggenhausertal die Trikots, Hosen und Stutzen gewaschen.

Fußball: Der 1965er Jahrgang ist ein besonders guter für den deutschen Fußball. In jenem Jahr erblicken zwei Buben das Licht der Welt, die ein Vierteljahrhundert später Geschichte schreiben werden: Jürgen Kohler und Karl-Heinz Riedle, die Weltmeister von Rom. Ihr Bundestrainer ist 1990 ein gewisser Franz Beckenbauer, der wenige Tage nach dem 20. Geburtstag sein erstes Länderspiel bestreitet – auch 1965.

Das ist allerdings nicht die einzige Premiere in jenem Sommer. Als der SV Homberg-Limpach bei seiner Neugründung 1965 mit einer A-Jugend- und einer C-Jugendmannschaft an den Start geht und ein rauschendes Fest feiert, stellt sich Loni, die Frau des Gründungsmitgliedes und 2. Vorsitzenden Hugo Ströhle, abends an den heimischen Zuber und wäscht die neuen Trikots, Hosen und Stutzen der Nachwuchskicker.

In die Schlagzeilen der großen, weiten Fußballwelt schafft es die Frau aus dem Bodenseehinterland nicht, auch darf sie nie den WM-Pokal in die Höhe recken, doch während Kohler sich zuletzt als Trainer beim Sechstligisten VfL Alfter versuchte, Riedle inzwischen sein Geld als Hotelier und mit Jugendcamps verdient und Beckenbauer sich vor unangenehmen Fragen rund um das gekaufte Sommermärchen 2006 drückt, ist Loni Ströhle all die Jahre ihrer Berufung treu geblieben. 53 Jahre lang sorgt sie dafür, dass die Kicker im Deggenhausertal in sauberen Klamotten auf dem Platz stehen. Nun sagt sie selbst: „Es geht nimmer.“ Zu mühsam ist die Arbeit, für die sie immer gerne ihre freie Zeit geopfert hat, in den vergangenen Jahren für die 84-Jährige geworden. Mit dem Rollator komme sie so schlecht die drei Treppenstufen in den Waschraum hoch, sagt sie schmunzelnd am Ende ihrer unendlich scheinenden Karriere.

Im Sommer 2017 verabschiedet der Vorsitzende Wolfgang Rössler mit einer Urkunde, einem Blumenstrauß und einem Restaurant-Gutschein seine Loni, die ihm seit der Gründung des SV Deggenhausertal 2002 eine große Hilfe war. Bei einem Glas Sekt erzählt sie von ihrem Leben, das oft darin bestand, dafür zu sorgen, dass ihre „Buben“, wie sie sagt, gut aussehen. „Ich weiß noch: Das allererste Spiel war in Überlingen. Das haben sie 10:0 verloren. Und mein Sohn Hans stand im Tor“, sagt Loni Ströhle, die damals 31 Jahre jung war, und lacht. Die Jugendspieler aus den Gründungs-Mannschaften sind heute alle zwischen 60 und 70 Jahre alt, die einen längst in Rente, andere leben nicht mehr. Ströhle jedoch kann sich noch an die meisten erinnern, die sie unter der Woche in der Waschküche und dann am Wochenende bei den Spielen am Sportplatz unterstützt hat. „Das war eine schöne Zeit. Ich habe immer Kontakt gehabt mit den Jungen“, sagt sie. Der Lohn für eine oftmals harte Plackerei.

„Ganz am Anfang waren die Trikots noch aus reiner Baumwolle. Die hat man nicht trocken gekriegt. Das war eine Arbeit, als ich noch keine Waschmaschine und keinen Trockner hatte. Alle haben sie die Sachen falschrum in den Koffer geworfen“, seufzt Loni Ströhle. Es ist zum verrückt werden – und doch bekommen die schlampigen Sportler dann alles ordentlich zusammengelegt und nicht selten auch gebügelt zurück.

Ordnung muss schließlich sein bei Loni Ströhle. „Ich habe die Socken auch geflickt und neue Gummis in die Hosen genäht“, sagt die heimliche Helferin im Hintergrund, die bei den Vereinschefs vorstellig wird, als alle Stutzen kaputt sind und nicht mehr geflickt werden können. „Ich habe mich geschämt, wie sie ausgesehen haben“, erinnert sich Ströhle, die sich oft im eigenen Haus beschwert. Zwei der sechs Vorstände in der Geschichte des SV Homberg-Limpach und des Folgevereins SV Deggenhausertal sind ihr Mann Hugo und Sohn Manfred. Das Waschen an sich ist kein Problem. „Ich hab nie gewollt, dass andere sie waschen“, sagt Ströhle, die nach so vielen Jahren ganz genau weiß, wie die Fußballer ticken. „Wer dreckig war, der hat auch was geleistet“, sagt sie, ganz alte Schule. „Wer sauber rauskam, hat sich nicht bewegt.“ Nur die Grasflecken auf den weißen Stutzen zu den roten Trikots stören sie sehr. „Ich hab immer gesagt: Wie kann man nur so was kaufen?“

Eines allerdings kann Loni Ströhle überhaupt nicht riechen. „Geschimpft hat sie immer, wenn die Spieler die Trikots zu spät gebracht haben. Das hat aber auch gestunken, wenn sie ein paar Tage im Kofferraum vergessen wurden“, sagt ihr Sohn Manfred. „Manchmal haben sie mit schlechtem Gewissen gewartet, bis es dunkel wurde. Aber wenn sie den Koffer heimlich hinter dem Haus abstellen wollten, hat der Senior schon gewartet. Da gab’s ein Donnerwetter.“ Sonst läuft aber alles reibungslos. Die Fußballer wissen genau, wo sie die Wäsche deponieren können – nach Siegen, die entsprechend gefeiert werden, auch gerne mal tief in der Nacht. Sogar der Hund der Ströhles wird dressiert, dass die Spieler in den Waschraum kommen können, wenn niemand zuhause ist.

Mehr als ein halbes Jahrhundert lang klingelt es Woche für Woche. Vor der Tür ein Spieler mit dem Trikotkoffer und ein paar Mark und später Euro aus der Wäschekasse. Ein symbolischer Beitrag für einen Haufen Arbeit. Eine kleine Rechnung: Angenommen, die fleißige Loni war im Schnitt pro Saison für zwei Teams zuständig, macht 30 Trikots und Hosen sowie 60 Stutzen am Wochenende. Bei 30 Spielen in der Saison kommt sie auf 900 Trikots und Hosen sowie 1800 Stutzen pro Jahr. Bei 53 Jahren sind das knapp 50 000 Hosen und Trikots sowie an die 100 000 Stutzen. Gewaschen, aufgehängt und manchmal sogar gebügelt oder geflickt. Und so etwas macht Spaß? „Spaß?“, fragt Ströhle zurück und antwortet ganz pragmatisch: „Man hat’s halt g‘macht.“

Selbstverständlich macht sie’s immer gerne – auch wenn sie das nicht so offen zugibt. Sonst hätte sie wohl kaum die ganze Zeit weiter gewaschen – auch als es immer beschwerlicher wird. „Die letzten Jahre hab ich’s überhört, wenn du vom Aufhören gesprochen hast“, sagt Wolfgang Rössler, der seit 28 Jahren Vorstand der Fußballer aus der 4300-Einwohner-Gemeinde ist. Er weiß schließlich immer, was er an seiner zuverlässigen Schafferin Loni Ströhle hat.

Das wurde dem Chef des SV Deggenhausertal erst kürzlich wieder bewusst. Die Wascherei muss heute auf mehrere Schultern verteilt werden bei fünf aktiven und 14 Jugendmannschaften. „Letztes Jahr hat der Trainer aber einmal die Trikots selber gewaschen, weil niemand sonst Zeit hatte“, sagt Rössler und lacht, „die konnten wir danach grad wegwerfen, so klein sind sie aus der Maschine gekommen.“ Der Loni ist das in 53 Jahren nicht passiert. Sie hat jedes einzelne Teil zurückgebracht, als wäre es nie getragen gewesen – 50 000 Trikots, 50 000 Hosen und unglaubliche 100 000 Stutzen.

Auf einen Blick

53 Jahre lang hat Loni Ströhle beim SV Deggenhausertal die Trikots gewaschen. Grob kamen in dieser Zeit je 50 000 Hosen und Hemden sowie 100 000 Stutzen zusammen. In ihrer Zeit hat die heute 84-Jährige „sechs Vorstände und vier Jugendleiter verschlissen“, wie der aktuelle Vereinschef Wolfgang Rössler bei ihrer Verabschiedung augenzwinkernd sagte. (fei)

Ihre Meinung ist uns wichtig
0 Kommentare