Furchtlos - auch ohne Zaubertrank: Der 1. FC Rielasingen-Arlen vor dem DFB-Pokalspiel gegen Borussia Dortmund
Auf das Spiel ihres Lebens bereiten sich die Spieler des 1. FC Rielasingen-Arlen derzeit vor. Am 12. August fordern die Hegauer im Freiburger Schwarzwaldstadion Borussia Dortmund im DFB-Pokal heraus. <sup></sup><sup></sup>
Auf das Spiel ihres Lebens bereiten sich die Spieler des 1. FC Rielasingen-Arlen derzeit vor. Am 12. August fordern die Hegauer im Freiburger Schwarzwaldstadion Borussia Dortmund im DFB-Pokal heraus. | Bild: Peter Pisa
Rielasingen
29.07.2017 19:02
Der 1. FC Rielasingen-Arlen fiebert dem Spiel gegen BVB entgegen. Trotz aller Pokaleuphorie gibt es aber keinen Höhenflug auf der Talwiese. Dennoch hat Trainer Rittenauer keine Angst vor einer Blamage.

18.30 Uhr, 33 schwül-warme Grad im Schatten – die Sonne gibt noch mal alles auf ihrer Abschiedstour an diesem Juliabend. Da gibt’s eigentlich nur eines: ab an den See, eine Runde schwimmen und danach eine kühle Sommerschorle mit ganz viel Eis auf der Terrasse. Es sei denn, man spielt in wenigen Wochen in einem vollen Bundesligastadion gegen eine Spitzenmannschaft, gespickt mit Weltstars wie Pierre-Emerick Aubameyang oder Mario Götze. Dann ruft der Schienerberg, der Höhenweg zwischen Hegau und Höri, der fiese Anstiege auf seinen 715 Metern Höhe parat hält. Eine Stunde Laufen ist angesagt für die Fußballer des 1. FC Rielasingen-Arlen, ehe das eigentliche Training auf der Talwiese beginnt. Und das in einer Woche, prall gefüllt mit Testspielen.

„Nein, nein, mit Dortmund hat das nichts zu tun“, winkt Jürgen Rittenauer, Trainer des Verbandsligisten, ab, „wenn wir unsere Spieler in wenigen Wochen auf Bundesliga-Niveau bringen könnten, wäre unser Trainerteam ein Fall für Jogi Löw. Das ist die ganz normale Saison-Vorbereitung.“

Dortmund als Bonus

Natürlich fiebern er und seine Jungs dem DFB-Pokalspiel gegen den Titelverteidiger entgegen, natürlich ist die Euphorie grenzenlos nach dem Traumlos, das Sebastian Kehl dem Amateurverein beschert hat. Und doch bekommen die Jungs von der Talwiese keinen Höhenflug. „Dortmund ist ein Bonus, den wir uns verdient haben. Wirklich wichtig ist aber Löffingen“, sagt Rittenauer und meint den Pflichtspielstart des Titelverteidigers im südbadischen Pokal gegen den Schwarzwälder Landesligisten am 30. Juli. Ein bisschen bremsen musste er anfangs den einen oder anderen Spieler schon, angesichts der medialen Aufmerksamkeit, die dem kleinen Verein mit seinen 450 Mitgliedern nach der Auslosung bundesweit zuteil geworden ist.

 

„Sie haben es aber schnell kapiert. Jeder weiß: Wer nur an Dortmund denkt, ist in diesem Spiel vielleicht gar nicht dabei“, so Rittenauer. „Jetzt freuen sich die Jungs einfach riesig auf dieses Match. Und das ist gut so“, weiß der Ex-Profi, dass solche Spiele der Höhepunkt in der Karriere jedes Amateurfußballers sind. Ihm ist aber auch klar, dass das nur möglich ist, weil der ganze Verein zusammensteht, die Helfer und Funktionäre die Grenzen des Ehrenamtes mit Leidenschaft überschreiten, um seinen Jungs das Spiel ihres Lebens zu ermöglichen. „Ganz Rielasingen steht hinter uns“, sagt Rittenauer vor diesem ungleichen Duell.

Klare Chancenverteilung

Der aussichtslose Kampf gegen eine Übermacht – im Comic mit dem kleinen Gallier endet das immer gut, dank des Druiden mit dem Zaubertrank. Dass gegen die Ballzauberer aus dem Pott aber wohl kein Kraut gewachsen ist, weiß Rittenauer. „Dortmund ist eine internationale Spitzenmannschaft und wir ein sechstklassiger Verein“, sagt der 31-Jährige ganz nüchtern über die Chancenverteilung. Angst vor der Blamage, dass man vor laufenden Kameras vorgeführt und zum Gespött in ganz Deutschland werden könnte, haben sie aber nicht beim 1. FC. „Wir haben nichts zu verlieren in diesem Spiel. Keiner erwartet was von uns“, sagt Rittenauer, ist sich aber der Verantwortung bewusst, „den südbadischen Fußball gut zu repräsentieren. Dafür werden wir alles tun.“ Die normale Vorbereitung läuft, ehe in der Woche vor dem DFB-Pokalspiel am 12. August der Matchplan erarbeitet wird. „Wie auf jedes Spiel“ wollen sie sich vorbereiten, die Schwächen und Stärken des Gegners ausloten und die eigene Mannschaft danach ausrichten.

Dass im großen Schwarzwaldstadion statt auf dem beschaulichen Talwiesenplatz gespielt wird, ist für Rittenauer kein Nachteil. „Die Fußball-Romantik geht zwar verloren, wenn die Großen nicht in die Provinz reisen müssen“, räumt der Coach ein. „Jetzt dürfen wir aber in einem Bundesligastadion antreten – das ist doch eine Ehre für uns.“ Rittenauer, der selbst schon mit dem Halleschen FC vor 20 000 Zuschauern gespielt hat, glaubt nicht, dass die große Kulisse seine Spieler einschüchtern wird. „Da ist ein grüner Rasen wie auf der Talwiese, es spielen elf gegen elf und am Anfang steht es 0:0“ – Jürgen Rittenauer, der Pragmatiker. Dass er selbst dieses Spiel nicht auf dem Feld erleben kann, „tut schon ein bisschen weh“, gibt der gebürtige Bad Friedrichshaller zu, während sein Blick kurz dahin geht, wo seine aktive Fußballerkarriere im April 2016 ein abruptes Ende fand: zum Torraum gegenüber der Clubheimtribüne auf der Talwiese. „Meniskus hin, das Kreuzband gerissen und dann noch ein Knorpelschaden – das Knie war total hinüber.“

Doch Rittenauer hat sich mit seiner neuen Rolle abgefunden. „Jetzt haben die Jungs einen guten Trainer und einen tollen Keeper dazu“, sagt er mit einem spitzbübischen Grinsen und meint mit Letzerem Dennis Klose. Dass sein Nachfolger im Rielasinger Tor am 12. August wohl nicht über Langeweile klagen wird, ist Rittenauer klar. „Er wird viel zu tun bekommen gegen diese Topstars. Aber das sind doch genau die Momente, auf die ein Amateurfußballer brennt.“

90 Minuten Ruhm

15 Minuten Ruhm – davon träumen viele Menschen vergebens in ihrem Leben. Die Spieler des 1. FC Rielasingen-Arlen bekommen sogar deren 90. Und falls sie auf der Talwiese doch noch das Rezept für einen Zaubertrank finden, werden es ja vielleicht auch ein paar Minuten mehr.

Jürgen Rittenauer
Jürgen Rittenauer Bild: Peter Pisa

Zur Person

Jürgen Rittenauer (31) wurde in Bad Friedrichshall geboren und begann beim VfR Heilbronn mit dem Fußball. Nach Engagements bei der TSG 1899 Hoffenheim, dem VfR Aalen und den SC Freiburg Amateuren stieg der Torwart mit dem Halleschen FC in die 3. Liga auf. 2011 zog er mit Halle durch einen 1:0-Sieg gegen den Zweitligisten Union Berlin in die zweite Runde des DFB-Pokals ein. 2013 heuerte Rittenauer als Torwart beim 1. FC Rielasingen-Arlen an, verletzte sich aber im Frühjahr 2016 am Knie so schwer, dass er seine aktive Karriere beenden musste. Heute ist er Chefcoach beim Verbandsligisten.

Die beiden Vereine im Vergleich:


 

 
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