Wie eine Schule am Schwenninger Deutenberg langsam verfällt
Bild: Jens Fröhlich
Villingen-Schwenningen
27.01.2017 17:10
Die Schule droht selbst mit ihrer Schließung. Seit Jahren herrsche ein Kampf um Geld für die Sanierung. Mit Video!

Im Teppichboden sind Löcher. Groß wie ein Fußball. Der eigentlich hellbraune Bodenbelag ist im ersten Stock im Nordflügel pechschwarz. Zehn Meter weiter lappt eine Ecke hoch wie eine Stolperfalle. Schulleiter Bernd Ellinger kämpft seit Jahren im Rathaus für Verbesserungen an seiner Schule. Ämterstrukturen, nicht besetzte Stellen und zu wenig Geld hemmen sein Drängen. Auch die Eltern drängen und fordern von der Stadt als Schulträger dingend eine Sanierung ein. Ellinger ist einen Schritt weiter: „Eigentlich muss man unsere Schule schließen“, sagt er angesichts der Zustände.

Im Schulverbund am Schwenninger Deutenberg gehen täglich 960 Schüler ein und aus. Das Schwenninger Bildungszentrum vereint seit dem Jahr 2014 Real- und Werkrealschule. 90 Lehrer, 30 weitere Mitarbeiter, davon vier Schulsozialarbeiterinnen, zwei Hausmeister. Der Unterricht läuft täglich, nur die Konzentration fällt hier nicht immer leicht. Raum 315: Die Heizung ist extrem heiß, die Luft stickig. Die 10b muss hier büffeln, an der Türe hängt die Mathe-Mind-Map. Schwerer Stoff. „Nach zwei Schulstunden ist es hier noch viel wärmer“, umreißt Ellinger die Situation. Und: Nur ein Fenster lässt sich in dem großen Raum öffnen. „Die frische Luft bekommen nicht alle Plätze ab“, skizziert der Schulleiter.

Ein Hauptproblem sind die uralten Jalousien. Ellinger: „Seit sieben Jahren rede ich dazu mit der Verwaltung, grundsätzlich geändert hat sich nichts.“ Manche der Beschattungsteile klemmen, lassen sich nicht hochziehen. Andere sind nicht mehr absenkbar. „Manchmal kommt ein Handwerker, richtet hier und da etwas und danach gehen andere der Lamellenvorrichtungen nicht mehr“, erklärt Ellinger. Die Beschattung ist vor allem bei Sonne wichtig. Funktioniert das nicht, heizen sich die Klassenzimmer massiv auf.



Neben Teppich und Fenstern ist das Dach ein Problemthema. „Die Decke ist undicht, vor vier Jahren habe ich eine Reparatur eingefordert“, sagt der drahtige Schul-Chef, der täglich von Villingen mit dem Rad nach Schwenningen angefahren kommt. „Ganz ehrlich: Wo wir mit diesem Thema stehen, weiß ich schlichtweg nicht“, moniert er. Bei einer Veranstaltung mit dem Elternbeirat zu Beginn dieser Woche kam weder vom Schulamt noch vom Hochbauamt ein Mitarbeiter. Im Rathaus sagt eine Sprecherin: „Das war eine Terminpanne.“ Schulleiter Ellinger lächelt säuerlich. Er will niemanden einen Vorwurf machen, aber er will bessere Zeiten für seine Schüler.

„Das ist ein gesellschaftliches Problem, das hier seinen Anfang haben kann“, holt Ellinger aus. Wo Teppiche Löcher haben, Wasser von der Decke tropft und Fenster einen Baracken-Eindruck hinterlassen, „da kann nicht gut gelernt werden“. Das ist das Eine. „Die Schüler verhalten sich dann auch außerhalb der Schule so, wie sie ihr Umfeld prägt“, sagt Ellinger weiter. Beginnt hier die Missachtung von Werten, ist dies der Anfang des verbreiteten Vandalismus? Der 48-jährige Schulleiter nickt und sagt: „Das kann schon sein. Ich will eine angenehme Schule, wo Schüler positiv gestimmt in den Tag gehen können.“ Elternbeiratsvorsitzender Tino Berthold klagt: „Für mich ist die Schule kein Ort mehr, an dem Erziehung und Bildung unserer Kinder möglich ist.“



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Beim Brandschutz fehlt eine qualifizierte Meldeanlage. Ellinger: Dazu habe ich seit Jahren vom Rathaus nichts mehr gehört.“ In einem Gutachten aus dem Jahr 2013 sei von „Gefahren für Leib und Leben“ zu lesen gewesen. Mittlerweile hat die Stadt Fluchttreppen montiert und Fluchtwege ausgeschildert. Für Ellinger geht es auch um die Leistungskraft seiner Einrichtung. Es wäre noch Platz für „bis zu 150 Schüler“, sagt er. Fehlen diese, weil die Einrichtung mangelhaft ist? Eine Lehrerin habe 2016 ihre Bewerbung nach einem Besuch vor Ort wieder fallenlassen, offenbart der Schulleiter.

Bei der Stadtverwaltung stutzt Oberbürgermeister Rupert Kubon (SPD) die Mängelliste des Schulleiters zusammen. Der Rathaus-Chef: „Diese Schule ist nicht besser oder schlechter als die anderen bei uns.“ Kubon betont, die Stadt stelle am Deutenberg Verbesserungen her. Dass nebenan das Gymnasium generalsaniert werde, sei aufgrund der Zustände dort so priorisiert worden. 24,2 Millionen Euro sollen hier investiert werden. Ein Steinwurf entfernt schaut Ellingers Schulverbund in die Röhre. Kubon bescheint dieser Einrichtung „zweifelsohne einen Sanierungsbedarf“. Für den OB waren „die Fluchttreppen aber wichtiger als der Teppich“. Im November schrieb Ellinger einen Brief ans Rathaus. Ein Ultimatum. Für die Gefahrstofflagerung im Chemieraum forderte er „bis spätestens 15. Dezember belastbare Aussagen" vom Rathaus ein. „Die Gefahrgutschränke müssen wir haben, wir haben sie aber immer noch nicht“, sagt er jetzt, Ende Januar. Stadträte wollen nun weiteres Geld bereitstellen. 150 000 Euro für den Schulboden möchte CDU-Rätin Renate Breuning durchboxen. Rudolf Nenno von den Freien Wählern postuliert grundsätzlich: „Wir müssen dafür sorgen, dass die Verwaltung in die Puschen kommt.“

Vollgas gibt's hier bei anderen Themen. Der OB will eine neue Verwaltungszentrale bauen. Dafür muss ein altes Kasernengelände vom Bund erstanden werden. Dann will VS bauen. Auch ein neues Stadtarchiv ist eine Option. Architektonisch anspruchsvolle Gebäude wurden bereits vom Rat besichtigt. Bildung gilt auch in Villingen-Schwenningen als wichtig. Bernd Ellinger will diese Bedeutung endlich spüren, einen Plan bekommen vom Rathaus, „wann was saniert werden kann“. Der Schulleiter: „Ich muss das doch den Eltern und Schülern sagen können.“

Freitagmorgen: Am Schulverbund rücken zwei Handwerker an. Sie montieren zwei neue Abtropfgitter vor der Türe zum Schulhof. Die großen Probleme der Schule bleiben im kommunalpolitischen Verschiebebahnhof geparkt.

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