Zwei gegnerische Soldaten sind hier 1944 in der Familie Martin Bogenschütz friedlich zusammen: Von links Elisabetha, Josef der Slowene als Gefangener, Martin Bogenschütz auf Heimaturlaub, Paulina und Maria Bogenschütz. Bild: Archiv Familie Greitmann Kriegsgefangene bei einer Arbeitspause hinter dem „Adler“, in dem sie untergebracht waren. Sie scheinen zu wissen, dass die Befreiung bevor steht. Bild: Archiv Familie Greitmann
Als die Franzosen 1945 in Hondingen einrückten
Bild: Archiv Familie Greitmann
Hondingen
21.04.2017 16:32
Damals Sechzehnjähriger in Hondingen zeichnet Erlebnisse aus den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs auf. Der Arbeitskreis Geschichte für die 1200-Jahr-Feier ist aktiv

Hondingen – Dramatisch verliefen die letzten Tage des 2. Weltkrieges auch auf der Baar. Im Rahmen der „Geschichtsausstellung 1200 Jahre Hondingen“ stieß der Autor auf die Erlebnisse eines damals Sechzehnjährigen, auf Heinz van Beek. Sein Vater zog mit der Familie von Essen, das schon Ziel feindlicher Flieger war, in den Schwarzwald nach Blumberg, Riedöschingen und schließlich nach Hondingen. Heinz schrieb später seine Erlebnisse in dem Buch „Erzähl noch mehr von gestern“ auf. Aus diesem sind teilweise gekürzt, aber immer genau mit seinen eigenen Worten, die nachfolgenden Texte auszugsweise entnommen.

Werwolfgruppe errichtet in Hondingen Waffenlager

Heinz: „Er [ein SS-Offizierssohn, der mit seiner Mutter in Hondingen evakuiert war] bedrängte uns sehr mitzumachen, denn dies sei ein Führerbefehl. Nun mußten wir die Waffen und Munition besorgen. Die wenigen Soldaten, die jetzt noch in unserem Dorf waren oder durchzogen, waren froh, wenn wir ihnen einen Teil ihrer Waffen abnahmen. Aber das war demWerwolfführer nicht genug. Aus Riedböhringen holten wir mit einem übervollen Handkarren Gewehre, Panzerfäuste, Minen, Handgranaten, Sprengstoff, Zündschnüre und Gewehrmunition. Hinter der „Neuen Hütte“ im Längewald wurde für das Waffenlager im Unterholz ein Versteck eingerichtet.“

Hondinger Männer lassen Werwolf-Aktion nicht zu

Heinz: „Die Tieffliegerangriffe wurden immer heftiger rings um unser kleines Dorf. Auf der Höhe von Behla hatten sich deutsche Soldaten festgesetzt. Aber von Hondingen flüchtete niemand in die Wälder. Eine unruhige Nacht gab es von Samstag, den 21. April auf Sonntag den 22. Viele Dorfbewohner standen voller Unruhe auf den Straßen, von wo aus am nächtlichen Himmel die Abschussblitze der Kanonen zu sehen und Kanonendonner zu hören war. Erstaunlicherweise wurde am Sonntagmorgen die Heilige Messe in der Dorfkirche gelesen. Es erschienen vorwiegend Männer. Nach der Messe standen sie, wie üblich, auf dem Dorfplatz. Sie redeten auf uns ein und sagten, sie hätten vernommen, dass wir Waffen im Wald versteckt hielten und dass wir als Werwölfe mit diesen Waffen die Franzosen bekämpfen wollten. Sie bedrohten uns sehr, ich habe das bis heute nicht vergessen, auch nicht, als der „Binninger Hans“ sagte, er werde uns die Mistgabel in den Ranzen stechen, wenn wir auch nur einen Schuss abgäben.“

Eine riesige Detonation

Heinz: „Wir machten uns sofort auf zum Versteck der Waffen, legten eine etwa zehn Meter lange Zündschnur aus, verbanden die Schnur mit dem Sprengstoff. Die Zündschnur in Brand gesetzt und nichts wie fort. Aber nichts passierte. Nach einer Weile sagten wir uns: „Die Zündschnur wird erloschen sein, sehen wir nach“. Kaum ausgesprochen, erfolgte eine riesige Detonation, die den Wald und uns erzittern ließ. Panzerfäuste, Handgranaten, Minen und Gewehrmunition zischten und heulten durch den Wald. Erst lange Zeit später machten wir uns benommen auf den Heimweg.“

Einmarsch am Montag, 23. April 1945

Heinz: „Etwa um sieben Uhr morgens zogen die Franzosen ins Dorf ein, aber nicht ohne einen Warnschuss abgegeben zu haben. Es waren marokkanische Truppen mit Panzern, Jeeps und Lastkraftwagen. Die eingerückten marokkanischen Soldaten benahmen sich anständig, soweit es mir bekannt wurde. Bald rückten sie aber weiter vor und zogen auf der Landstraße des Dorfes in Richtung Zollhaus und Riedöschingen. Nachrückende Truppen bezogen Quartier in den Häusern des Dorfes, so auch bei uns. Nach wenigen Tagen zogen auch diese weiter. Reguläre Truppen der Franzosen besetzten das Dorf.“

Mutige Hondinger schritten mit weißen Bettüchern den Franzosen entgegen

Die Erlebnisse des Sechzehnjährigen beschreiben das Geschehen in Hondingen natürlich nicht vollständig, erklärt Autor Werner Bogenschütz.

  • Schutzbunker: Zum Beispiel wurden am Zisiberg Schutzbunker für die Oberdörfler gegraben und oberhalb davon ein MG-Nest angelegt. „Uff Krüüzä unnä“, dem Südausgang des Ortes musste über das ganze Tal hinweg ein Panzergraben ausgehoben werden. Der befehlsgebende SS-Offizier drohte dem zweifelnden Bürgermeister sofort mit der Pistole. Auch wird berichtet, dass der erwähnte Warnschuss das Kamin vom „Marxeschriiner“ traf und dass in Richtung Fürstenberg mutige Hondinger mit weißen Betttüchern den Franzosen entgegen eilten. Den Gefangenen in Hondingen brachten die Franzosen die Freiheit und Einzelne hielten sogar noch Kontakt, zum Beispiel bei Maria Engesser bis in die 1960-er-Jahre. Die Deutschen waren jetzt die Gefangenen, sie kamen erst nach und nach zurück und 31 Hondinger nie mehr.
  • Was kam jetzt? Befehle, vom „Gouverneur militaire“ in Riedöschingen, dann von Blumberg, Kommingen und Donaueschingen. Am 29. April wurde morgens bekannt gegeben dass um 14 Uhr alle Hondinger Männer (ab 16 Jahren in Windeseile namentlich gelistet) zum weiteren Befehlsempfang vor dem Rathaus zu erscheinen hätten. Auf Plündern und Waffenbesitz stand die Todesstrafe. Unter den abgegebenen Waffen befanden sich noch 2 MG 42, Panzerschreck, Granaten, Gasmasken und jede Menge Munition. Mit Ausgangssperre und der Ablieferung der Radiogeräte und der Fotoapparate ging es weiter. Die Hondinger Liste weist 80 Radios aus. Entgegen dem Mythos vom Volksempfänger waren nur 2 solche dabei und die anderen waren teurere Markengeräte, vor allem SABA, die auch beim verbotenen Abhören ausländischer Sender mehr geboten haben sollen. Vom 20. Juni bis 5. Juli 45 hatten alle Hondinger Männer zur Erkennung eine weiße Armbinde zu tragen und wer etwas mit der NSDAP zu tun gehabt hatte, noch zwei schwarze Bänder zusätzlich.
  • Abgaben, immer wieder Abgaben! Die Anordnungen des Gouvernements gingen an den Bürgermeister, der sie durchzusetzen hatte. Ackerland, Wald, Wiesen, Viehbestände waren zu melden, und dann ging es immer wieder um Abgaben. Am Anfang waren es Matratzen, dann Lebensmittel wie Kartoffel, Mehl, Milch, Gemüse, Butter, Rahm, Eier, Schinken, Hühner lebend und auch mal Schnaps. Später kamen Fahrräder, Schuhe und fertige Kleider-Pakete dazu.
  • Eier: Wie konnte man eigentlich Eier liefern, wenn schon vorher die Hühner abzugeben waren? Ein Hinweis könnte die folgende Begebenheit sein: Zeitzeugen zufolge war man damals auch Meister im Verbergen. Beim heimlichen Schlachten eines Schweines in einer Scheune zog man, in Furcht vor einer Kontrolle, das Ganze kurzerhand mit dem Heuaufzug „ins Gräch uffi“.
  • Passierscheine gab es bald leichter und statt drei Kilometer durfte man sich für die Feldarbeit sechs Kilometer weit vom Ort entfernen. Die Franzosen verlangten weiterhin bestimmte Lebensmittel, bezahlten sie aber. Zwischen den Befehlshabern und dem Bürgermeister wuchsen gegenseitig respektierende Beziehungen.
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