Gewalttat in Schaffhausen: Psychologie-Professor Jérôme Endrass über den Kettensägen-Angriff
Ein Polizist sperrte in Schaffhausen (Schweiz) die Innenstadt ab.
Ein Polizist sperrte in Schaffhausen (Schweiz) die Innenstadt ab. | Bild: Ennio Leanza (KEYSTONE)
Schaffhausen
27.07.2017 07:29
Jérôme Endrass, Psychologie-Professor an der Universität Konstanz und Stabschef des Amtes für Justizvollzug des Kantons Zürich, über die Tat von Schaffhausen.

Herr Endrass, ist ‚Amok’ das richtige Wort für diese Tat?

Nein, tatsächlich nicht. ‚Amuk’ heißt malaiisch soviel wie wütend oder rasend. Dabei ging es um Menschen, die im Rausch oder in Trance ohne äußeren Grund auf Wildfremde eingeschlagen haben. Bei dem Fall in Schaffhausen wurde jedoch scheinbar bewusst eine bestimmte Gruppe, nämlich die Mitarbeiter der Versicherung, ausgewählt. Es ist also mehr eine Art Beziehungsdelikt im Sinne einer funktional bezogenen Beziehung.

Gab es in der Schweiz ähnliche Fälle?

Glücklicherweise sind solche Delikte sehr selten. Ich kenne auch keinen Fall bei dem eine Kettensäge so eingesetzt wurde. Natürlich gibt es hierzulande den Fall, wo ein Banker mit der Pistole auf Kollegen geschossen hat. In Deutschland wiederum sind Fälle bekannt, wo eine Axt oder eine Schwert zum Einsatz kamen.



Gibt es denn ein täterspezifisches Verhalten, was die Tatwaffen angeht?

Es hat sich gezeigt, je ‚gesünder’ im Vergleich jemand ist, desto eher tendiert er zu einer Schusswaffe. Bei Amokdelikten kommen oft Hieb- und Stichwaffen zum Einsatz. Dies hängt vermutlich banal damit zusammen, dass es für psychisch Kranke schwieriger ist, an Schusswaffen zu kommen.

Kann man Schlussfolgerungen vom Äußeren zur Person ziehen?

Wie der Zustand der Kleidung des Mannes ist, sagt zunächst relativ wenig über ihn aus. Es ist eine Momentaufnahme. Forensiker schauen sich das ganze Leben der Person an. Es geht eher um die Kombination an Auffälligkeiten. Hat er Drohungen ausgesprochen? Lebt er am Existenzminimum oder steuert er auf soziale Verarmung hin? Wie lange lebt er schon im Wald? Hat er sich schon mehrfach gewalttätig verhalten? In der Praxis haben wir das Problem, dass viele sich auffällig verhalten, von denen aber nur wenige gewalttätig werden. Wir sehen, dass viele Menschen stalken oder Drohungen aussprechen, aber sie setzen es nicht in die Realität um.
 

Bild: DPA

Wie erklären Sie sich das außergewöhnlich große Interesse zu dem Fall?

Das liegt wohl vor allem an der Tatwaffe, einer Kettensäge. Das entfacht natürlich Ängste. Generell weisen wir aber Medienvertreter immer darauf hin, dass ihre Berichterstattung, was den Nachahmungseffekt angeht, nicht unproblematisch sein kann. Je genauer man das Profil, das Leben des Täters preisgibt, desto mehr kann das andere befeuern, es ihm nachzutun.

Fragen: Maria Gerhard
Endrass. Bild: Maria Gerhard
Jérôme Endrass, Psychologie-Professor an der Universität Konstanz und Stabschef des Amtes für Justizvollzug des Kantons Zürich Bild: Maria Gerhard
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