Insektenforscher Daniel Burckhardt über die Schulter geschaut
Die winzigen Blattflöhe werden höchstens zehn Millimeter groß.
Die winzigen Blattflöhe werden höchstens zehn Millimeter groß. | Bild: Barbara Ruda
Daniel Burckhardt.
Daniel Burckhardt. | Bild: Barbara Ruda
Insektenforscher Daniel Burckhardt untersucht am Mikroskop Blattflöhe aus der ganzen Welt.
Insektenforscher Daniel Burckhardt untersucht am Mikroskop Blattflöhe aus der ganzen Welt. | Bild: Barbara Ruda
Basel
06.08.2017 23:59
Daniel Burckhardt leitet die Entomologische Gesellschaft in Basel und ist der weltweit einzige Experte für Blattflöhe. Wir haben ihn bei der Arbeit besucht.

Das allgemeine Verständnis für den Schutz von Lebensräumen von Insekten und damit auch der von Pflanzen und anderen Tieren sowie die Anerkennung, dass dieser Schutz notwendig ist, hat sich die Entomologische Gesellschaft Basel zum Ziel gesetzt. Vor 112 Jahren gegründet, vereint sie bis heute Berufs-Insektenkundler aus Forschung und Lehre und engagierte Hobby-Entomologen aus Basel, aber auch aus anderen Schweizer Kantonen und aus Deutschland. 130 Mitglieder hat sie.

Insektenforschung braucht viel Erfahrung, und es sind tendenziell eher ältere Menschen, die sich damit beschäftigen. Die Initiative zur Gründung im Jahr 1905 ging nicht von Fachentomologen, sondern von Naturliebhabern aus dem Angestellten- und Arbeitermilieu aus. Der erste Koleopterologe (Käferkundler) stieß erst 1920 dazu. Wie viele Mitglieder interessierte sich auch der aktuelle Präsident der Gesellschaft, Daniel Burckhardt, schon als Junge für dieses Fachgebiet. Mit 13 Jahren ging er zu der Vereinigung und ließ sich zeigen, wie man Insekten präpariert und wie man sie unterscheiden kann. Mit der Zeit hat er sich wie seine Kollegen spezialisiert und eine Sammlung aufgebaut.

Daniel Burckhardt arbeitet mit Blattflöhen. Die ein bis höchstens zehn Millimeter großen Insekten sind nicht offensichtlich schön. „Subornamental“ nennt der pensionierte Kurator des Naturhistorischen Museums ihr Aussehen. Es handele sich bei den Pflanzensaftsäugern aber um eine interessante Gruppe, die ökonomisch von Bedeutung sei. Sie übertragen nämlich bakterielle Pflanzenkrankheiten – bei uns zum Beispiel die Apfelbaum-Triebsucht. In Asien gibt es eine Art auf Zitrusfrüchten, die mittlerweile auch aus Brasilien und Florida bekannt sind. Die „Greening Desease“ schädigt dort, wie der Forscher berichtet, Zitrusfruchtproduzenten massiv.

Weltweit einziger Spezialist für Blattflöhe

Als weltweit einziger Spezialist für Blattflöhe wird Daniel Burckhardt zu „Consultings“ eingeladen. Er kontrolliert und stellt fest, welche Arten von Trägern involviert sind. Gerade ist er wieder für zwei Monate nach Brasilien geflogen. Er schätzt, dass es zu den 4000 beschriebenen Arten von Blattflöhen mindestens noch einmal so viele unbeschriebene gibt. Allein in Brasilien wurden in den vergangenen Jahren 300 bis 400 Arten gefunden. Heute ist in seinem Büro im Naturhistorischen Museum, in dem er auch seine Sammlung untergebracht hat, ein Paket aus dem Iran angekommen mit Blattflöhen, die er bestimmen und präparieren soll. Er wird diese Exemplare einreihen in die Artgenossen, die schon in Alkohol eingelegt auf Glasträgern auf ihre Beschriftung und Einordnung warten. Unter dem Mikroskop betrachtet gewinnen die Flöhe eine filigrane Schönheit. Wie winzige Zikaden sehen sie aus.

Wie viele Stunden und Jahre es braucht, um dieses Wissen und diese Sammlungen zusammenzutragen! Die Entomologische Gesellschaft Basel stellt solche Dokumente interessierten Behörden, Verbänden oder Firmen zur Verfügung, zum Beispiel für den Naturschutz. „Da müssen wir ein Problem kennen und aufgrund der Angaben, die wir haben, vernünftige Maßnahmen ergreifen“, so Burckhardt. Es reiche nicht aus, jedes Jahr festzustellen „Heuer gibt es viele Wespen“ – das könne am Wetter liegen – oder „Heuer findet man keine Bienen“. Das Nichtvorhandensein einer Art sei keine Aussage. Es brauche langwierige Felderhebungen als Grundlage. Je mehr man wisse, desto besser könne man unterstützen. Genau dies tut die EGB – größtenteils mit ehrenamtlichem Einsatz der Mitglieder.

Die Lebensräume schwinden

Burckhardt glaubt, dass die Biodiversität auf vielen Ebenen für den Menschen wichtig ist. Diese Artenvielfalt zu erhalten sei Ziel, nur dass es nicht mehr nur um einzelne Arten geht, sondern um ganze Lebensräume. Wenn Insekten verschwinden, leiden auch Vögel und Fledermäuse darunter, die Kette wird unterbrochen. Als Problem nennt er die fortschreitende Habitatszerstörung, bei uns etwa durch die Zerstückelung der Landschaft, und Lichtverschmutzung. Ein Riesenproblem macht er auch im Eindringen fremder Arten aus, die heimische Arten verdrängen. Nicht zuletzt stellt er fest: „Wir sind überbevölkert. Ich glaube, dass wir als Spezies irgendwann aussterben“, fügt er lapidar hinzu. „Die Insekten als Gruppe werden aber überleben. Das ist für mich ein gewisser Trost bei der Sache.“

Die Welt der Insekten ist, das weiß jeder Entomologe, eine immer noch größtenteils unbekannte Welt, das Wissen darüber sehr unvollständig. Das werde sich auch nicht groß ändern – trotz der Kollegen, die weltweit forschen, Belege sammeln, klassifizieren und neue Arten beschreiben. Von der akademischen Wissenschaft erwartet der ehemalige Dozent an der Universität Basel diesbezüglich nicht viel. Die werde heute bestimmt von Kerngrößen wie dem Impactfaktor wissenschaftlicher Publikationen, den man mittels Tricks erreicht. Molekularstrukturen zu erforschen ginge im Übrigen viel schneller und brauche weniger Infrastruktur als – wie bei den Insekten notwendigerweise der Fall – Forschung mit Systematik zu betreiben, wozu erstmal Artenkenntnisse aufgebaut werden müssen.

Das koste Riesensummen und die würden nicht mehr bezahlt. Von 1,7 Millionen Organismen auf der Welt sind 1,1 bis 1,2 Millionen Insekten, wie Daniel Burckhardt vorrechnet. Vielleicht gebe es von ihnen noch zwischen zehn bis 15 Millionen unbeschriebene Arten. Um das zumindest ein wenig zu ändern, sind er und andere – zum Beispiel auch Schmetterlingsspezialist Dieter Fritsch aus Lörrach – Tag für Tag im Feld.

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