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Brauchtums-Verein will Traditionen aus Siebenbürgen bewahren
Pfullendorf
17.03.2017 16:26
Siebenbürger Sachsen aus Pfullendorf und Umgebung erinnern sich an ihre Herkunft. In ihrer alten und neuen Heimat Deutschland haben sie einen Brauchtumsverein gegründet, um Traditionen wie Tracht und Feste aufrecht zu erhalten. 40 Familien beteiligen sich daran.

Pfullendorf – Dass sie Deutsche und nicht Rumänen sind, habe sie anfangs häufig betonen müssen, sagt Gisela Ongyert. Sie ist mit dem zweiten Vorsitzenden des Siebenbürgisch-Sächsischen Brauchtumvereins Pfullendorf verheiratet, Johann Ongyert, und in Siebenbürgen aufgewachsen. Siebenbürgen ist ein Gebiet im Herzen Rumäniens, das im neunten Jahrhundert von Deutschen besiedelt wurde. Ongyert kennt die Geschichte und lebt die Bräuche bis heute. Das hat sich der Brauchtumsverein vor 15 Jahren auf die Fahne geschrieben: An die gemeinsame Herkunft erinnern. Rund 40 Familien aus Pfullendorf und Umgebung beteiligen sich.

"Wir sind das einzige Volk, das deutsche Bräuche so lange konserviert hat", sagt Gisela Ongyert. Einige wie etwa das Maibaumstellen gebe es teils noch, viele sind aber nicht mehr geläufig. Die Siebenbürger Sachsen wollen Traditionen auch in ihrer alten und neuen Heimat Deutschland erhalten. "Wir unterscheiden uns nicht sehr von Deutschen, haben die Traditionen aber ganzjährig beibehalten", erklärt sie. "Das hält eine Gesellschaft und ein Volk zusammen." Vereinsvorsitzender Frantz Sutoris ergänzt: "Was ist man, wenn man keine Bräuche hat?" Traditionen würden Menschen und ihren Umgang ausmachen. Auch wenn sie heute nicht mehr so notwendig sind wie einst: Viele sind aus der Not entstanden, weil man in der Dorfgemeinschaft aufeinander angewiesen war.

Spätestens mit Auflösung der Sowjetunion sind viele Siebenbürger Sachsen zurück nach Deutschland gezogen, bereits seit dem Zweiten Weltkrieg habe man sie mit dem Nationalsozialismus in Verbindung gebracht. Nach ihrer Rückkehr haben einige einen Brauchtumsverein gegründet. "Man braucht einen Rückhalt und den hat man nicht, wenn man fremd in eine Region kommt", erklärt Frantz Sutoris. Sich an gemeinsame Erlebnisse zu erinnern, habe etwas Verbindendes.

Dabei ist der Siebenbürgisch-Sächsische Brauchtumsverein nicht nur für Siebenbürger Sachsen gedacht. "Es bringt ja nichts, wenn man eine Tradition hat und sie niemandem zeigt", sagt Sutoris. Jeder sei willkommen. "Wer einmal gekommen ist, kommt auch wieder" sagt Gisela Ongyert – nach wenigen traditionellen Liedern würden sie schließlich genau so feiern wie andere.

Tracht

Während das Dirndl hierzulande meist nur zum Oktoberfest ausgegraben wird, tragen viele Siebenbürgen-Sachsen noch Tracht. Häufig sind es bei Frauen lange weiße Kleider mit bunten Details, je nach Anlass auch mit einem hohen schwarzen Hut. Häufig ist die Tracht aus Leinen gefertigt, einheitlich ist die traditionelle Kleidung aber nicht: "Das unterscheidet sich von Ort zu Ort", erklärt Gisela Ongyert. Viele Siebenbürger Sachsen tragen bei Festen noch die Tracht, die bereits ihre Großeltern trugen. "So langsam stirbt die Generation aus, die das machen kann", sagt sie. Häufig sind die Trachten reich bestickt.

Zur Kirche wie einst jeden Sonntag wird Tracht jedoch nicht mehr getragen – außer zur Hochzeit: "Ich habe standesamtlich in Tracht geheiratet", erzählt ihre Tochter Anemone Schuster, ihrem Mann sei das wichtig gewesen.

Essen

Wenn Gisela Ongyert an ihre Landesküche aus Kindertagen denkt, zählt sie Gerichte wie Krautwickel und Schmalzbrot auf oder osteuropäische Spezialitäten wie Cevapcici und Langosch. "Das kommt auch durch das Österreich-Ungarische", erklärt sie. Krautwickel gibt es traditionell auch bei einigen Festen, doch das bedeute viel Arbeit: Das Kraut muss eingeweicht werden und verbreitet dabei seinen typischen Duft. Sie hätten mitunter etwas anderes kochen wollen, erzählt Ongyert, doch die Nachfrage sei immer groß – gerade weil viele für den Alltag den Aufwand scheuen. "Was speziell ist, ist das säuerliche Essen", sagt Frantz Sutoris ergänzend, er liebe etwa die typischen Eintöpfe. Gesäuert wird mit Essig, Zitronensaft oder Milchsäure. "Wenn man den Essig schmeckt, ist es aber zu viel. Es soll nur die Süße nehmen", erklärt er.

Sprache

"Wenn wir uns treffen, sprechen wir es noch", sagt Johann Ongyert über den Dialekt Sächsisch, den sie in Siebenbürgen gesprochen haben. Der ist nicht zu verwechseln mit dem Sächsisch, das gemeinhin aus Ostdeutschland bekannt ist und gerne ins Lächerliche gezogen wird. Es klinge vielmehr so, wie alte Luxemburger sprechen, sagt Ongyert. Auch die Sprache sei jedoch nicht in ganz Siebenbürger verbreitet und geläufig gewesen, so habe seine Frau in der Stadt beispielsweise vielmehr Hochdeutsch sowie Rumänisch gelernt – Rumänisch dabei als Fremdsprache, um im Alltag mit den ebenfalls in Siebenbürgen lebenden Rumänen kommunizieren zu können.

Feste

Viele der Feste, die Siebenbürger Sachsen über das Jahr hinweg feiern, sind an Festtagen der Kirche orientiert. Das Jahresprogramm beginnt mit Fasching, wofür sie mit dem Urzel eine eigene Maske haben – "je hässlicher, desto besser", erklärt Gisela Ongyert. Weiter geht es an Ostern, wo in Siebenbürgen etwa das Eierlaufen zelebriert wurde. Dabei wurden an Karfreitag Eier gesammelt, die an Ostersonntag den Weg säumen sollten. Wer dann die meisten Eier gesammelt habe, erhalte sie als Gewinn. Das Kronenfest im Juni feiert die Heuernte und Sommersonnenwende. Dafür hat sich der Verein bisher mit dem Dorffest in Aach-Linz zusammen getan, doch da dieses ausfällt, gibt es in diesem Jahr auch kein Kronenfest. Die nächste Feier kommt aber bestimmt und damit auch das Tanzen: "Bei uns braucht man keine Tanzschule", sagt Gisela Ongyert.

 

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