"Der Legende nach fliegen die Glocken nach Rom, deshalb schweigen sie. Hier in Süddeutschland und in den Alpen treten an ihre Stelle diese alten Holzrätschen", so Manfred Wittig. Bild: Doris Eichkorn
Wenn die Rätsche spricht – Mit Video
Stockach
14.04.2017 18:28
An Karfreitag und -samstag schweigen die Glocken. In Süddeutschland ersetzt die Tradition des Rätschens das Glockengeläut

Stockach (ich) Die Tradition des Rätschens möchte der ehemalige Stockacher Manfred Wittig, der heute in Gallmannsweil lebt, weiter pflegen. Die Rätsche tritt an Karfreitag an die Stelle der Glocken, die bis Ostersonntag schweigen. Aus diesem Anlass hat er sich am Karfreitag um 10 Minuten vor 12 Uhr gemeinsam mit Mesner Sebastian Reinholz die 119 Treppenstufen bis in den Glockenturm von St. Oswald hochgearbeitet. Während des Aufstiegs erzählt er aus der Zeit, als er im Jahr 1963 mit zehn anderen Jugendlichen diesen Weg empor in den Glockenturm ging. „Leider ist dies aus versicherungstechnischen Gründen nicht mehr möglich“, bedauert er. "Wir hatten einen riesigen Spaß und konnten es kaum erwarten, an der Reihe zu sein!“ erzählt er mit strahlenden Augen, als er die alte Rätsche erblickt.



Flink durchsteigt er das Stahlgerüst, in dem die Glocken der St. Oswaldkirche hängen und erläutert den nun folgenden Ablauf. „Das Uhrwerk läuft, jedoch schlägt die Glocke nur den Stundenschlag. Das Geläut schweigt, hierfür haben wir die von Sebastian vor 20 Jahren reparierte Rätsche“. Während die letzten Klänge der Glocke verhallen, bekreuzigt er sich, umfasst die Kurbel fest und dreht fünf Minuten lang an dieser. Flott dreht sich der Kranz mit den Holzzapfen, den die Kurbel antreibt und über die die Holzlatten immer wieder angehoben werden und zurückfallen. Ein monotones hölzernes Gemurmel klingt durch den Glockenturm.

Nach dem Abstieg gibt es nette Begegnungen vor dem Seiteneingang der Pfarrkirche. Wittig trifft die Nachbarin Christine Schulz und ihren Ehemann. Auch sie erinnert sich gerne an die Jugendzeit, die Ministranten, das Rätschen und den Gruppenraum, in dem es sogar einen Fernsehapparat gab. „Mit Pfarrer Peter Stengele haben wir viel erlebt“, fügt Wittig hinzu. Am Karsamstag um 12 Uhr wird die Rätsche nochmals zu hören sein.

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