Langweiliger Wahlkampf? Nicht ganz!
Konstanz
11.08.2017 19:36
Im Landkreis Konstanz kommt nun doch etwas Schwung in den Bundestagswahlkampf. Dafür haben diese Woche die Linken und die Junge Union gesorgt.

Der Wahlkampf ist ja keine Erfindung der Neuzeit. Das muss man sich in diesen Tagen immer mal wieder vor Augen halten. Als die alten Römer ihre Beamten wählten, schüttelten die Kandidaten viele Hände. Nicht Partei, Persönlichkeit war Trumpf. Griffige Sprüche hatten die Bewerber durchaus auch auf Lager. "Helvius Sabinus wird die Stadtkasse schonen", hieß es da. Und wenn weitere Wirtschaftskompetenz herausgestellt werden sollte: "Er wird gutes Brot bringen". Der Althistoriker Karl-Wilhelm Weeber hat die Dinge in einem Buch über den Wahlkampf im alten Rom beschrieben. Wer hier nach Übertragungsmöglichkeiten auf die Jetzt-Zeit sucht, muss zu der Erkenntnis kommen, dass das Versprechen zur Schonung der Stadtkasse auch heute noch ein zugkräftiges Wahlargument sein dürfte. Bei den Kommunalwahlen.

Jene Kandidaten aus dem Landkreis Konstanz, die um den Einzug in den neuen Bundestag kämpfen, der am 24. September gewählt wird, müssen andere Themen in den Vordergrund rücken. Da geißelt der Liberale Tassilo Richter die vom linken Parteiengefüge geforderte Bürgerversicherung als Angriff auf die ärztliche Versorgung im Landkreis Konstanz. Als Kronzeuge wird beim Town Hall Meeting die Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg aufgeboten. Grünen-Bewerber Martin Schmeding handelt beim Bürgerdialog in der Tengener Gaststätte "Zur frohen Einkehr" das Thema Fluglärm in Südbaden ab. Bürgerdialog und Town Hall Meeting liegen nicht allzu weit auseinander. Beides umschreibt eine eher lockere Gesprächsform, bei der es ohne lange Monologe abgeht.

Nun sollen an dieser Stelle auf keinen Fall die Bemühungen von Kandidaten bagatellisiert werden. Dennoch hat bisher noch der Zunder in der verdichteten politischen Kommunikation gefehlt. Manche sagen da auch: Etwas mehr Blutdruck, bitte! Gott sei Dank ist da diese Woche endlich ein Anfang gemacht worden. Die Linke hat den Konstanzer Oberbürgermeister ins Visier genommen, weil der an einer CDU-Wahlveranstaltung teilgenommen hat. Ein Verstoß gegen das Neutralitätsgebot für Amtspersonen sei das gewesen, finden die Linken. Sie werfen dem Oberbürgermeister und dem Veranstalter des CDU-Gesprächs über innere Sicherheit Rechtsbruch vor. Kurzzeitig ist da der Blutdruck schon ein wenig gestiegen. Erst bei den Linken, dann bei den CDU-Funktionären, die auf die Attacke reagieren mussten.

Ganz frisch ist die Aufregung um eine Wahlwerbung der Jungen Union. "Nur nicht rot werden", heißt es da in einem Flyer vor der Optik zweier nackter, bleicher Rücken. Fatal nur, dass als "Schulz-Schutz" eine kleine Tube Sonnencreme beigelegt ist. Die Zugabe hat sicher den Blutdruck bei der Herstellerfirma steigen lassen, die gegenüber dieser Zeitung ihre politische Neutralität betonte und die sich von der JU-Kampagne distanzierte. Wir sind guter Hoffnung, dass der Wahlkampf noch richtig auf Touren kommt. Nächste Woche darf plakatiert werden. Dann wird's ernst.

franz.domgoergen@suedkurier.de
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