Durch Frostnächte im April gefährdet oder vielleicht auch schon geschädigt: Apfelblüte am Bodensee, hier auf dem Seerücken vor Konstanz in Sichtweite der Insel Mainau. <em>Bilder: Franz Domgörgen</em> Apfelblüte in größerer Ansicht: Frostschutzberegnung wie in Südtirol ist am Bodensee kein Thema für die Obstbauern.
Bodensee: Frost lässt Obstblüten sterben
Bild: Franz Domgörgen
Konstanz
21.04.2017 19:21
Schon jetzt bangen Apfelproduzenten am Bodensee um die Ernte. Der Grund: Nachtfröste haben der Apfelblüte zugesetzt. In der Nacht zum Freitag sank das Thermometer stellenweise auf minus sechs Grad. Obstbauern befürchten zum Teil starke Schäden.

Die Nacht zum Freitag hatte es in sich für die Kernobstanbaugebiete am Bodensee und im Hinterland. In den Anlagen des Seeblickhofs bei Wahlwies sank das Thermometer auf minus 4,2 Grad, wie eine dort installierte Messstation des Kompetenzzentrums Obstbau (Ravensburg) aufgezeichnet hat. Ein Stück weiter, auf den Reutehöfen bei Überlingen, ging die Temperatur noch weiter in den Keller. Sie sank auf 5,1 Grad unter Null. Die Messstation in Ailingen, einem Zentrum des Apfelanbaus bei Friedrichshafen, wies mit minus sechs Grad den Rekord aus. Die Apfelbäume stehen gerade in voller Blüte, und nun befürchten viele Produzenten massive Frostschäden.

Wilfred Rösch hat bereits am Donnerstag nach der ersten Frostnacht eine Rundfahrt durch die Apfelplantagen zwischen Stockach und Bodman unternommen. Der Obstbauberater beim Landwirtschaftsamt des Landkreises Konstanz erwartet, dass es in einigen Bereichen Ernteausfälle bis zu 100 Prozent geben könnte. "Es gibt Obstanlagen, wo alles weg ist. Die Bäume haben Stress", sagt Rösch. Der Frost verfärbt die Blüten. In einigen Tagen werde man den Schaden besser abschätzen können, ist Rösch überzeugt. Am Freitag hat sich auch Franz Buhl seine Apfelbäume angeschaut. Der Inhaber des Wahlwieser Seeblickhofs und Vorsitzende des Obstbauvereins Bodensee im Kreis Konstanz kommt zum Schluss: "Es sieht ziemlich schlecht aus. Es gibt keine Anlage ohne Frostschäden."

Der Obstbauberater und der Obstproduzent haben den Eindruck, dass die Lage im Hinterland ernster ist als in den Anbaubereichen direkt am Bodensee. Das bestätigt Reinhard Honsel, der einen Obsthof auf dem Seerücken bei Litzelstetten betreibt. Honsels Messstation dokumentiert minus 2,3 Grad für die Nacht zum Freitag, nach 0,9 Grad unter Null in der Nacht zuvor. Veränderungen an Blüten seien sichtbar, aber ob sie sich auswirken, müsse man abwarten, so Honsel.

Auch auf der Höri am Untersee ist der Frost ein Thema. Bei Obstbau Blanhof in Öhningen liegen die Anbauflächen am Südhang. Deshalb hofft Betriebsleiter Udo Löhle, dass sich der Schaden in Grenzen hält. Problematisch sei es bei Kirsch- und Mirabellenbäumen. "Die Blüte ist vorbei, die winzigen Früchte sind aber noch empfindlicher."

Nach Angaben des Obstbauexperten Manfred Büchele ist bei Temperaturen ab minus drei Grad auf jeden Fall mit Schäden zu rechnen. Das Kompetenzzentrum Obstbau will in den nächsten Wochen eine Bestandsaufnahme machen. Speziell in der Apfelproduktion lasse sich kaum Vorsorge gegen Frostschäden betreiben, erläutert Büchele: "Das ist die Produktion in der freien Natur." Auch eine Frostschutzberegnung, wie sie im Obstanbau in Südtirol angewendet wird, komme am Bodensee nicht in Frage. In Südtirol komme das Wasser vom Berg und stehe kostenlos zur Verfügung. Im Bodenseeraum müsste das Wasser aufwendig aus der Tiefe geholt werden. Büchele macht den Obstbauern aber auch etwas Mut: "Es ist noch nicht alles kaputt." Nach Einschätzung vom Wilfred Rösch können die Frostschäden einige Obstbauern in ernste wirtschaftliche Nöte bringen. Denn ohne finanzielles Polster seien Ernteausfälle schwer zu verkraften.

Forschung fürÄpfel und Birnen

  • Das Kompetenzzentrum Obstbau-Bodensee in Bavendorf (KOB), einem Ortsteil von Ravensburg, hat die Aufgabe, den Obstanbau in der Bodenseeregion zu fördern. Dabei werden nach Darstellung des KOB Aufgaben an der Nahtstelle zwischen Wissenschaft und Praxis übernommen. Hierzu zählt einerseits die an den Standort gebundene grundlagenorientierte Forschung. Andererseits soll durch anwendungsorientierte Untersuchungen und Beratung die Umsetzung der Forschungsergebnisse in die obstbauliche Praxis gefördert werden.
  • Apfelernte: Die Erträge bei der Apfelproduktion in der Anbauregion Bodensee schwanken. Laut Statistik der Obst vom Bodensee Marketing und Vertriebsgesellschaft (Friedrichshafen) war zum Beispiel 2014 mit einer Ernte von rund 300 000 Tonnen Äpfel ein Rekordjahr. 2015 lag die Ertragsmenge indes nur bei 220 000 Tonnen.
  • Wassereinsatz: Bei der Frostschutzberegnung werden Obstbäume oder andere Nutzpflanzen gezielt mit sehr feinen Wassertröpfchen besprüht. Beim Gefrieren der Wassertropfen setzt sich auf den Pflanzen Wärme frei. So sollen Blätter und Blüten vor Frostschäden bewahrt werden. In den Südtiroler Obstanbaugebieten wird Frostschutzberegnung seit vielen Jahrzehnten angewendet. Am Bodensee wird unterdessen ein solcher Einsatz nicht erwogen.
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