Neue Details nach Schüssen im Grey: Polizist hat zweimal auf Täter geschossen
Polizeiabsperrband vor dem Eingang des Clubs «Grey» in Konstanz.
Polizeiabsperrband vor dem Eingang des Clubs «Grey» in Konstanz. | Bild: Christoph Schmidt/Archiv
Konstanz
10.08.2017 16:00
Fast alle Fragen sind geklärt: Bei der Gewalttat in der Diskothek Grey in Konstanz wurde der 34-jährige Täter durch zwei Schüsse von einem Polizisten getroffen. Andere Polizisten haben laut Polizei und Staatsanwaltschaft nicht geschossen. Ein Gast soll versucht haben, dem Täter sein Sturmgewehr zu entreißen.
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Knapp zwei Wochen nach den Schüssen vor und in der Diskothek Grey kommt immer mehr Licht ins Dunkel. In der Tatnacht starben der 50-jährige Türsteher Ramazan Ö. und der 34-jährige Täter Rozaba S. Insgesamt wurden laut aktuellem Ermittlungsstand zwei Security-Mitarbeiter, zwei Gäste und ein Polizist schwer verletzt. Mindestens elf Personen haben bei der panikartigen Flucht leichte Verletzungen oder einen Schock erlitten. Der Täter hat mindestens 24 Schüsse abgegeben. Die jüngsten Ergebnisse lassen genaue Rückschlüsse auf den Ablauf des Geschehens in der Nacht von 29. auf 30. Juli zu:

Erster Polizeieinsatz der Nacht: Bereits vor der Tat sind Polizisten beim Grey. Der 34-jährige Rozaba S. habe laut Polizei im Innenbereich randaliert und erhält daher Hausverbot. Er soll sich laut Augenzeugen mit seinem Schwager, dem ehemaligen Betriebsleiter der Disko, gestritten haben. Als die Polizisten deshalb im Grey eintreffen, ist Rozaba S. bereits nicht mehr dort. Die Beamten verlassen den Parkplatz um 4.18 Uhr.

Rozaba S. kommt zurück: Um 4.25 Uhr kehrt der 34-Jährige mit einem Taxi zurück, bewaffnet mit einem automatischen Sturmgewehr vom Typ M16. Mit vorgehaltener Waffe hatte er den Taxifahrer gezwungen, ihn von seiner Wohnung zurück zur Disko im Industriegebiet zu fahren, wo er sich an der westlichen Zufahrt absetzen lässt.

Die ersten Schüsse fallen: Noch auf dem Parkplatz auf dem Weg zum Haupteingang gibt der Täter erste Schüsse ab. Sofort wählen mehrere Augenzeugen den Notruf und verlassen teils panikartig die Räume. Rozaba S. schießt in diesen Augenblicken laut Polizei mehrfach durch die geschlossene Eingangstür und betritt dann den Vorraum des Grey. Über das Foyer geht er weiter in Richtung der Main Hall, dem größten Tanzraum im Grey. Was lange nicht klar war und erst durch Auswertung der Kameraaufnahmen festgestellt wurde: Auch dort schießt der 34-Jährige – zwei Projektile landen in der Decke.

Fünf Streifenwagen treffen ein: Wie die Auswertung der Überwachungskameras im Außenbereich laut Polizei außerdem ergab, treffen um 4.29 Uhr fünf Streifenwagen nahezu zeitgleich an der Diskothek Grey ein. Aus taktischen Gründen stellen die Beamten ihre Autos auf der Max-Stromeyer-Straße im östlichen und westlichen Zufahrtsbereich ab und legen Schutzkleidung an. 




Suche nach seinem Schwager: Rozaba S. soll auf der Suche nach seinem Schwager gewesen und deshalb wieder in Richtung Ausgang gegangen sein. Mit ihm soll der Täter nach Informationen des SÜDKURIER nicht erst seit seinem ersten Besuch in dieser Nacht im Streit gelegen haben, sondern bereits seit längerer Zeit.

Besucher versucht Täter zu entwaffen: Auf seinem Weg in Richtung Ausgang will ein Gast dem 34-Jährigen im Vorbeilaufen offenbar vergeblich die Waffe entreißen. Da dieser Mann ein wichtiger Zeuge ist, aber noch nicht ermittelt werden konnte, bittet die Polizei diesen Besucher, sich mit der Kripo unter (07541) 7010, in Verbindung zu setzen. 



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Der Täter verlässt das Grey: Beim Hinausgehen gibt der 34-Jährige schließlich laut Polizei noch einen Schuss durch die Tür ab. Ein Security-Mitarbeiter wird dabei durch Glassplitter im Gesicht verletzt. Als Rozaba S. das Grey verlassen hat und sich auf dem Parkplatz befindet, verschließen Türsteher den Haupteingang.

Türsteher verhindern Rückkehr: Der Täter will kurz darauf zurück ins Grey. Weil die Türen verschlossen sind, gibt er nach dem Stand der Ermittlungen einige Schüsse auf die Tür und durch die Türverglasung ab. Derzeit noch unklar ist laut Polizei, ob zu diesem oder zu einem früheren Zeitpunkt der Türsteher Ramazan Ö. tödlich verletzt wurde. Nach seinen Schüssen auf die Tür versucht Rozaba S. mit der Schulterstütze des M16-Gewehrs die Verglasung einzuschlagen. Dabei zerbricht die Schulterstütze.

Schutzengel für Polizisten: Der Täter flüchtet dann in Richtung Max-Stromeyer-Straße, wo er auf die ersten ankommenden Polizeiwagen das Feuer eröffnet. Während ein Beamter laut Pressemitteilung der Polizei „hinter einem Streifenwagen kniete und gerade den ballistischen Schutzhelm aufgesetzt hatte“, wird dieser Beamte durch den Helm hindurch am Kopf getroffen und schwer verletzt. Die Verletzung war laut Polizei nicht lebensgefährlich.

Vorwürfe gegenüber den Einsatzkräften: Polizisten wird – während sie ihre Einsatzkleidung anlegen, sich über Funk absprechen und sich ein erstes Bild der Lage machen – von mehreren Personen Untätigkeit vorgeworfen. Die Polizei teilte dazu am Donnerstag mit, die Vorwürfe seien von Menschen gekommen, „die von der Notwendigkeit eines taktisch abgestimmten Vorgehens in einer solchen Bedrohungslage keine Kenntnis hatten“.

Polizist trifft Rozaba S. zweimal: Ein Polizist, der mit seinen Kollegen in Richtung des Parkplatzes der Diskothek vorgerückt ist, gibt beim Zusammentreffen mit Rozaba S. laut Staatsanwaltschaft zwei Schüsse aus seiner Dienstwaffe auf den 34-Jährigen ab. Einer dieser Schüsse führt später zum Tod des Täters. „Weitere Schüsse aus Dienstwaffen, auch aus mitgeführten Maschinenpistolen, wurden von anderen Einsatzkräften nicht abgegeben“, teilen Polizei und Staatsanwaltschaft mit. Eine Frau und ein Mann helfen dem lebensgefährlich verletzten Täter Rozaba S. mit Erste-Hilfe-Maßnahmen.

Gaffer sollen Polizei behindert haben: Viele der Besucher sollen sich laut Polizei daraufhin dem auf dem Boden liegenden Rozaba S. genähert haben. Es habe sich demnach um die Personen gehandelt, die zuvor die Polizisten beleidigt hatten. Sie stören so „die weiteren Einsatzmaßnahmen, um offensichtlich ihre Neugier zu befriedigen“, so der Vorwurf der Polizei. Zu diesem Zeitpunkt sei nicht klar gewesen, ob weitere Personen am Geschehen beteiligt waren. Bilder der Überwachungskameras im Außenbereich lassen demnach erkennen, dass Gäste nach dem Schusswechsel aus Verstecken hervorkamen, „um Aufnahmen mit ihrem Handy zu machen“.

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