Lidl will auf der Reichenau bald weiterbauen
Blick aus der Luft auf Reichenau Gewerbegebiet Göldern Bahnhof Reichenau Grünbrücke B33 Bundesstraße 33 Kindlebild (Luftbild vom 07.04.2017)
Blick aus der Luft auf Reichenau Gewerbegebiet Göldern Bahnhof Reichenau Grünbrücke B33 Bundesstraße 33 Kindlebild (Luftbild vom 07.04.2017) | Bild: Jörg-Peter Rau
Reichenau
11.08.2017 17:00
Der Baugrund für die geplante Filiale werde noch einmal gründlich untersucht, erklärte das Unternehmen. Es sei aber nichts abgesackt. Die Eröffnung werde vermutlich erst im nächsten Frühjahr stattfinden.
Konstanz interessiert Sie?

Bestellen Sie den Gratis-Newsletter "Wasserstand" von Redaktionsleiter Jörg-Peter Rau.

Ein großes Schild an der B 33 neben der Lidl-Baustelle im Reichenauer Gewerbegebiet Göldern-Ost verkündet nach wie vor, dass hier im Herbst eine Filiale des Discounters eröffnet werde. Aber längst ist klar, dass dies nicht mehr möglich sein kann, wie nun auch die Lidl-Pressestelle auf SÜDKURIER-Nachfrage erklärte. Immerhin, so ist zu hören, soll es nach rund drei Monaten Baustopp nun bald weitergehen. Über die genauen Gründe für die lange Unterbrechung schweigt das Unternehmen zwar weiterhin. Es würden weitere Baugrunduntersuchungen vorgenommen, hieß es lapidar. Zuletzt erklärte die Pressestelle auf Nachfrage, die Ergebnisse der Untersuchungen lägen jetzt vor. Diese würden derzeit von einem Prüfstatiker analysiert. "Wir erwarten die abschließenden Ergebnisse des Prüfstatikers in etwa zwei bis drei Wochen", so ein Lidl-Pressesprecher.

Auch Bürgermeister Wolfgang Zoll erklärte, er habe auf Nachfrage bei Lidl keine näheren Informationen erhalten. "Mir ist lediglich bekannt, dass bei einigen Gründungspfählen nun Messungen hinsichtlich der Standfestigkeit stattfinden. Diese Messungen werden im Moment ausgewertet." Derweil geht das Gerücht um, es seien Pfähle und dadurch Teile des bereits errichteten Mauerwerks abgesackt und dieses müsse möglicherweise wieder abgerissen werden. Hierzu erklärt Lidl: "Die von Ihnen dargestellten Gerüchte können wir nicht bestätigen."

Nach rund drei Monaten Baustopp soll es nun bald weitergehen auf der Baustelle von Lidl im Reichenauer Gewerbegebiet Göldern-Ost.
Nach rund drei Monaten Baustopp soll es nun bald weitergehen auf der Baustelle von Lidl im Reichenauer Gewerbegebiet Göldern-Ost. Bild: Thomas Zoch

Dass der Baugrund in diesem Bereich sehr schlecht ist, war Lidl bekannt, so der Bürgermeister. Daher müsse die Gemeinde als Verkäuferin des Grundstücks auch keine Regressansprüche befürchten. Beim Spatenstich im März hatte der Architekt erklärt, zur Stabilisierung müssten rund 200 Stahlpfähle bis zu 15 Meter tief in den Boden gerammt werden. Nimmt man nur die geplante Verkaufsfläche von 1400 Quadratmetern (800 Lidl, 600 dm-Markt) als Rechengrundlage, dann ergibt das im Schnitt etwa einen Pfahl auf sieben Quadratmeter. Möglicherweise war diese Maßnahmen nicht ausreichend. Wie zu hören ist, sei nach Baubeginn deutlich geworden, dass noch mehr getan werden müsse. Und dies wolle Lidl ordentlich machen.

Die Neubauleitung Singen hat jedenfalls für den Bau des direkt angrenzenden Kindlebildknotens deutlich mehr Aufwand betrieben, wobei hier natürlich auch eine größere Last aufliegt. Projektleiter Alexander Stoppel berichtet: "Es wurden zur Stabilisierung des Untergrunds 2923 Stahlbetonpfähle im Raster 1,75 mal 1,75 Meter hergestellt. Die Pfähle wurden in die tragfähige Schicht – Geschiebemergel halbfest bis fest – eingebunden. Diese tragfähige Schicht liegt im Bereich des Knotens Kindlebild in Tiefen zwischen zwölf und 27 Metern." Dementsprechend tief seien im Knotenbereich die Pfosten mit einer Gesamtlänge von über 50 Kilometern in den Boden gerammt worden.

Nach rund drei Monaten Baustopp soll es nun bald weitergehen auf der Baustelle von Lidl im Reichenauer Gewerbegebiet Göldern-Ost. Die Baugrunduntersuchungen seien abgeschlossen, so das Unternehmen.
Nach rund drei Monaten Baustopp soll es nun bald weitergehen auf der Baustelle von Lidl im Reichenauer Gewerbegebiet Göldern-Ost. Die Baugrunduntersuchungen seien abgeschlossen, so das Unternehmen. Bilder: Thomas Zoch Bild: Thomas Zoch

Der Untergrund bestehe aus mehreren Schichten. Laut Bodengutachten der Neubauleitung kommen unter einer nur zehn bis 20 Zentimeter dicken Schicht normalen Oberbodens zunächst Schuttauffüllungen bis zu einer Tiefe von 2,30 Meter. Darunter sind kiesig-sandige, weiche Ablagerungen des Sees mit einer Stärke von 30 Zentimeter bis 1,30 Meter. Dann folge eine 6,7 bis acht Meter dicke Schicht sandiger Beckenton, der eine äußerst geringe Tragfähigkeit habe. Und dann erst kommt aus der Gletscherzeit das Moränensediment/Geschiebemergel aus Ton, Sand, Kies, Steinen und Blöcken, auf dem gegründet werden kann. Allerdings verweist Stoppel hier auf eine Tücke. Die obersten zwei bis 14 Schichtmetern des Moränensediments seien von weicher bis steifer Konsistenz. Laut Bodengutachten gibt es in dieser Schicht unregelmäßig verteilt kiesige und sandige Einschübe, die vermutlich Grundwasser führen. Wirklich sicheren Grund (Geschiebemergel halbfest bis fest) gebe es demnach erst darunter, in Tiefen ab etwa zwölf bis 20 Meter. Und darauf habe man für den Knoten gegründet, um spätere Setzungen zu vermeiden, so Stoppel.

Der Bürgermeister erklärt, in ganz Göldern-Ost sei zu beachten, dass es sich um aufgeschüttetes Gebiet handele. In früheren Jahrzehnten wurden hier allerlei Bauschutt, Ton, Lehm und anderes abgeladen. "Das ist den Käufern bekannt", so Zoll. Doch er fügt an: "Dass es in diesem Zusammenhang nicht zwingend notwendig ist, unvertretbar viele Pfähle zur Gründung in den Boden zu rammen, macht etwa auch das jetzt begonnene Bauprojekt des Nabu deutlich. Hier ist die Gründung zwar auch ein Thema, das aber die Realisierung des Vorhabens keineswegs verunmöglicht hat, nachdem der Nabu eine Reihe von Bodenuntersuchungen durchführte."

Der Ingenieur Burkhard Raff, der die Erschließung machte, erklärt: "Wir haben mit Schlimmerem gerechnet." Beim Bau von Straßen und Kanälen habe man keine Probleme mit extrem schlechtem Baugrund gehabt. Untersuchungen zeigten aber: "Es ist eine nicht homogene Auffüllung." Das könne von Meter zu Meter anders sein. Und es gebe auch in Richtung Bahnlinie eiszeitliche Ablagerungen. Doch deshalb sei das Gebiet keineswegs nur mit unverantwortbarem Aufwand bebaubar. Solche Verhältnisse gebe es auch in Konstanz in Seenähe. Und, so Raff: "Die Gründung in Seeton ist technisch heute kein Problem mehr."

Beim Spatenstich von Lidl im März sagte der Prokurist Jochen Hartschen mit Blick auf die lange Vorlaufzeit: "Was lange währt, muss richtig gut werden." Als geplanten Eröffnungstermin nannte er November 2017. Nach dem Baustopp währt das Projekt nun noch länger. Mit einer Eröffnung ist wohl erst im Frühjahr 2018 zu rechnen. Hartschen sagte damals zudem auf SÜDKURIER-Nachfrage zu den Baukosten nur, es sei "ein teures Projekt" – mittlerweile ist es wohl ein sehr teures.


Aldi holt auf

Um das Grundstück in Göldern-Ost lieferten sich Lidl und der große Discounter-Konkurrent Aldi in den Jahren 2012 und 2013 einen Bieterwettstreit. Lidl bekam schließlich den Zuschlag und kaufte die knapp 9300 Quadratmeter im Frühjahr 2014 für 2,1 Millionen Euro. Lidl sorgte allerdings selbst für eine Verzögerung, denn das Grundstück der Gemeinde lag im Nordwesten des Gebiets, nahe der Bahn und der Wohnbebauung.

Lidl wollte aber direkt an der B 33 bei der Abfahrt des Kindlebildknotens bauen, wohl um besser wahrgenommen zu werden von Vorbeifahrenden. Die Gemeinde musste deshalb den Bebauungsplan ändern und sich bei der Umlegung mit den anderen Eigentümern einigen. Aldi dagegen hat inzwischen vor rund zwei Monaten Grundstücke im Gewerbegebiet Reihetal gekauft – nach SÜDKURIER-Informationen für deutlich weniger Geld. Den Bauantrag hat der Discounter noch vor der Sommerpause eingereicht. Laut Aldi-Pressestelle ist der Baubeginn Ende 2017 und die Eröffnung im Sommer 2018. Es wäre Ironie des Schicksals, wenn der damals unterlegene Konkurrent Aldi nun fast zeitgleich mit Lidl in Göldern seine Filiale öffnen könnte. (toz)
0 Kommentare