BFU-Untersuchung in Konstanz: Was wir über den Flugzeugabsturz wissen
Wrackteile, die Aufschluss über die Absturzursache geben sollen: Am Mittwoch bargen THW-Mitarbeiter die Trümmer des abgestürzten Flugzeugs. Bilder: Jörg-Peter Rau, dpa
Wrackteile, die Aufschluss über die Absturzursache geben sollen: Am Mittwoch bargen THW-Mitarbeiter die Trümmer des abgestürzten Flugzeugs. Bilder: Jörg-Peter Rau, dpa | Bild: Kohls
Konstanz
10.08.2017 21:18
Die Suche nach der Unfallursache wird zur Puzzlearbeit. Was bisher über den Absturz der Malibu bekannt ist.
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  1. Wurden die Leichen der Flugzeuginsassen inzwischen gefunden? Wie mehrere zuverlässige Quellen dem SÜDKURIER bereits am Donnerstagnachmittag sagten: Ja. Das bestätigten am Abend dann auch Polizei und Staatsanwaltschaft. Demnach sind die Leichen am Mittwochabend entdeckt worden, nachdem die Trümmer der Kabine auf den Lastwagen des Technischen Hilfswerks umgeladen wurden. Dass der 74 Jahre alte Pilot und seine 75-jährige Begleiterin ums Leben gekommen sein müssen, war aber bereits früher klar. Schon wenige Stunden nach dem Absturz wurden sterbliche Überreste bei Konstanz-Litzelstetten an Land gebracht.

    Luftbild der Bergungsarbeiten von Bord einer Bodenseefähre aus. Bild: Achim Mende
  2. Wann können die beiden Unglücksopfer von offizieller Seite für tot erklärt werden? Auch wenn, wie die Staatsanwaltschaft nun bekannt gab, bei der Bergung des Wracks die sterblichen Überreste der beiden Flugzeuginsassen gefunden wurden, müssen die Leichen erst noch identifiziert werden, um sie auch juristisch für tot erklären zu können, erklärt Polizeisprecher Markus Sauter. Bis wann die Leichen identifiziert seien, könne aber noch nicht gesagt werden. Für die Identifizierung der sterblichen Überreste benötige man Vergleichsmaterial, zum Beispiel eine Bürste mit Haaren der Toten, um anhand eines DNA-Tests die Identität eindeutig feststellen zu können. Zudem, so erläutert Birgitt Meier vom Konstanzer Standesamt, muss eine gerichtliche Feststellung des Todes stattfinden, bevor ein Totenschein ausgestellt werden kann. Eine juristische Feststellung des Todes ist für Verwandte der Verstorbenen nicht nur aus psychologischer Sicht wichtig, sondern auch aus rechtlichen Gründen, damit Erbschaften geregelt werden können und keine Probleme bei der Ausbezahlung von Lebensversicherungen oder Witwenrenten entstehen.
     

  3. Was weiß man zum jetzigen Zeitpunkt über den Unfallhergang? Die Maschine flog in rund 5000 Metern Höhe und wurde in den Minuten vor dem Absturz deutlich langsamer. Augenzeugen berichten von einem Sturzflug, bei dem die Maschine, Propeller voraus, dem Wasser entgegenstürzte. Der Flugzeugmotor habe dabei laut aufgeheult, heißt es übereinstimmend. Zuletzt fiel das Flugzeug Augenzeugen zufolge im komplett freien Fall, vermutlich über mehrere Hundert Meter. Der Aufprall auf die Wasseroberfläche war so hart, dass der normalerweise knapp neun Meter lange Rumpf des Flugzeugs auf ein Drittel seiner Größe zusammengequetscht wurde „Wasser ist wie Beton“, erklärt Germout Freitag, Sprecher der Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung (BFU).


  4. Warum flog die Piper Malibu überhaupt in so großer Höhe? Für ein einmotoriges Flugzeug eher ungewöhnlich, verfügte die Piper Malibu HB-PPH über eine Druckkabine. Damit konnte sie eine Reiseflughöhe von bis zu 25 000 Fuß (7600 Meter) erreichen, wie Experten erklären. In der enormen Höhe ist die Luft so dünn und kalt wie auf vielen Himalaya-Gipfeln. Überdies ist so hoch über der Erdoberfläche nur ein Instrumentenflug möglich. Auf der anderen Seite können die Piloten so „über dem Wetter“ fliegen, wie Fachleute sagen. Das ist deutlich ruhiger. Die Piper Malibu der Schweizer Firma Malibair AG war ein Flugzeug für höchste Ansprüche und wurde von einem dafür ausgebildeten Piloten auch entsprechend geflogen. Insofern ist die große Höhe zum Zeitpunkt des Absturzes nicht überraschend.

    Archivbild: Eine Piper PA-46 Malibu. Eine Maschine diesen Typs ist am Dienstagmittag in den Bodensee gestürzt.
    Archivbild: Eine Piper PA-46 Malibu. Eine Maschine diesen Typs ist am Dienstagmittag in den Bodensee gestürzt. Bild: Norbert Försterling (dpa)
  5. Wird die Bergung der Flugzeugtrümmer fortgesetzt? Nein, die Einsatzkräfte sehen dazu keinen Anlass. Die Polizei Konstanz gab bekannt, dass die am Vortag geborgenen Wrackeile ausreichen würden, um die Untersuchungen der Absturzursache fortzusetzen. Die Kosten der bis jetzt anhaltenden Ermittlungen und die Bergung des Flugzeug-Wracks übernimmt zunächst die Staatsanwaltschaft und damit der Steuerzahler.
     

  6. Was geschieht mit den Wrackteilen, die am Mittwoch aus dem Bodensee gezogen wurden? Die Überreste des abgestürzten Kleinflugzeugs in Konstanz sind in einer Halle des Technischen Hilfswerks von Experten der Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung untersucht worden. Die Ermittlung ist inzwischen abgeschlossen, wie BFU-Sprecher Germout Freitag auf Anfrage des SÜDKURIER mitteilte. Die Untersucher seien auf der Rückreise nach Braunschweig, die Informationen, die sie vor Ort gesammelt haben, im Gepäck. In Braunschweig würden die Daten dann ausgewertet. Das Flugzeugwrack werde nicht nach Braunschweig transportiert, so Freitag. 

  7. Wer ermittelt die Absturzursache? Die BFU hat 37 Mitarbeiter. Aufgabe der Behörde ist es, der Ursache von Flugunfällen auf den Grund zu gehen, damit ähnliche Vorfälle in Zukunft verhindert werden können. Zwei Ermittler der BFU waren am Dienstagabend in Konstanz angekommen und hatten dort die Leitung der Sicherheitsuntersuchung übernommen. Die Ermittler: Jens Friedemann, ein besonders erfahrener Flugunfalluntersucher, der schon seit 1989 für die BFU aktiv ist. Zuletzt war der Fachmann für größere Flugzeugunfälle 2002 in der Bodenseeregion tätig. Damals war er an den Ermittlungen des Flugunglücks von Überlingen beteiligt. Sein Kollege Jens Eisenreich ist auf die Flugzeugklasse der abgestürzten Propellermaschine spezialisiert.

    Derzeit werden die Wrackteile auf dem Gelände des THW Konstanz untersucht.
    Derzeit werden die Wrackteile auf dem Gelände des THW Konstanz untersucht. Bild: Jörg-Peter Rau
  8. Wie gehen die Ermittler bei der Suche nach der Unfallursache vor? Die Untersucher haben unter anderem Fotografien der Flugzeugtrümmer angefertigen. Auch die Befragung von Fluglotsen gehört zur Aufgabe der Ermittler. Weiterhin sammelten die BFU-Mitarbeiter Zeugenaussagen sowie Bild- und Videomaterial des Absturzes.
     

  9. Welchen Herausforderungen standen die Untersucher gegenüber? Dadurch, dass sich das Flugzeug mit Wasser vollgesaugt hat, kann es sein, dass es schon vor der Bergung zu Brüchen an den Überresten gekommen ist. Weitere Wrackteile sind im Laufe der Bergung abgebrochen. Diese zusätzlichen Brüche erschweren den Untersuchern die Analyse. Wenn ein Flugzeug auf einem weicheren Untergrund – etwa einem Acker – aufprallt, ist es wahrscheinlicher, dass manche Wrackstücke noch komplett sind. Zudem rosteten einige Teile, etwa Speicherkarten, schnell unter Wasser. Eine weitere Herausforderung ist, dass die Piper im Gegensatz zu größeren Flugzeugen weder ein Stimmaufnahmegerät noch einen Datenschreiber an Bord hatte. Die Experten hoffen aber, Aufschlüsse durch die Auswertung von GPS- und Radardaten zu bekommen.

    Experte Jens Friedemann war schon beim Flugunfall von Überlingen im Einsatz.
    Experte Jens Friedemann war schon beim Flugunfall von Überlingen im Einsatz. Bild: Jörg-Peter Rau
  10. Wann werden wir die Unfallursache erfahren? In sechs bis acht Wochen wird die BFU einen Zwischenbericht anfertigen, der die gesammelte Faktenlage beinhaltet. Die Fertigstellung des Abschlussberichts kann ein Jahr dauern.

  11. Was wissen wir über die Opfer? Bei den Toten handelt es sich um den 74-jährigen Urs K. und seine 75-jährige Lebensgefährtin. Laut der Schweizer Zeitung „Blick“ war K. im Kanton Aargau eine bekannte Persönlichkeit. Besonders tragisch: Mit dem Absturz in den Bodensee wiederholt sich ein trauriges Schicksal in der Familie: Bereits der Cousin von Urs K. war 1995 mit demselben Flugzeug-Typ tödlich verunglückt.
     





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