Bundestagskandidat Lothar Schuchmann (Linke): "Das Spital Waldshut ist überfordert"
Der Bundestagskandidat der Linken, Lothar Schuchmann (Dritter von links), mit den SÜDKURIER-Redakteuren Andreas Gerber, Justus Obermeyer und Kai Oldenburg (von links). Bild: Markus Baier
Der Bundestagskandidat der Linken, Lothar Schuchmann (Dritter von links), mit den SÜDKURIER-Redakteuren Andreas Gerber, Justus Obermeyer und Kai Oldenburg (von links). Bild: Markus Baier | Bild: Markus Baier
Kreis Waldshut
31.07.2017 21:51
Wir stellen die Kandidaten zur Bundestagswahl vor: Was Lothar Schuchmann (Die Linke) zur Gesundheitsversorgung im Landkreis, die Spitäler-Frage und zur Weiterplanung der A 98 sagt.

Herr Schuchmann, was ist aus Freiburger Sicht das wichtigste politische Thema für einen Bundestagkandidaten am Hochrhein?

Nun, ich bin da vielleicht beruflich etwas vorbelastet, aber ich würde sagen, das ist die medizinische und notfallmedizinische Versorgung der Bürger. Nachdem, was ich in Gesprächen gehört habe, muss diese Versorgung zumindest als unzureichend bezeichnet werden. Ich habe konkret Kenntnis von fünf medizinischen Notfällen, die im Landkreis abgewiesen wurden und zur Versorgung in Krankenhäuser anderer Landkreise gebracht werden mussten. Die Gleichwertigkeit von Lebensumständen muss aber auch für den ländlichen Raum gelten.

Sie sagen, es hapert gerade bei der medizinischen Versorgung durch Krankenhäuser. Wie kann man das verbessern?

Wir haben folgendes Problem: Das eine Spital in Bad Säckingen wird scheibchenweise geschlossen, das andere in Waldshut ist überfordert. Wichtig ist es deshalb, am Standort Bad Säckingen den alten Zustand wieder herzustellen. Wir brauchen in Bad Säckingen bis auf Weiteres ein funktionierendes Krankenhaus der Grund- und Regelversorgung. Anders ist meiner Meinung nach eine ordnungsgemäße medizinische Versorgung im Landkreis derzeit nicht zu leisten. Dann kann man weiterüberlegen, wie der weitere Weg aussehen soll.

Und wie soll der Weg aussehen: Zwei Standorte oder ein Zentralspital?

Die Argumente für ein Zentralspital sind ja nicht unplausibel. Wenn ein Zentralklinikum gebaut wird, muss es aber ein modernes Kreiskrankenhaus sein – mit einer gewissen Größe, mit modernen Großgeräten, hoher Standard, etc. Sonst kriegen Sie kein gutes Personal. Dem Haus sollten zudem ein Schmerzzentrum und ein Pflegeheim assoziiert sein. Bad Säckingen bräuchte dann ein Medizinisches Versorgungszentrum oder ein Pfortenklinik, um eine Grundversorgung sicherzustellen. Aber noch einmal: Zuerst muss das Spital in Bad Säckingen jetzt aktuell schnell saniert werden.

Sie kennen die aktuelle Entwicklung der vergangenen Tage? Ein gigantisches Defizit-Loch hat sich aufgetan. Und am Standort Bad Säckingen soll Asbest gefunden worden sein. Geschäftsführerin Jeitner hat hingeschmissen. Halten Sie da Ihre Forderungen für realistisch?

Das Bedauern über den Weggang der Geschäftsführerin ist, denke ich, überschaubar. Aber zu Ihrer Frage: Ja, ich halte das für realistisch. Wer sagt denn, bitteschön, dass der Landkreis das in der jetzigen Situation allein stemmen muss. Wenn der Landkreis kein Geld hat, muss halt das Land einspringen. Ich habe manchmal das Gefühl, dass Politiker die Daseinsvorsorge nicht immer ganz ernst nehmen. Deshalb müssen die Bürger über ihre Protestbewegung mehr andauernden Druck ausüben.

Die medizinische Versorgung im Landkreis krankt nicht nur im stationären Bereich. Auch bei Haus- und Fachärzten klemmt es. Was macht die Politik?

Zunächst halte ich nichts von der Idee, junge Ärzte mit Zwang aufs Land zu schicken. Eine bessere Idee ist es, mit einer Landzulage einen Anreiz zu schaffen. Es ginge auch mit strukturellen Änderungen: Ich denke da an Versorgungszentren mit angestellten Ärzten. Ärzte hätten geregeltere Arbeitszeiten und weniger Verwaltungsaufwand als in einer eigenen Praxis. Da Medizin zunehmend weiblicher wird, müssen wir so etwas anbieten. Denn weibliche Ärzte denken nicht nur an den Beruf, sondern auch an Familienplanung.

Wer soll denn dann Träger eines solchen Ärztezentrums sein?

Das sollten kommunale Träger sein, Städte, Landkreise. Besser wäre es aber noch, wenn es auf Ebene der Regierungspräsidien organisiert wäre, da ergäben sich noch mehr Synergieeffekte.

Warum nicht private Träger? Gerade vorhin haben Sie gesagt, dass Politiker die Daseinsfürsorge nicht immer ganz Ernst nehmen. Und Kommunen werden in der Regel von Politikern geführt.

Gut, aber der Vorteil der öffentlichen Hand ist trotzdem, dass sie nicht gewinnorientiert arbeiten muss. Private Träger aber sehr wohl, da ist auf jeden Fall mehr wirtschaftlicher Druck da.

Kommen wir zu einem Thema, das den gesamten Landkreis ebenfalls an allen Ecken und Enden drückt: Der Verkehr, zuvorderst natürlich mit der A 98. Sehen Sie eine schnelle Lösung eher durch eine Autobahn oder durch Ortsumfahrungen auf Bundesstraße?

Für die Städte ist der Verkehr unzumutbar. Die Frage nach A oder B würde ich je nach Bauabschnitt am konkreten Bedarf festmachen. Lauchringen kriegt jetzt ja auch eine Bundesstraßenumfahrung. Da passt das. Wenn eine solche Lösung machbar ist, wäre ich dafür. Es muss ja nicht von vorne bis hinten eine Autobahn sein.

Und die Lücke Bad Säckingen?

Da gibt es wohl kritische Punkte durch das geplanten Pumpspeicherbecken. Das muss geologisch sauber abgearbeitet werden. Die Trasse sollte angesichts des Kurgebietes möglichst weit oberhalb der Stadt verlaufen.

Die Wehrer wollen die Trasse aber unten. Wie kriegen Sie das unter einen Hut? Das wäre nur durch die Konsenslösung möglich...

... und die ist, lassen Sie mich raten, die Teuerste.

... genau. Darf Geld ein Dogma sein?

Nein, für eine sinnvolle Planung darf Geld nicht das oberste Entscheidungskriterium sein. So müsste Waldshut zum Beispiel einen weitläufigen Tunnel erhalten...

... der dann nie gebaut wird, weil er Unsummen kostet. Ist es nicht zu einfach, im Wahlkampf hinzustehen und zu sagen, Geld darf nicht die große Rolle spielen?

Wenn das Geld im Moment für die sinnvollste Variante, wie etwa ein Tunnel, nicht vorhanden ist, sollte man einem solchen Projekt auch etwas mehr Zeit geben.

Am Hochrhein wurden dem Projekt A 98 schon mehr als 50 Jahre Zeit gegeben. Das reicht doch?

Die Notwendigkeit von Autobahn oder Ortsumfahrung am Hochrhein ist heutzutage unbestritten. Aber vielleicht hat es auch so lange gedauert, weil diese Notwendigkeit und damit der Druck in früheren Zeiten vielleicht nicht ganz so drängend war.

Noch ein anderes Langzeitprojekt, das nicht vorwärtskommt, ist die Elektrifizierung. Wieso ist das so?

Möglicherweise ist die Strecke für die DB zu uninteressant, zu unrentabel? Ich sehe Chancen, wenn die SBB die Strecke übernehmen würde. Ich denke, um mehr Druck auf Land und Bund auszuüben, müssten sich auch hier von Bürgern getragene Protestbewegungen bilden. Aus Freiburg gibt es da etliche sehr erfolgreiche Beispiele.

Wir möchten Sie noch zu einigen kleineren Verkehrsproblemen ansprechen. Kennen Sie das Problem mit der geschlossenen Albtalstrecke?

Das Problem kenne ich nicht, insofern kann ich auch keine Lösung anbieten.

Und das Thema Rheinbrücken in Koblenz und Sisseln?

Gut, davon habe ich gehört, aber ich muss sagen, ich bin kein Verkehrsexperte. Aber grundsätzlich bin ich der Meinung, es ist undenkbar, dass wir vom Auto wegkommen, gerade in ländlichen Regionen. Klar, dass sich der Antrieb ändern und ökologischer werden muss. Aber angesichts von Berufsverkehrsströmen sind zwei Brücken über den Rhein wahrscheinlich sinnvoll. Ich denke, da haben sich die Planer die richtigen Gedanken gemacht.

Kennen Sie das Problem Grimmelshofen?

Ja, ich bin in Bonndorf, also gewissermaßen in der Nachbarschaft, aufgewachsen. Der Verkehr quält sich durch den Ort. Wenn ich mich richtig erinnere, gibt es für die B 314 in diesem Bereich eine Umfahrungsplanung mit Tunnel. Der sollte gebaut werden.

Und Sie meinen, der kleine Abgeordnete aus Waldshut kriegt den Bundesverkehrsminister dazu, sich um das kleine Grimmelshofen zu kümmern?

Der Abgeordneter muss es zumindest versuchen, sonst hat er gar keine Chance.

Reden wir noch über das Thema Energie. Wir haben und kriegen wahrscheinlich weitere Atomanlagen auf Schweizer Seite entlang der Grenze. Kann die Bundesrepublik da nichts tun? Denken wir an das Atommüllendlager oder an Leibstadt, das sich zusehendes zum Pannenreaktor entwickelt.

Es ist ein Unding, dass solche Anlage immer an die Grenze kommen. Ich glaube, wir müssen für das atomare Abfallproblem eine europäische Lösung finden. Ich bin beispielsweise nicht der Ansicht, dass der radioaktive Müll unbedingt unter die Erde muss. Ich glaube auch, dass oberirdische und gut gesicherte Lösung möglich und schnell machbar wären. Die Schweiz sollte in eine solche Lösung eingebunden sein.

Nun lässt sich die Schweiz da wahrscheinlich nicht reinreden, oder?

Dann muss man mit der Schweiz das Problem besprechen. Die Eidgenossen wollen an anderer Stelle vielleicht auch etwas von uns.

Also ein Deal?

Politik besteht aus Kompromissen, man muss sich manchmal auf verschiedenen Ebenen gegenseitig entgegenkommen.

Fragen: Kai Oldenburgs, Justus Obermeyer und Andreas Gerber

 

Zur Person

Lothar Schuchmann, Jahrgang 1940, ist Bundestagskandidat der Linken für den Wahlkreis Waldshut. Der 77-Jährige ist Kinderarzt und wohnt in Freiburg. Ein politisches Mandat hat er als Stadtrat in Freiburg. Schuchmann ist bereits mehrfach bei überregionalen Wahlen für die Linken auf Stimmenfang gegangen. Bei der Bundestagswahl 2009 holte er im Wahlkreis Waldshut beachtliche 5,8 Prozent, bei den Landtagswahlen 2011 und 2016 erreichte er in den Wahlkreisen Freiburg I und Freiburg II 4,9 beziehungsweise 4,8 Prozent.

 

Unsere Serie

Die sechs aussichtsreichsten Direktkandidaten zur Bundestagswahl im Wahlkreis Waldshut stellen sich den Fragen zu den regional wichtigsten Themen. In jeder Woche der Sommerferien stellen wir einen Kandidaten oder eine Kandidatin vor.

Lothar Schuchmann (Die Linke): heute

Martina Böswald (AfD): Kalenderwoche 32

Daniel Poznanski (FDP): Kalenderwoche 33

Ulrich Martin Drescher (B90/Die Grünen): Kalenderwoche 34

Rita Schwarzelühr-Sutter (SPD): Kalenderwoche 35

Felix Schreiner (CDU): Kalenderwoche 36

Ihre Meinung ist uns wichtig
3 Kommentare