Matteo Mugheddu (links) und Sören Mikkelsen, Zimmerergesellen auf der Walz, mit traditionellem Werkzeug und dem Modell einer mittelalterlichen Kornscheuer für den Campus Galli bei Meßkirch, das sie während ihres Arbeitsaufenthalts bei Holzbau Schmäh gebaut haben. Bild: Sylvia Floetemeyer
Wandernde Zimmerergesellen bei Holzbau Schmäh
Meersburg
21.04.2017 13:38
Sören Mikkelsen aus Dänemark und Matteo Mugheddu aus der Schweiz sind auf der Walz. In der Meersburger Firma Holzbau Schmäh haben sie eine Scheune im Maßstab 1:10 für den Campus Galli bei Meßkirch gebaut.

Meersburg – Sören Mikkelsen kommt aus Roskilde in Dänemark, Matteo Mugheddu aus Gränichen in der Schweiz. Obwohl die beiden denselben Beruf haben, wären sie sich normalerweise wohl nie begegnet. Doch die jungen Zimmerer sind auf der Walz und gehören beide der Vereinigung der "Rechtschaffenen Fremden Gesellen" an. Seit einem halben Jahr sind sie gemeinsam auf Wanderschaft, drei Monate lang arbeiteten sie bei der Meersburger Firma Holzbau Schmäh. Und in dieser Zeit schafften sie nicht nur auf verschiedenen Baustellen mit, sondern bauten in ihrer Freizeit auch das Modell einer Kornscheuer für den Campus Galli, die karolingische Klosterstadt, die seit 2013 bei Meßkirch nach dem St. Galler Klosterplan aus dem 9. Jahrhundert entsteht. Der 22-jährige Mugheddu und der 25-jährige Mikkelsen waren dort eine Zeitlang an der Konstruktion der Klosterkirche beteiligt. Mit mittelalterlichen Techniken wollen Handwerker nach und nach die insgesamt 52 Gebäude, die der Plan verzeichnet, erstellen.

In Mugheddu und Mikkelsen reifte die Idee, ein Modell der Kornscheuer zu bauen. Als sie diese ihrem nächsten Arbeitgeber Sebastian Schmäh vorstellten, unterstützte er sie sofort und spendierte das Arbeitsmaterial, Eichenholz. In jeder freien Minute tüftelten Mugheddu und Mikkelsen an ihrem Modell im Maßstab 1:10. "Wir haben uns sehr viele Gedanken gemacht und überall möglichst komplizierte Verbindungen gewählt, etwa Klauenschifter", erklärt Mugheddu. Und sie bauten etwa ein Andreaskreuz für bessere Stabilität ein, ergänzt Mikkelsen. Ihre mittelalterlichen Kollegen hätten wohl nicht alles genau so gemacht, räumen sie ein.

Doch wie ihre Vorgänger setzten auch sie keine einzige Schraube, kein Stück Metall ein, sondern verwendeten ausschließlich Holznägel. Kurz vor Ostern müssen Mugheddu und Mikkelsen Meersburg verlassen und ihr Werk vollenden. Dafür arbeiten sie sogar eine Nacht durch, "wie im Rausch", berichtet Mugheddu. Ihr Modell soll im Eingangsbereich des Campus Galli ausgestellt werden. Seine Schöpfer sind dann schon weit weg. Mugheddu will nach Norwegen, Mikkelsen weiß noch nicht genau, wohin es ihn als Nächstes verschlägt. Auf die Frage, was sie zur Walz bewogen hat, nennen beide Abenteuerlust und den Wunsch, sich in traditionellen Zimmerertechniken fortzubilden. "Das alte Handwerk darf nicht aussterben", betont Mugheddu. Und Mikkelsen bedauert, dass es um Letzteres in Dänemark nicht gut bestellt sei, weshalb er ausgezogen sei und hoffe, nach der Rückkehr in seine Heimat, eine Nische im Bereich Restaurierung besetzen zu können. Die Arbeit bei Holzbau Schmäh, wo Mikkelsen etwa am Umbau einer ehemaligen Brauerei in Weildorf in eine Wohnung mitwirkte, war "für mich etwas ganz Besonderes". Auch Mugheddu, der unter anderem an der Sanierung des "Storchen" in Oberuhldingen beteiligt war, betont: "Eine gute Station." Vermittelt hatte sie ihnen der Überlinger Paul Hutz, Zimmerermeister bei Schmäh. Denn Hutz, der selbst von 1997 bis 1999 auf der Walz war, gehört ebenfalls den "Rechtschaffenen" an. "Das ist ein lebenslanger Bund", sagt Hutz.

Sein Chef Sebastian Schmäh nimmt immer wieder gerne wandernde Gesellen auf, die bei seiner Schwiegermutter in Stetten Quartier finden. Schmäh, der sich auch sonst für die Ausbildung sowie den fachlichen Austausch innerhalb seines Metiers starkmacht, war von Mugheddu und Mikkelsen besonders angetan. Sie hätten hervorragend mitgearbeitet und sich perfekt integriert, so auch die Meersburger Fastnacht in vollen Zügen miterlebt und einen Ski-Aufenthalt mit dem Schmäh-Team. Dabei sorgte Mikkelsen für besonderes Aufsehen. Denn der Däne läuft nicht nur hervorragend Ski – er macht auch das in voller Kluft, inklusive Zimmermannshut.

Die Walz

Auf die Walz, auch Tippelei genannt, können Handwerkergesellen nach Abschluss ihrer Ausbildung gehen. Das "zünftige Reisen" hat eine Tradition, die bis ins Mittelalter zurückreicht. Sie hat im Bauhandwerk bei Maurer-, Zimmer- und Dachdeckergesellen überlebt. Die Reisedauer beträgt drei Jahre und einen Tag. Während dieser Zeit darf der reisende Geselle seinem Heimatort nicht näher als 50 Kilometer kommen. Die Walz diente ursprünglich folgenden Zwecken: Zum einen sollten die frischgebackenen Gesellen in der Vergangenheit, die bis zur Einführung der Gewerbefreiheit im späten 19. Jahrhundert von strengen Zunftordnungen bestimmt war, ihrem alten Meister keine Konkurrenz machen. Zum andern bot sie Gelegenheit, Arbeit zu finden, neue Techniken kennenzulernen und ein berufliches Beziehungsnetz aufzubauen. Die "rechtschaffenen fremden Gesellen" beschreiben sich als eine überparteiliche, -religiöse und -nationale Vereinigung "von gleichgesinnten Bauhandwerkern, die in die Welt hinausziehen, um sich mit den Bräuchen, Lebensgewohnheiten und Arbeitspraktiken anderer Menschen und Völker vertraut zu machen und dabei in guten wie in schlechten Zeiten fest zusammenzuhalten". (flo)

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