Gründung der "Seeallianz": Ziel ist Hoheit über das Stromnetz
Markdorf
28.07.2017 13:00
Der Zusammenschluss von sechs Kommunen aus dem westlichen Bodenseekreis zur kommunalen Stromnetzgesellschaft "Seeallianz" zusammen mit der EnBW und dem Stadtwerk am See ist auf der Zielgeraden. Dabei soll das lokale Stromnetz im Gebiet der Gemeinden Bermatingen, Deggenhausertal, Owingen, Salem, Uhldingen-Mühlhofen und der Stadt Markdorf von der Netze BW, dem Verteilnetzbetreiber der EnBW, gekauft werden.

Kämmerer Bernd Habnitt, der einer der Verhandlungsführer auf Kommunalseite war, stellte im Markdorfer Gemeinderat das Verhandlungsergebnis vor und machte klar, dass dies schwierige, knallharte Verhandlungen gewesen seien: "Wir sind jetzt an dem Punkt, wir sagen Ja oder Nein." Es sei alles ausgehandelt. Änderungen seien nicht mehr möglich. Die Markdorfer Stadträte bekamen die Vertragsentwürfe, die sie sich über die Sommerpause durchsehen sollen, bevor eine Entscheidung gefällt wird. "Kern dieses Vorhabens ist nicht, dass wir eine ordentliche Rendite erzielen, sondern Kern der Idee ist, dass wir die Hoheit über das Stromnetz haben", sagte Bürgermeister Georg Riedmann. Er erinnerte daran, was für Schwierigkeiten es beim Breitbandausbau gebe, wenn man eben nicht die Hoheit habe.

Ausgangslage war nach den Erläuterungen von Habnitt, dass die Kommunen regelmäßig Konzessionsverträge für Strom und Gas schließen müssen. 2010 gab es dann vereinzelte Angebote an Gemeinden, kommunale Unternehmungen zu gründen, woraus wiederum die Idee einer gemeinsamen Netz-Gesellschaft entstand. Diese Seeallianz wurde erstmals 2012 vorgestellt. Erwerben kann sie das lokale Stromnetz für den netzkalkulatorischen Restwert, weil die Netze BW dies damals zugesagt hatte. Habnitt machte klar, dass dies eine einmalige Chance sei, was ihm auch der ehemalige Geschäftsführer des Stadtwerks am See (SWSee), Alfred Müllner, kurz vor seinem Ausscheiden noch einmal gesagt habe. Stünde der Erwerb der Leitungsnetze heute erst zur Diskussion, würde die Netze BW vermutlich 30 bis 40 Prozent mehr verlangen.

Die Entwürfe sehen vor, dass die Seeallianz GmbH & Co. KG gegründet wird, wobei die Gemeinden mit 51 Prozent die Mehrheit haben – das gelte immer, wie Habnitt auf Nachfrage erklärte, auch wenn eine Gemeinde oder zwei Gemeinden nicht mitmachen sollten. Die Netze BW hat 33 Prozent Anteil und die SWSee erwirbt 16 Prozent (1,44 Millionen Euro). Die sechs Kommunen müssen für ihren Gesellschaftsanteil rund 9,03 Millionen Euro bezahlen, davon sind allerdings nur 40 Prozent (4,61 Millionen Euro) Eigenkapital. 60 Prozent sind Fremdkapital, das von der neuen Seeallianz aufgenommen wird. Die Netze BW bringt 40 Prozent ihres bisherigen Stromnetzes in den sechs Gemeinden in die Gesellschaft ein. Insgesamt geht es um ein Sachanlagevermögen im Wert von 22,07 Millionen Euro. Die Seeallianz verpachtet anschließend das lokale Stromnetz an die Netze BW für mindestens 15 Jahre zurück, diese übernimmt auch weiterhin die technische Wartung. Für die Seeallianz würde bei Zustandekommen im Jahr 2018 ein Ergebnis vor Steuern von 657 000 Euro erwartet, was einer Rendite auf das eingesetzte Kapital von 7,3 Prozent entspräche, so Habnitt.

"Die Chancen sind größer als die Risiken", sagten Habnitt und Riedmann. "Wir sind in einem sicheren Bereich", führte Habnitt weiter aus, das sei ein von der Bundesnetzagentur regulierter Markt. Klar sei auch: "Es geht nicht um den Vertrieb von Strom", so Riedmann, also das Vorgehen im östlichen Bodenseekreis, wo das Regionalwerk Bodensee, gegründet von den Kommunen Eriskirch, Kressbronn, Langenargen, Meckenbeuren, Neukirch, Oberteuringen und Tettnang, im Bereich der Netze und beim Stromvertrieb tätig ist. Vorstellbar sei allerdings für die Seeallianz, dass die Aktivitäten auch auf andere Leitungsnetze, etwa für Gas oder Wasser, erweitert werden, wenn sich der Zusammenschluss bewährt.

Seeallianz

  • Gesellschaftsanteile: Kommunen halten immer 51 Prozent der Gesellschaft. Die Anteile der Kommunen an diesem Teil betragen: Bermatingen 4,18 Prozent, Deggenhausertal 8,40 Prozent, Markdorf 11,88 Prozent, Salem 13,28 Prozent, Owingen 6,67 Prozent, Uhldingen-Mühlhofen 6,59 Prozent. Die SWSee erwirbt 16 Prozent, die Netze BW hält 33 Prozent.
  • Eigenkapital-Anteile: Gesamtes Eigenkapital beträgt rund 9 Millionen Euro; davon Kommunen insgesamt 4,612 Millionen Euro (Bermatingen 378 000 Euro, Deggenhausertal 760 000 Euro, Markdorf 1,07 Millionen Euro, Salem 1,2 Millionen Euro, Owingen 603 00 Euro, Uhldingen-Mühlhofen 596 000 Euro), Netze BW 2,97 Millionen Euro, SWSee 1,44 Millionen Euro.
  • Geschäftsführung: zwei Geschäftsführer, einer für die Kommunen und einer für die Netze BW.
  • Aufsichtsrat: zwölf Mitglieder (Kommunen sechs, Netze BW vier und SWSee zwei). Aufsichtsratsvorsitzender soll ein Vertreter der Kommunen sein, voraussichtlich würde das Markdorfs Bürgermeister Georg Riedmann. Es sind zwei Stellvertreter vorgesehen.
Ihre Meinung ist uns wichtig
0 Kommentare