Rock-Oratorium "Eversmiling Liberty" bewegt in St. Columban
Mitreißend und berührend führten die Schülerinnen und Schüler unter Leitung von Christian Cöster und Tobias Rädle durch das Rock-Oratorium "Eversmiling Liberty", das von Besetzung, Unterdrückung, Widerstand und Befreiung handelt.
Mitreißend und berührend führten die Schülerinnen und Schüler unter Leitung von Christian Cöster und Tobias Rädle durch das Rock-Oratorium "Eversmiling Liberty", das von Besetzung, Unterdrückung, Widerstand und Befreiung handelt. | Bild: Rüdiger Schall
Friedrichshafen
02.06.2017 10:26
Sänger und Musiker des Graf-Zeppelin-Gymnasiums verknüpfen gekonnt Rock, Pop und Jazz. Die Aufführung knüpft an die Vergangenheit des GZG an, denn vor etwa 20 Jahren wurde das Oratorium schon einmal einstudiert.

Hört man Oratorium, denkt man sofort an Weihnachten und natürlich an Johann Sebastian Bach und Georg Friedrich Händel. Wer hätte gedacht, dass mit Rock, Pop und Jazz aus einem Oratorium ein spritziger Sommermusikabend gestaltet werden kann. Das Rockoratorium "Eversmiling Liberty" hat sich die lächelnde Freiheit genommen, aus der uralten Geschichte des jüdischen Volksbefreiers Judas Makkabaios eine moderne, swingende Story zu zaubern.

Die dänischen Komponisten Jens Johansen und Erling Kullberg haben in den 1990er Jahren ihr Rockoratorium in Annäherung an Georg Friedrich Händels Weihnachtsoratorium "Judas Maccabäus" geschrieben. In 22 Stücken wird zwar gerockt und gejazzt. Die Form der Musik ist aber oft und deutlich der geistlichen Musik des Barock entnommen. Es gibt neben Arien für Solisten auch Wechselgesänge und Kanons, die die Sänger des "Gemischten Chors" des Gymnasiums in fünfmonatiger Arbeit einstudiert haben. Wie schon bei Händel wird das gesamt Oratorium auf Englisch gesungen. Das Programmheft bot eine gute Übersetzung der Texte an.

Die Geschichte des Stücks dreht sich um die politische Befreiung des jüdischen Volkes im 2. Jahrhundert vor Christus. Von syrischen Herrschern bereits 400 Jahre besetzt, wehrte sich das Volk gegen die Einführung der griechischen Kultur und Religion mit dem großen Götterhimmel. Dies führte zu Aufständen, die blutig niedergeschlagen wurden. In Folge dessen wurde der jüdische Tempel des einen Gottes in Jerusalem zerstört und griechische Altäre stattdessen aufgebaut. Als Judas Makkabaios nach der langen Besatzungszeit die Widerstandsgruppe seines Vaters, der jüdischer Priester war, übernahm, führte er seine Truppen mit Hilfe eines Guerillakriegs zum Sieg und zur Befreiung Jerusalems.

Der Tempel wurde wieder mit einem achttägigen Einweihungsfest neu geweiht. Dieses "Chanukkafest" wird heute noch in den jüdischen Gemeinden gefeiert.

Was vor 2000 Jahren im Nahen Osten geschah, geschieht seitdem weltweit und immer neu, bis heute. Besetzung, Unterdrückung, Widerstand und Befreiung scheinen eines der Räder der Geschichte zu sein, das niemals aufhört, sich zu drehen. Und da am Ende die Befreiung steht, kann ein Stück, das sich mit diesem Inhalt beschäftigt, auch "Eversmiling Liberty", also "immerlächelnde Freiheit" heißen. Ist der barbarische Zyklus zu Ende gebracht, winkt die Freiheit, von der aber niemand wissen kann, wie lange sie erhalten bleiben wird. Gerade heute, fast 30 Jahre nach Entstehen des Rockoratoriums, ist die Frage nach dem Erhalt der Freiheit überraschend virulent geworden. Auf jeden Fall viel deutlicher als in der Entstehungszeit des Stücks. Und so ist gut nachvollziehbar, warum sich das GZG entschloss, das Oratorium noch einmal aufzuführen. Denn schon 1996 wurde "Eversmiling Liberty" als Kooperation mit dem Karl-Maybach-Gymnasium in etwas größerer Besetzung aufgeführt.

Wie Schuldirektor Herrmann Dollak darlegte, schlägt die Neuaufnahme auch in personeller Hinsicht den direkten Bogen aus der Zeit vor etwa 20 Jahren zur Aufführung in St. Columban am Mittwoch. Der Gitarrist Florian Pöschko, heute Gitarrenlehrer an der Musikhochschule in Leipzig, hat damals am Rockoratorium als Schüler teilgenommen. Er bildete am Mittwoch mit seinem Bruder Sebastian Pöschko am Schlagzeug, Alexander Broschek am Bass und Tobias Rädle am Klavier die Band, also das Soundrückgrat für das Rockoratorium. Die Band jonglierte gekonnt und mit Spaß die ganze Bandbreite der zeitgenössischen Unterhaltungsmusik vom sehr coolen Jazz bis zur Popballade. Die Musiker waren durchweg Profis, die Lust hatten, die Schülerarbeit unter der Leitung von Tobias Rädle zu unterstützen.

Die etwa 40 Sänger wurden außerdem von einigen Musikern aus ihrer Schule flankiert: Isabel Buchstab (Tenorsaxophon), Hannah Zinser und Rick Hoekstra (Trompete), Pia Veeser (Violine) sowie Chorleiter Christian Cöster (Klarinette).

Unter der gut gelaunten Leitung von Christian Cöster stemmte der Chor mit seinen beiden Solisten Lena Ambrosch und Paul Frey eine breite und anspruchsvolle Palette an Motiven und Liedarten. Der Vortrag steigerte sich im Verlauf des Konzertes vom Gänsehauteinstieg mit "Mourn" bis zu mitreißenden "Never, Never Bow We Down". Obwohl anfänglich das Volumen von Chor und Band nicht ganz austariert war, sich zu sehr überlagerte, fing sich der Umstand im Laufe des Konzerts. Chor, aber auch Solisten leisteten eine tolle Arbeit, die gerade in der starken männlichen Abteilung eine feste Mitte fand. Lena Ambrosch als weibliche Solistin überzeugte mit einer schönen Stimme besonders in "Come, Eversmiling Liberty", Paul Frey hatte seinen stärksten Auftritt in "Zion Now Her Head Shall Raise". Er sang besonders auch den Part von Judas Makkabaios mit großem Engagement.

Der Kanon "Fallen Is The Foe" war ein starkes Stück Chorgesang. Absoluter Höhepunkt aber war "See, The Conquering Hero Comes", Händels Adventslied, das bei uns als "Tochter Zion, freue dich" bekannt ist. Als luftige, jazzige Rumbaversion war das alte Lied in neuem Gewand ein echter Sommerabendhit und wurde natürlich nach großem Applaus mit stehenden Ovationen als Zugabe gespielt. Darüber konnte sich das Publikum, das leider nicht die ganze Kirche füllte, wirklich freuen und beschwingt vom ernsten, alten Thema im rockigen Soundgewand in eine laue Sommernacht starten.

Ihre Meinung ist uns wichtig
0 Kommentare