„Von Marx kann man lernen“
Karl-Marx-Figuren des hessischen Künstlers Ottmar Hörl. Auch über 130 Jahre nach seinem Tod inspiriert der Philosoph und Ökonom immer noch zeitgenössische Kapitalismuskritiker, so wie Nobert Trenkle, der einen baldigen Systemzusammenbruch prophezeit.
Karl-Marx-Figuren des hessischen Künstlers Ottmar Hörl. Auch über 130 Jahre nach seinem Tod inspiriert der Philosoph und Ökonom immer noch zeitgenössische Kapitalismuskritiker, so wie Nobert Trenkle, der einen baldigen Systemzusammenbruch prophezeit. | Bild: dpa
Wirtschaft
16.06.2015 02:29
Der Publizist und Ökonom Norbert Trenkle spricht über die Finanzkrise, die Zukunft der Arbeit – und über Alternativen zur Marktwirtschaft 

Herr Trenkle, was waren aus Ihrer Sicht die Ursachen der Finanzkrise?

Viele Experten sehen die Ursachen in der übertriebenen Spekulation. Ich glaube, dass die Wurzeln tiefer liegen. Durch die Automatisierung der Produktion seit den 70er-Jahren kam die Kapitalverwertung ins Stocken, weil nicht mehr ausreichend in den Faktor Arbeit investiert werden konnte. Deshalb hat sich die kapitalistische Dynamik an die Finanzmärkte verlagert, wo seitdem massenhaft fiktives Kapital angehäuft wird. Aber dadurch wurde das Problem nur verlagert. Denn fiktives Kapital besteht aus Ansprüchen auf zukünftigen Wert. Können die nicht eingelöst werden, kommt es zum Crash.

Was ist ein möglicher Ausweg aus diesem Dilemma?

Das Dilemma besteht darin, dass die enorm gesteigerte Produktivität unter kapitalistischen Bedingungen in eine Krise führt, die die gesamte Gesellschaft bedroht. Wir müssten deshalb die Produktion ganz anders organisieren. Ihr Zweck sollte nicht mehr die Vermehrung von Kapital sein, sondern die Herstellung der nötigen Dinge, damit alle Menschen auf der Welt ein gutes Leben führen können. Die technischen Möglichkeiten dafür sind längst vorhanden.

Ist nicht die Finanzkrise schon längst überwunden? Deutschland geht es mindestens so gut wie vor der Krise, und ehemalige europäische Krisenländer wie Spanien, Portugal oder Irland sind auf einem guten Weg.

Die Finanzkrise scheint nur überwunden. Die Staaten haben sich in den letzten Jahren noch stärker verschuldet und die Zentralbanken überschwemmen die Märkte derzeit mit billigem Kreditgeld. Diese Geldschwemme ist aber nicht durch die reale Produktion gedeckt – wegen der hohen Produktivität. Deshalb ist die Krise nur ein weiteres Mal aufgeschoben.

Unterschätzen Sie nicht die Selbstheilungskräfte des Kapitalismus? Die Krise von 1929 hat den Kapitalismus auch nicht unterkriegen können.

Der nächste Crash wird noch schärfer als der von 2008. Neben Europa wird auch China betroffen sein. Und die Staaten haben nicht mehr die Ressourcen, um solche gewaltigen Rettungspakte zu schnüren wie sie es damals getan haben.

Heißt das, dass wir Bürger uns auf einen sinkenden Wohlstand einstellen müssen?

Ja. In den europäischen Krisenländern wie Spanien oder Griechenland gab es Lohneinbußen von 50 Prozent und mehr. In Deutschland kann es ähnlich kommen. Die Verhandlungsposition der Arbeitnehmer wird zudem immer schwächer, weil Arbeitskräfte jederzeit durch moderne Technologien ersetzt oder Arbeitsplätze ins Ausland verlagert werden können. Diese Entwicklung führt zu einem Anwachsen eines schlecht bezahlten und unsicher beschäftigten Prekariats und dadurch zu einer Spaltung der Gesellschaft. Die Digitalisierung der Industrie, die derzeit unter dem Schlagwort Industrie 4.0 stattfindet, und viele Berufe im Dienstleistungssektor gefährdet, verstärkt diesen Trend.

Sie arbeiten für eine kapitalismuskritische Zeitschrift. Gibt es überhaupt eine Alternative zum Kapitalismus?

Der Staatssozialismus in der UdSSR und der DDR war es sicherlich nicht. Wir brauchen eine neue Alternative jenseits von Markt und Staat. Die könnte von den sozialen Bewegungen, die sich gegen die Krisenfolgen zur Wehr setzen, entwickelt werden.

Ist die Lehre von Karl Marx, an dem Sie sich orientieren, im 21. Jahrhundert tatsächlich noch aktuell?

Ja. Von Marx kann man viel lernen, auch und gerade heute noch. Er hat ein sehr vielfältiges und zum Teil auch widersprüchliches Werk hinterlassen. Aktueller denn je ist seine Kritik des Kapitalismus als einer Gesellschaft, die auf der allgemeinen Warenproduktion beruht. Eine solche Gesellschaft ist auf Dauer nicht haltbar, weil sie letztlich ihre eigenen Grundlagen und die Grundlagen des menschlichen Zusammenlebens zerstört.

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