Friedliche Revolution: Seyran Ates hat in Berlin eine Moschee eröffnet
Die Ibn Rushd-Goethe-Moschee hat in der dritten Etage eines Anbaus der evangelischen St.Johannis-Kirche eine Heimat gefunden. In Europa ist der Gelehrte Ibn Rushd (1126-1198) unter dem Namen Averroes bekannt. Liberal denkende Araber berufen sich gerne auf ihn. Bild: dpa
Die Ibn Rushd-Goethe-Moschee hat in der dritten Etage eines Anbaus der evangelischen St.Johannis-Kirche eine Heimat gefunden. In Europa ist der Gelehrte Ibn Rushd (1126-1198) unter dem Namen Averroes bekannt. Liberal denkende Araber berufen sich gerne auf ihn. Bild: dpa
Initiatorin Seyran Ates legt sich zur Eröffnung einer liberalen Moschee ihren Gebetsteppich bereit. Die Eröffnung einer liberalen Moschee durch die Berliner Frauenrechtlerin Seyran Ates hat unter Muslimen im Ausland für große Aufregung gesorgt. Ein Bericht des arabischen Programms der Deutschen Welle über die Eröffnung der Ibn Rushd-Goethe-Moschee am vergangenen Freitag wurde bis Montagnachmittag 1,6 Millionen Mal angeschaut.
Initiatorin Seyran Ates legt sich zur Eröffnung einer liberalen Moschee ihren Gebetsteppich bereit. Die Eröffnung einer liberalen Moschee durch die Berliner Frauenrechtlerin Seyran Ates hat unter Muslimen im Ausland für große Aufregung gesorgt. Ein Bericht des arabischen Programms der Deutschen Welle über die Eröffnung der Ibn Rushd-Goethe-Moschee am vergangenen Freitag wurde bis Montagnachmittag 1,6 Millionen Mal angeschaut. | Bild: Maurizio Gambarini
Politik
23.06.2017 21:17
Die liberale Moschee in Berlin zieht mit ihren Werten auch viel Zorn auf sich.

Berlin – „Hat jemand die App?“, ruft Seyran Ates. Es herrscht Konfusion und Improvisation. Gesucht wird die korrekte Ausrichtung nach Mekka. Die Gläubigen rollen ihre grünen Gebetsteppiche aus. Dann kann es beginnen: Das erste Gebet in der liberalen Moschee, die sich Seyran Ates, Feministin, Anwältin und sunnitische Muslimin, immer in Berlin gewünscht hat. Eine Woche ist es her, seit Ates das muslimische Gebetshaus eröffnet hat. In die Euphorie mischt sich bereits jetzt Ärger: Die 54-Jährige steht ganz oben auf der roten Liste konservativer und radikaler Muslime.

Wenn in Berlin eine neue Moschee aufmacht, ist das normalerweise kein spektakuläres Ereignis. Schließlich zählt die Hauptstadt inzwischen rund 80 islamische Gebetsstätten – vom repräsentativen Bau mit Kronleuchtern bis zum Hinterhof-Zimmer mit Neon-Beleuchtung. Doch die Ibn Rushd-Goethe-Moschee im Bezirk Moabit ist anders. Nicht nur, dass sie in einem Anbau einer evangelischen Kirche liegt, hier beten Frauen und Männer auch in einem Raum – nicht getrennt wie sonst üblich. Die Moschee soll Sunniten, Aleviten, Schiiten und Sufis gleichermaßen offenstehen. Muslimas müssen kein Kopftuch tragen, auch Frauen dürfen die Predigt halten. Seyran Ates läss sich gerade selbst zur Imamin ausbilden. Sie sagt: „Wir kämpfen für die Liebe“.

Seyran Ates will, dass ihre Moschee dem konservativen Verständnis der Islam-Verbände etwas entgegensetzt.
Seyran Ates will, dass ihre Moschee dem konservativen Verständnis der Islam-Verbände etwas entgegensetzt. Bild: JOHN MACDOUGALL

Ates’ liberale Moschee hat längst die muslimischen Religionswächter in Ägypten auf den Plan gerufen und lässt die türkische Religionsbehörde Diyanet zürnen. Durch ihr Vorgehen würde „die Grundsätze unserer erhabenen Religion missachtet“. Es handele sich um Bemühungen, die Religion „zu untergraben und zu zerstören“. Die Behörde rief „gläubige Brüder“ auf, sich nicht provozieren zu lassen. Ähnlich kritisch wie Diyanet sieht die oberste Religionsbehörde in Kairo den Vorstoß von Ates. Die Konservativen stören sich vor allem an der Gleichstellung von Mann und Frau. „Nein zur Verletzung religiöser Gefühle – nein zur liberalen Moschee“, ließ die Fatwa-Behörde Dar al-Ifta mitteilen. Und sprach ein generelles Verbot gegen liberale Moscheen aus.

Ates ist damit zu einer Frau mit einer Zielscheibe auf dem Rücken geworden – und sie ist nicht die Einzige. Liberale Muslime haben es schwer. „Die meisten Muslime haben Angst. Sie sagen: Wenn ich mich als moderner Muslim zeige, dann werde ich mit Mord bedroht oder beschimpft oder meiner Familie passiert etwas“, sagt Ates. Natürlich sei sie auf Kritik vorbereitet gewesen, „aber dass es so heftig wird, damit habe ich nicht gerechnet“, sagte sie gestern gegenüber unserer Zeitung. In den staatsnahen türkischen Medien werden sie und ihre Mitstreiter als Terroristen angesehen: Die Moschee werde von der im Land verbotenen, angeblich terroristischen Gülen-Bewegung gesteuert. Blödsinn, sagt Ates. „Was wir tun, ist der Gülen-Bewegung doch ebenfalls zutiefst suspekt.“

Selbst die Bundesregierung fühlte sich verpflichtet, sich in die Debatte einzumischen. „Wie, wo, wann und in welcher Weise“ Menschen in Deutschland ihre Religion ausübten, sei ihnen ganz alleine überlassen, betonte der Sprecher des Auswärtigen Amtes, Martin Schäfer. Angriffe auf die Religionsfreiheit in Deutschland werde man nicht dulden.

Frauen hätten in vielen islamisch geprägten Ländern zwar die Möglichkeit, andere Frauen oder Mädchen religiös zu unterweisen oder mit ihnen zusammen zu beten, erklärt die Leiterin des Frankfurter Forschungszentrums Globaler Islam, Susanne Schröter. Die Leitung eines Freitagsgebetes durch eine Frau stelle aber „für den orthodoxen Islam ein Tabu dar, obwohl es nicht durch den Koran verboten ist“. Das Projekt von Ates nennt Schröter „zukunftsweisend“.

Seit Jahren setzt sich Seyran Ates für Frauenrechte ein. Wegen ihres Engagements erhielt sie schon in der Vergangenheit Morddrohungen, zog sich für einige Zeit komplett aus der Öffentlichkeit zurück. Sie wartete darauf, dass jemand in Deutschland den Islam so interpretiert, dass sie sich als demokratie-liebende Feministin damit identifizieren kann – keiner hat es getan, also schritt sie selbst zur Tat. Und schrieb auch gleich ein Buch darüber. „Selam, Frau Imamin“ erzählt die Entstehungsgeschichte ihrer Moschee und kritisiert, dass in Deutschland Islam-Verbände wie Ditib zu viel Einfluss besitzen. In den vergangenen Monaten hat Ates’ gesamte Familie angepackt, um aus dem Traum Realität werden zu lassen. Da das Gebäude, das ihr vorschwebte, noch nicht existiert, hat Ates für ein Jahr den ehemaligen Theatersaal der evangelischen Johanniskirche in Moabit gemietet.

Die neue Moschee soll ein Anlaufpunkt für alle werden, die sich in den konservativen Häusern der Hauptstadt nicht wiederfinden, die ihre Religion losgelöst von politischen Botschaften ausleben wollen. Ein friedlicher Ort. Doch Ruhe und Frieden sind in Ates’ Leben selten. Ihr Telefon klingelt ununterbrochen, 300 E-Mails am Tag fluten ihr Postfach – und sie steht wieder unter Polizeischutz. Ihren natürlichen Verbündeten aus dem links-liberalen Spektrum wirft Ates vor, besorgniserregende Tendenzen in Migranten-Milieus aus falsch verstandener Toleranz totzuschweigen. Sie kritisiert, „dass man bei Minderheiten eine andere Messlatte anlegt“. Und sie mahnt: „Dass die Populisten um AfD und Pegida so stark geworden sind, hat sicher auch damit zu tun, dass wir ihnen bei bestimmten Themen das Feld überlassen haben.“

Muslime in Deutschland

In der Bundesrepublik bekennen sich rund vier Millionen Menschen zum Islam. Allerdings sind sie nicht einheitlich organisiert, sondern zersplittert in viele Verbände. Die Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion (Ditib) ist der Dachverband der rund 900 türkisch-islamischen Vereine in Deutschland. Nach eigenen Angaben vertritt Ditib rund 70 Prozent der in Deutschland lebenden Muslime. Öffentlich und damit prominient in Erscheinung tritt auch immer wieder der 1987 gegründete Zentralrat der Muslime (ZMD) mit dem Vorsitzenden Aiman Mazyek. Er vereinigt 33 muslimische Verbände in der Bundesrepublik. Der vertritt unter anderem Deutsche, Türken, Marokkaner sowie weitere Araber, Albaner, Iraner, Afrikaner und Bosnier.

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