Kardinal Walter Kasper im Gespräch: "Freie Zeit klingt gut, aber ich habe kaum welche"
Kirche
15.04.2017 23:00
Walter Kasper ist einer der bekanntesten deutschen Kardinäle. Er ist nach wie vor aktiv in der Seelsorge – und als Berater des Vatikan. Im Gespräch skizziert er seine Rolle in der katholischen Kirche.

Eminenz, Sie kommen gerade aus Rom. Wie geht es dem Papst?

Oh, es geht ihm gut. Er ist sehr aktiv. Man muss sich wundern, was ein Mann mit 80 Jahren noch alles leistet. Er hat eine ungewöhnliche Ausstrahlung weit über die katholische Kirche hinaus. Er ist ein Glücksfall für die ganze Welt.

Wie oft treffen Sie ihn?

Nicht sehr häufig. Und wenn, dann mit anderen Kardinälen zusammen. Sie müssen bedenken, dass ich emeritiert bin und nicht mehr im aktiven Dienst der Kurie stehe.

Über Sie liest man häufig, dass Sie einen besonderern Einfluss auf den Papst haben, dass Sie die graue Eminenz unter den roten Eminenzen seien. Stimmt das?

Das stimmt mit Sicherheit nicht. Wenn er etwas wünscht, dann tue ich das. Aber ich stehe nicht hinter den Kulissen und lenke. Das ist nicht meine Art.

Was tun Sie dann in Ihrer freien Zeit?

Freie Zeit klingt gut, aber ich habe kaum freie Zeit. Nach wie vor schreibe ich Bücher oder Aufsätze. Dann bin ich ich in Rom oder in Deutschland noch immer als Seelsorger unterwegs. Gelegentlich wenden sich Doktoranden an mich. Mit denen tausche ich mich aus und bin neugierig, was junge Leute denken. Auch in meiner römischen Titelkirche Allerheiligen (Ognissanti), die mein Kardinalswappen trägt, halte ich Gottesdienste.

Vor 60 Jahren wurden Sie zum Preister geweiht und feierten dieses Jubiläum in Hegne. Hatten Sie nie Zweifel an Ihrer Berufung?

Wir damals 40 Priesterkandidaten in einem Jahrgang. In einem Jahrgang, stellen Sie sich das vor! Dass man Fragen hat und Anfechtungen kommen, gehört zum Leben. Auch im Leben eines Priesters passiert das. Ich bin viel gereist, mehrfach um die Welt geflogen in meiner Funktion als Ökumene-Beauftragter. Da gab es häufig Situationen, in denen sich Fragen stellten. Doch das Postive überwog in allem.

Jesus von Nazareth trat vor mehr als 2000 Jahren in die Geschichte ein. Gemessen an der langen Geschichte des Homo sapiens ist das spät. Es war am Ende der Evolution. Auch daran knüpft sich eine Frage, die sich mancher stellt: Warum so spät? Was ist mit den vielen Generationen vor Jesus?

Die Kirchenväter sprechen von einer „Pädagogik Gottes“, die das Volk Israel erst einmal vorbereitet auf das Kommen des Messias, der dann auf Jesus hinführt. Da wird er vorbereitet. Auf der anderen Seite ist Jesus schon vor seiner Fleischwerdung präsent. Er gilt als der ewige Sohn Gottes und war schon immer da. Er ist der Logos, der jeden Menschen erleuchtet. Im Prolog des Johannes-Evangeliums ist davor die Rede. Die Menschen vor Christus sind also nicht verloren.

Dann gibt es auch Christen vor Christi Geburt? Anonyme Christen vor der Zeit, vor dem Jahre Null?

Ja, auch Menschen, die ihn nicht kennen oder kennen konnten, stehen nicht außerhalb des Heils. Jeder, der nach seinem Gewissen lebt, kann im Heil sein. Das will ich nicht ausschließen.

Auch Flüchtlinge aus muslimischen Ländern lassen sich häufig taufen. Können sie das in Italien auch beobachten?

Natürlich, das Christentum hat auf viele Muslime eine Anziehungskraft. Vor allem auf muslimische Frauen. Sie nehmen eine andere Stellung ein, genießen mehr Achtung. Man muss das diskret behandeln, weil die Konvertiten in der eigenen Familie geschnitten werden.

Haben Sie bereits Konversionen erlebt?

Ich habe den Übertritt von evangelischen Christen begleitet, aber nicht von Muslimen.

Wir stehen kurz vor Ostern. Warum werden Taufen häufig auf die Osternacht gelegt?

Die Taufe ist das Sakrament des neuen Lebens. Das Kind erfährt so die österliche Hoffnung, und darum geht es. Außerdem ist es sehr schön, wenn gerade in der Osternacht getauft wird.

Fragen: Uli Fricker

 

Zur Person

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Walter Kasper, 84, ist Kardinal im Ruhestand. Er stammt von der schwäbischen Ostalb und lehrte zunächst als Professor in Tübingen. Seine Bücher zählen in Fachkreisen zu den Standardwerken, sie wurden in viele Sprachen übesetzt. 1989 wurde er zum Bischof von Rottenburg ernannt. Für viele überraschend holte Papst Johannes Paul II. der Schwaben nach Rom und vertraute ihm da Ökumene-Ressort an. 2001 rückte er zum Kardinal auf. 2010 legte er das Amt nieder. Er lebt weiterhin in Rom. Papst Franziskus schätzt Walter Kasper und holt sich gelegentlich Rat bei ihm. – Gefragt ist er auch als Redner, zum Beispiel bei der Volkshochschule. Dieses Interview wurde am Rande einer Veranstaltung der vhs Konstanz geführt. Das Bild zeigt ihn im Kreuzgang des Inselhotels mit SÜDKURIER-Redakteur Uli Fricker. (uli/Bild: privat)

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