Ein explodierendes Munitionsschiff zerstört 1971 eine ganze Stadt
Waldshut
13.07.2017 15:00
Rückblende: 1917 gibt es in Kanada die drittgrößte nichtnukleare Explosion der Weltgeschichte mit 2000 Toten und nahezu 10 000 Verletzten.

Im vierten Jahr des Ersten Weltkriegs traf die kanadische Hafenstadt Halifax am 6. Dezember 1917 eine Katastrophe fast biblischen Ausmaßes. Die Explosion des nach einer Kollision im Hafen in Brand geratenen französischen Munitionsfrachters „Mont Blanc“ zerstörte weite Teile der 50 000-Einwohner-Stadt, tötete nahezu 2000 Personen und verletzte viele Tausende Menschen. Es war die drittgrößte nichtnukleare Explosion der Weltgeschichte.

„Die Stadt Halifax durch eine Explosion zerstört“, lautete die Überschrift einer am 10. Dezember 1917 im Alb-Bote erschienenen Notiz mit diesem Wortlaut: „Newyork. Aus Halifax wird gemeldet: Die Hälfte der Stadt Halifax sei ein Trümmerhaufen infolge einer Explosion. Die Verluste werden auf mehrere Millionen Dollar geschätzt. Der Nordteil der Stadt steht in Flammen. Es gibt Hunderte von Toten und an die 1000 Verwundete.“

Was war passiert? Am Morgen des 6. Dezember 1917 lief der Munitionsfrachter „Mont Blanc“, aus New York kommend, im Hafen von Halifax ein, um sich einem Konvoi nach Europa anzuschließen. Der Frachter transportierte 63 Tonnen Schießbaumwolle, 200 Tonnen TNT-Sprengstoff und 2300 Tonnen explosive Pikrinsäure für die gegen Deutschland kämpfenden Alliierten. In der Enge des Hafens kollidierte die „Mont Blanc“ mit dem norwegischen Viermast-Dampfschiff „Imo“, wobei die von der „Mont Blanc“ ebenfalls geladenen 35 Tonnen Benzol in Brand gerieten. Die französische Mannschaft verließ fluchtartig das führerlos auf den Kai zutreibende, brennende Schiff und versuchte, die nur Englisch sprechende Bevölkerung vor der sich anbahnenden Gefahr zu warnen. Vergeblich. Viele Schaulustige bestaunten das etwa 20 Minuten vor sich hin brennende Schiff.

Die Explosion erfolgte um 9.04 Uhr mit einem riesigen Feuerball, einer Flutwelle und einer ungeheuren Druckwelle. Beide verwüsteten in Sekundenschnelle weite Teile der Stadt. Die Explosion war noch in 300 Kilometer Entfernung zu hören. Im Umkreis von 70 Kilometern gingen Scheiben zu Bruch, der 520 Kilogramm schwere Schaft des Ankers der „Mont Blanc“ wurde fast vier Kilometer weit geschleudert. Nahezu alle Schiffe im Hafen wurden beschädigt. Die Zahl der Toten belief sich auf 1963, 9000 Menschen waren verletzt und 199 erblindeten. Diese Zahl soll jedoch unterschätzt sein, denn viele Personen konnten nicht erfasst werden oder waren anschließend weggezogen. Eine andere Schätzung geht von mehr als 3200 Toten aus. 25 000 Bewohner der Stadt wurden obdachlos. 1600 Häuser wurden zerstört und 12 000 beschädigt. Zehn Minuten lang hielt sich die pilzförmige Explosionswolke aus Staub und Trümmern.

Am 14. Dezember 1917 brachte der Alb-Bote diese Meldung: „Die Agentur Reuter meldet aus London: Die Gesamtzahl der Toten der Katastrophe in Halifax beträgt 1200. 2000 Personen werden vermisst. Die Zahl der Verwundeten beläuft sich auf 8000. 25 000 wurden obdachlos. Der Materialschaden wird auf 30 Millionen Dollar geschätzt.“ Das gesamte Stadtviertel Richmond war dem Erdboden nahezu gleich gemacht. Hunderte Leichen waren derart verstümmelt, dass eine Identifizierung unmöglich war. Das Militär richtete Notspitäler und provisorische Unterkünfte ein und übernahm die Kontrolle über die Stadt. Am Tag nach der Katastrophe behinderte ein Schneesturm die Rettungs- und Aufräumarbeiten.“

Eine Katastrophe dieses Ausmaßes hätte in Friedenszeiten die Zeitungsspalten des Alb-Bote über Tage hinweg gefüllt. So aber blieb es während des Ersten Weltkriegs, an dem fast täglich Tausende auf den Schlachtfeldern starben, bei zwei kurzen Notizen. Hinzu kam, dass sich in Kanada lange Zeit Gerüchte über einen feindlichen Angriff mit Beteiligung deutscher Spione hielten. Und über ein solches Thema wurde 1917/18 in deutschen Zeitungen nicht berichtet. Erst nach jahrelangen Prozessen wurde offiziell festgestellt, dass keine Sabotage im Spiel war. Der überlebende Kapitän der „Mont Blanc“, der wegen der Kollision mit der „Imo“ vor Gericht stand, wurde freigesprochen, der Kapitän der „Imo“ war ums Leben gekommen.

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